Atomkatastrophe in Japan Brennstab-Schmelze brannte Leck in AKW

Neue Probleme im Katastrophen-AKW von Fukushima: Arbeiter haben am Boden der Anlage zerflossene Brennstäbe gefunden. Die radioaktive Masse hat offenbar ein Loch in die Schutzmauer gebrannt. Radioaktiv verseuchtes Wasser ist ausgelaufen.

Gefährliche Reparatur im kaputten AKW: Arbeiter versuchen Lecks zu stopfen
REUTERS

Gefährliche Reparatur im kaputten AKW: Arbeiter versuchen Lecks zu stopfen


Fukushima - Die Schäden am japanischen Unglücksreaktor Fukushima sind größer als bisher angenommen. Die Atomaufsichtsbehörde Nisa erklärte, nach Reparaturen an den Messgeräten deute sich an, dass in Reaktor 1 teilweise geschmolzene Brennstäbe auf den Boden des Reaktordruckbehälters gefallen seien. Möglicherweise seien sie auch in den Sicherheitsbehälter gelangt. Damit könnte sich eine Lösung der Krise in Fukushima noch länger hinziehen als gedacht.

Die extrem heißen Brennstäbe haben offenbar die Hülle eines Reaktors beschädigt. "Es muss ein großes Loch geben", sagte ein Manager der Betreiberfirma Tokyo Electric Power (Tepco). Anders sei der anhaltend niedrige Wasserstand nicht zu erklären, schließlich werden täglich 150 Tonnen Kühlwasser hineingepumpt. Das Wasser sei vermutlich ausgelaufen.

Nach Reparaturarbeiten am Reaktor 1 war festgestellt worden, dass der Kühlwasserstand im Druckbehälter fünf Meter unter dem Normalwert liegt. Das Leck sei schätzungsweise mehrere Zentimeter groß. Es sei wahrscheinlich, dass die Brennstäbe freigelegen hätten - sie würden damit überhitzen.

Nach Darstellung von Tepco sind die Versuche, den Druckbehälter von außen zu kühlen, aber erfolgreich. In Siedewasserreaktoren wie in Fukushima wird Wasser zur Kühlung und zur Abschirmung vor Strahlung verwendet. Auch die zuständige Behörde erklärte, es bestehe keine Gefahr, dass Teile der Brennstäbe durch den Betonboden des Reaktors schmelzen könnten.

Weiter hieß es, die Wasserpegel im Kern der Einheit seien deutlich niedriger als zunächst angenommen. Die Temperaturen lägen jedoch nicht im gefährlichen Bereich. Die Situation im Reaktorkern habe sich seit Beginn der Krise nicht geändert, betonte Behördensprecher Takashi Sakurai. Die Betreiberfirma Tepco hatte eine Messeinrichtung für den Kühlwasserstand im Druckbehälter von Block 1 repariert. Prompt wurde deutlich, dass alle Angaben der letzten Wochen zur Wasserhöhe falsch waren.

"Totaler Blindflug"

"Dieses Ergebnis zeigt, dass sich Tepco im totalen Blindflug befindet", sagt Mycle Schneider, international tätiger Berater für Energie und Atompolitik der Nachrichtenagentur dapd. "Für die weiteren Maßnahmen in Fukushima bräuchte man viel mehr Informationen. Angesichts der vielen offenen Fragen weiß man gar nicht, wo man anfangen soll."

Doch Tepco muss handeln. Vergangene Woche hatte die Firma einen Masterplan vorgelegt: Dazu gehörte, aus Reaktor 1 der Anlage eine Art "Wasser-Sarkophag" zu machen. Das Containment, also die Hülle um den Reaktordruckbehälter, sollte zur Kühlung des Kerns komplett geflutet werden. Damit wäre der innerste, gefährlichste Teil der Anlage komplett von Wasser umgeben. Binnen sechs bis neun Monaten, so Tepco, könne die Anlage stillgelegt werden. Die Ankündigung legte den Eindruck nahe, dass die Gefahr an den Kernreaktoren weitgehend gebannt sei.

Einige Experten hatten seit Tagen vor möglichen katastrophalen Folgen des geplanten Flutens gewarnt. "Wenn der Druckbehälter mit dem Kernbrennstoff ein Leck hat, so wie Tepco es jetzt zugeben musste, ist die Gefahr groß, dass das radioaktive Schmelzmaterial austritt", befürchtet beispielsweise der schottische Atomexperte Shaun Burnie. "Wenn dann eine Mischung aus diesem Material und dem geschmolzenen Metall des Reaktordruckbehälters auf Wasser trifft, kann es zu einer Explosion kommen."

Auch der britische Ingenieur John Large hält ein Fluten des Containments für besonders riskant. Er hat am Mittwoch eine Kurzstudie vorgelegt, die er im Auftrag von Greenpeace erstellt hat. Large sollte untersuchen, welche Auswirkungen ein Fluten des Containments auf den Reaktor hätte. Auch er kommt zu dem Schluss, dass eine erhebliche Gefahr besteht. "Wenn es zu einer Explosion kommt, weil der Druckbehälter schmilzt, kann es Schockwellen geben, die den Reaktor zerstören", sagte Large der Nachrichtenagentur dapd. Das wiederum würde eine erhebliche Menge an Radioaktivität freisetzen.

Fluten oder nicht Fluten?

Was aber ist die Alternative zum Fluten? Large schlägt vor, die bisherige Kühlung des Reaktorkerns beizubehalten, ohne das ihn umgebende Containment mit Wasser zu füllen. Im Gegenteil. Er würde das dort schon befindliche Wasser abpumpen, um die Explosionsgefahr zu mindern. Doch was, wenn sich das geschmolzene Material dann - mangels Kühlung - stark erhitzt und durch den Druckbehälter frisst? Was, wenn es dann auf den Stahlbeton des Containments trifft?

Anders ordnet Sven Dokter, Sprecher der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), die Nachrichten aus Japan ein. Dass es ein Leck im Druckbehälter gebe, heiße nicht zwangsläufig, dass bereits Kernschmelzmaterial aus dem Druckbehälter austrete, betonte er. Bisher vorliegende Daten etwa würden nicht auf einen Austritt von Kernschmelze hindeuten. Die GRS-Experten vermuten ohnehin, dass sich das Leck an der Seite des Druckbehälters befindet - und das gefährliche Nuklearmaterial deshalb bisher wohl nicht austreten konnte. Dann allerdings wäre ein Fluten derzeit ungefährlich.

Damit die Schmelze auch in Zukunft nicht so heiß wird, dass sie den Druckbehälter zerstören kann, ist eine möglichst effektive Kühlung nötig. Deshalb könnte das Fluten des Containments für GRS-Sprecher Dokter alternativlos sein. "Letztlich geht es hier um eine Abwägung. Die Chancen auf eine möglichst effektive Kühlung dürften durch das Fluten steigen", betonte er. "Einmal durch die Kühlung des Druckbehälters von außen, aber auch, weil möglicherweise der Füllstand wieder steigt, sobald der Wasserspiegel außen über die Leckstelle steigt."

In Fukushima gibt es weiter viele offene Fragen - und zwei Gewissheiten. Erstens: Die Daten, die Tepco veröffentlicht, haben äußerst begrenzten Wert. Und zweitens: Entgegen allen anders lautenden Behauptungen sind die Reaktoren noch lange nicht unter Kontrolle.

boj/dapd/Reuters

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Seite 1
Hannovergenuss, 12.05.2011
1. ......
"In Fukushima gibt es weiter viele offene Fragen - und zwei Gewissheiten. Erstens: Die Daten, die Tepco veröffentlicht, haben äußerst begrenzten Wert. Und zweitens: Entgegen allen anders lautenden Behauptungen sind die Reaktoren noch lange nicht unter Kontrolle." Ihre Gewisssheiten sind falsch! Tepco kann auch nur Daten veröffentlichen und tut dies auch die irgendwie erhoben werden können. Zeigten die Messinstrumente etwas falsches an, wie in diesem Fall, gibt es einfach keine anderen Daten. Tepco hat nie behauptet das die Reaktoren unter Kontrolle sind sondern das sie "versuchen" sie in 3-9 Monaten unter vollständige Kontrolle zu bekommen... Bisschen Unsauber ihr Journalismus.... Zitat: Nach Presseangaben (NHK) wurde am Donnerstagmorgen, dem 12.05.2011, festgestellt, dass der Füllstand des Wassers im RDB mehr als 1 m unterhalb der Kernunterkante bzw. der Brennstäbe liegt. Zuvor war die Füllstandsmesseinrichtung am 10.05.2011 kalibriert worden. TEPCO soll vermutet haben, dass die Füllstandsmesseinrichtung vorher nicht richtig funktionierte, weil kein Füllstandsanstieg nach der Erhöhung der Einspeisemenge in den RDB zu verzeichnen war. TEPCO vermutet, dass das in den RDB eingespeiste Wasser über eine Leckage aus dem RDB fließt und dadurch der Füllstand nicht die Kernunterkante erreicht. Die gemessenen Temperaturen am unteren Bereich des RDB zwischen 100 °C und 120 °C lassen vermuten, dass die aus ihrer ursprünglichen Position nach unten gelangten Brennelemente dort vom umgebenden Wasser gekühlt werden. Die Einspeisemenge in den RDB soll erhöht werden. Nach Presseangaben erklärte NISA, falls die gemessenen Daten richtig seien, wäre der Kernbrennstoff geschmolzen und befände sich auf dem Boden des RDB. NISA geht davon aus, dass der Kernbrennstoff gekühlt wird.
Günter Bodendörfer 12.05.2011
2. Geben
Zitat von Hannovergenuss"In Fukushima gibt es weiter viele offene Fragen - und zwei Gewissheiten. Erstens: Die Daten, die Tepco veröffentlicht, haben äußerst begrenzten Wert. Und zweitens: Entgegen allen anders lautenden Behauptungen sind die Reaktoren noch lange nicht unter Kontrolle." Ihre Gewisssheiten sind falsch! Tepco kann auch nur Daten veröffentlichen und tut dies auch die irgendwie erhoben werden können. Zeigten die Messinstrumente etwas falsches an, wie in diesem Fall, gibt es einfach keine anderen Daten. Tepco hat nie behauptet das die Reaktoren unter Kontrolle sind sondern das sie "versuchen" sie in 3-9 Monaten unter vollständige Kontrolle zu bekommen... Bisschen Unsauber ihr Journalismus.... Zitat: Nach Presseangaben (NHK) wurde am Donnerstagmorgen, dem 12.05.2011, festgestellt, dass der Füllstand des Wassers im RDB mehr als 1 m unterhalb der Kernunterkante bzw. der Brennstäbe liegt. Zuvor war die Füllstandsmesseinrichtung am 10.05.2011 kalibriert worden. TEPCO soll vermutet haben, dass die Füllstandsmesseinrichtung vorher nicht richtig funktionierte, weil kein Füllstandsanstieg nach der Erhöhung der Einspeisemenge in den RDB zu verzeichnen war. TEPCO vermutet, dass das in den RDB eingespeiste Wasser über eine Leckage aus dem RDB fließt und dadurch der Füllstand nicht die Kernunterkante erreicht. Die gemessenen Temperaturen am unteren Bereich des RDB zwischen 100 °C und 120 °C lassen vermuten, dass die aus ihrer ursprünglichen Position nach unten gelangten Brennelemente dort vom umgebenden Wasser gekühlt werden. Die Einspeisemenge in den RDB soll erhöht werden. Nach Presseangaben erklärte NISA, falls die gemessenen Daten richtig seien, wäre der Kernbrennstoff geschmolzen und befände sich auf dem Boden des RDB. NISA geht davon aus, dass der Kernbrennstoff gekühlt wird.
Sies auf, das wird nichts mehr, die Superkatastrophe ist auch mit noch soviel Sand nicht mehr unsichtbar zu machen. Wir alle wissen doch, dass die erste Kernschmelze bereits am Montag nach dem Beben stattgefunden hat, Reaktor 2, Sie erinnern sich? Bisher gabs 3 Kernschmelzen, die Reaktoren 1,2 und 3. 4 ist nicht ganz klar, ebenso wie der Zustand der Abklingbecken wobei eines sicher ist, beschissen dürfte ein Euphemismus sein.
obenauf 12.05.2011
3. lange Zeit war die " beruhigende message"
Zitat von sysopNeue Probleme im Katastrophen-AKW von Fukushima: Arbeiter haben am Boden der Anlage*zerflossene Brennstäbe gefunden. Die radioaktive Masse hat offenbar ein Loch in die Schutzmauer gebrannt. Radioaktiv versuchtes Wasser ist ausgelaufen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,762281,00.html
das wahrscheinlich "nur" das Containment von Block 2 undicht ist. Dieses Märchen, welches sich durch eine eingefrorene Wasserstandsanzeige (oder durch Vorsatz) solange halten konnte, ist geplatzt. Nun war Block 1 der kleinste unter den Brüdern soweit ich mich erinnere. das Containment von 2 wird also wie wohl sicher auch von Nr.3 im Eimer sein. das Video das seit ca seit drei tagen vom Abklingbecken drei kursiert ist gruselig und spricht Bände. Das Reaktor 4 Gebäude steht schon schief http://mdn.mainichi.jp/mdnnews/news/20110511p2a00m0na018000c.html Das Niveau der Verstrahlung ist vor Ort jetzt schon über Tschernobylniveau und es breitet sich immer weiter aus durch alle Lecks und Risse, die tagtäglich durchspült und frisch kontaminiert werden.
ichse-michse 12.05.2011
4. Na endlich...
Zitat von Hannovergenuss"In Fukushima gibt es weiter viele offene Fragen - und zwei Gewissheiten. Erstens: Die Daten, die Tepco veröffentlicht, haben äußerst begrenzten Wert. Und zweitens: Entgegen allen anders lautenden Behauptungen sind die Reaktoren noch lange nicht unter Kontrolle." Ihre Gewisssheiten sind falsch! Tepco kann auch nur Daten veröffentlichen und tut dies auch die irgendwie erhoben werden können. Zeigten die Messinstrumente etwas falsches an, wie in diesem Fall, gibt es einfach keine anderen Daten. Tepco hat nie behauptet das die Reaktoren unter Kontrolle sind sondern das sie "versuchen" sie in 3-9 Monaten unter vollständige Kontrolle zu bekommen... Bisschen Unsauber ihr Journalismus.... Zitat: Nach Presseangaben (NHK) wurde am Donnerstagmorgen, dem 12.05.2011, festgestellt, dass der Füllstand des Wassers im RDB mehr als 1 m unterhalb der Kernunterkante bzw. der Brennstäbe liegt. Zuvor war die Füllstandsmesseinrichtung am 10.05.2011 kalibriert worden. TEPCO soll vermutet haben, dass die Füllstandsmesseinrichtung vorher nicht richtig funktionierte, weil kein Füllstandsanstieg nach der Erhöhung der Einspeisemenge in den RDB zu verzeichnen war. TEPCO vermutet, dass das in den RDB eingespeiste Wasser über eine Leckage aus dem RDB fließt und dadurch der Füllstand nicht die Kernunterkante erreicht. Die gemessenen Temperaturen am unteren Bereich des RDB zwischen 100 °C und 120 °C lassen vermuten, dass die aus ihrer ursprünglichen Position nach unten gelangten Brennelemente dort vom umgebenden Wasser gekühlt werden. Die Einspeisemenge in den RDB soll erhöht werden. Nach Presseangaben erklärte NISA, falls die gemessenen Daten richtig seien, wäre der Kernbrennstoff geschmolzen und befände sich auf dem Boden des RDB. NISA geht davon aus, dass der Kernbrennstoff gekühlt wird.
... mal ein Fachmann, der uns die Datenflut wenigstens etwas durchschaubarer interpretiert^^ Kühlung funzt - alles schick^^ Ich erinnere Sie schon mal an Ihre Prognose zu Anfang 2012 ... da kehren die ersten Anwohner bereits offiziell in die Sperrzone zurück.
MtSchiara 12.05.2011
5. Rückkehr nach Fukushima
Zitat von ichse-michse... mal ein Fachmann, der uns die Datenflut wenigstens etwas durchschaubarer interpretiert^^ Kühlung funzt - alles schick^^ Ich erinnere Sie schon mal an Ihre Prognose zu Anfang 2012 ... da kehren die ersten Anwohner bereits offiziell in die Sperrzone zurück.
Genau das ist zu erwarten: wenn Jod 137 abgeklungen ist, können die älteren Anwohner zurück. Nur für die jüngeren bleibt es erst mal ein erhöhtes Risiko.
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