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13. März 2011, 06:48 Uhr

Atomkatastrophe in Japan

Kernschmelze in zweitem Reaktor

Die Lage im AKW Fukushima gerät außer Kontrolle: Die Regierung geht davon aus, dass es in einem weiteren Reaktor der Anlage zu einer teilweisen Kernschmelze gekommen ist. In der Nähe des AKW Onagawa wurde eine 400 Mal höhere Radioaktivität als normal gemessen.

Tokio - Immer neue Probleme treten im AKW Fukushima 1 auf: Nach Angaben der Regierung in Japan ist es in einem weiteren Atomreaktor des Kernkraftwerks offenbar zu einer teilweisen Kernschmelze gekommen. Die Brennstäbe in Reaktor 3 seien eine Zeitlang nicht von Wasser bedeckt gewesen, weil das Kühlsystem ausgefallen sei, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. "Es kann sein, dass es eine geringe Kernschmelze gab."

Um Druck von dem überhitzten Reaktor zu nehmen, sei Dampf abgelassen worden. Damit wurde wohl auch eine geringe Menge Radioaktivität freigesetzt. Am Sonntag sei Meerwasser zur Kühlung in den Reaktor 3 eingeleitet worden. In dem Gebäude um den Reaktorkern habe sich Wasserstoff angesammelt. "Wir können nicht ausschließen, dass sich im Bereich des Reaktors 3 wegen einer möglichen Ansammlung von Wasserstoff eine Explosion ereignen könnte", sagte Regierungssprecher Edano. Sollte dies eintreten, werde dies aber "kein Problem" für den Reaktor bedeuten.

Am Samstagnachmittag hatte eine solche Explosion das Gebäude rund um Reaktor 1 zerstört. Die Betreibergesellschaft Tokyo Electric Power (Tepco) versicherte, dass der Schutzmantel von Reaktor 1 nicht beschädigt worden sei. Die japanische Atomaufsicht stufte den Vorfall als "Unfall" der Stufe vier auf der internationalen Bewertungsskala von null bis sieben ein.

Wie jetzt beim Reaktor 3, versuchen Experten den Reaktor 1 mit einem Gemisch aus Meerwasser und Borsäure zu kühlen. Die 40 Jahre alten Reaktoren werden durch das Einleiten von salzigem Wasser nach Ansicht von Experten dauerhaft beschädigt. Dies sei eine verzweifelte Maßnahme, sagte der US-Energieexperte Robert Alvarez, die nun tagelang fortgeführt werden müsse. Zunächst unklar blieb, wie weit eine vermutete Kernschmelze in Reaktor 1 fortgeschritten war.

Nach Angaben von Hisanori Nei von der Atomsicherheitsbehörde wird die Möglichkeit als groß angesehen, dass es schon vor der Explosion vom Samstag zu einer teilweisen Kernschmelze gekommen ist. Radioaktive Isotope in der Luft würden darauf hinweisen. Ingenieure hätten sich den Reaktorkernen aber noch nicht weit genug nähern können, um die Lage einzuschätzen. Die Aussagen der Regierung, von Behörden und Betreibergesellschaft widersprechen sich zum Teil.

Es gebe keine Notwendigkeit neuer Evakuierungsmaßnahmen, sagte Edano. Kurzzeitig seien erhöhte Strahlenwerte gemessen worden. Bis zu 160 Menschen, darunter 60 Senioren und medizinisches Personal, das in der Nähe von Futabe auf einen Transport gewartet hatte, könnten verstrahlt worden sein, sagte ein Sprecher der Atomenergiebehörde. In der Nähe des Kraftwerks Fukushima seien 19 Personen verstrahlt worden, meldet die Nachrichtenagentur Kyodo am Sonntagmorgen. Aus einem Gebiet von 20 Kilometern um das Kernkraftwerk, das etwa 270 Kilometer nördlich von Tokio liegt, wurden inzwischen rund 210.000 Menschen in Sicherheitgebracht.

Außerdem ist bei drei Reaktoren des zwölf Kilometer entfernten Kernkraftwerks Fukushima 2 die Kühlung ausgefallen. Dort sei die Situation aber unter Kontrolle, sagte der Regierungssprecher.

Stark erhöhte Strahlung in weiterer Provinz

Auch in der nordöstlichen japanischen Provinz Miyagi haben Atomexperten eine 400 Mal höhere Radioaktivität als normal gemessen. Das meldete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf die Betreibergesellschaft Tohoku. Dort steht das AKW Onagawa. Ein Sprecher des Unternehmen sagte, die Reaktoren in der Region seien stabil. Man gehe davon aus, dass die erhöhte Radioaktivität nicht von dem Reaktor des AKW Onagawa stamme.

Rund 200 vom Tsunami betroffene Menschen hätten sich auf das Gelände des Kernkraftwerks in Sicherheit gebracht, berichtet der öffentlich-rechtliche Sender NHK. Die Strahlungsintensität betrage innerhalb der Gebäude 10 Mikrosievert in der Stunde und stelle keine unmittelbare Gefahr da. Außerhalb der Anlage wurden 21 Mikrosievert gemessen.

Es bestünden keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen, hieß es. Experten vermuten, dass der Wind Radioaktivität aus der Provinz Fukushima herübergeweht habe.

Einem Bericht der "Bild am Sonntag" zufolge waren unter den Arbeitern des Katastrophen-Kraftwerks Fukushima 1 auch zehn deutsche Energietechniker des Kraftwerkherstellers "Areva". Während des schweren Erdbebens arbeiteten sie auf dem Gelände des Unglücksreaktors. Das bestätigte der Leiter der Unternehmenskommunikation, Mathias Schuch, der Zeitung."Sie haben das Kraftwerk nach dem Beben sofort verlassen und sind ins Landesinnere geflohen. Alle zehn sind gesund und wohlauf", sagte er. Die Techniker hätten in dem Reaktorblock 4, der schon vor dem Beben abgeschaltet worden war, Wartungsarbeiten durchgeführt.

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amz/ore/dapd/Reuters/AFP

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