Atomenergie Frankreich will angeblich sechs neue AKW bauen

Deutschland steigt aus der Atomkraft aus - und Frankreich offenbar weiter ein. Laut einem Medienbericht plant Paris sechs neue AKW. Die Grünen im Bundestag sehen das extrem kritisch.

Der EPR in Flamanville wird teurer und später fertig als geplant
Lou Benoist / AFP

Der EPR in Flamanville wird teurer und später fertig als geplant


Ihren Gegnern gilt die Kernenergie als potenziell risikoreich, ihren Befürwortern als klimafreundlich. In jedem Fall ist sie teuer. Erst kürzlich musste das französische Energieunternehmen Electricité de France (EDF) eingestehen, dass der Neubau eines Druckwasserreaktors im nordfranzösischen Flamanville weitere 1,5 Milliarden Euro mehr kosten wird als ursprünglich geplant. Grund sind Probleme mit den Schweißnähten.

Die Gesamtkosten des dort im Bau befindlichen EPR-Projektes werden damit auf 12,4 Milliarden Euro geschätzt - fast vier Mal so viel wie veranschlagt. Er soll auch erst frühestens Ende 2022 ans Netz gehen können. Das wären zehn Jahre nach dem ursprünglichen Plan.

Dem Zutrauen der französischen Regierung in die Atomkraft im Allgemeinen und den EPR im Speziellen scheint das aber keinen Abbruch zu tun. Die französische Tageszeitung "Le Monde" berichtete am Montag von einem Brief, den Umweltministerin Elisabeth Borne und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire an EDF-Chef Jean-Bernard Lévy geschrieben haben sollen. Darin ist der Zeitung zufolge die Rede vom Neubau von insgesamt sechs EPR, die paarweise an drei Standorten im Land errichtet werden sollen. Die Neubauten sollten über einen Zeitraum von 15 Jahren erfolgen.

"Pleiten, Pech und Pannen"

Erste Kritik an den Plänen gibt es bereits: "Trotz immer teureren Pleiten, Pech und Pannen beim AKW-Neubau am Ärmelkanal bekommt der Neubau sechs weitere solcher Problemmeiler den Vorzug", beklagt die Grünenpolitikerin Sylvia Kotting-Uhl, Vorsitzende des Umweltausschusses im Bundestag im Gespräch mit dem SPIEGEL. Die Bundesregierung müsse sofort Gespräche mit Frankreich aufnehmen, "um etwas gegen diesen gefährlichen Irrsinn zu unternehmen".

Offiziell hat Präsident Emmanuel Macron die EDF-Führung bisher nur gebeten, bis Mitte 2021 Unterlagen vorzulegen, wie es mit der Atomkraft in Frankreich in Zukunft weitergehen könnte. Derzeit werden rund 72 Prozent des französischen Stroms von Kernkraftwerken erzeugt.

Der EPR galt lange Zeit als Hoffnung der europäischen Atomindustrie. An seiner Entwicklung war auch der deutsche Siemens-Konzern beteiligt, der mit dem Projekt aber nichts mehr zu tun hat. Angeboten wird die Technik heute vom französischen Unternehmen Framatome. Bislang laufen nur zwei EPR-Blöcke im chinesischen Taishan. Gebaut werden weitere Anlagen in Finnland und Großbritannien. Auch dort, am Meiler Hinkley Point C, waren die Kosten um rund drei Milliarden Euro gegenüber dem ursprünglichen Plan gestiegen.

chs

Mehr zum Thema


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.