Atomwaffen Das neue nukleare Wettrüsten

Russland hat womöglich einen atomar betriebenen Marschflugkörper getestet. Die USA investieren Milliarden in neue Kernwaffen. Die Rüstungskontrolle liegt in Trümmern. Welche Chance hat da die Diplomatie?
Indische Studenten protestieren gegen Kernwaffen - in Erinnerung an den Atombombenabwurf in Hiroshima

Indische Studenten protestieren gegen Kernwaffen - in Erinnerung an den Atombombenabwurf in Hiroshima

Foto: DIVYAKANT SOLANKI / EPA-EFE / REX

Es kommt nicht oft vor, dass die russische Regierung sich der Instrumente der Basisdemokratie bedient. Die Onlineabstimmung , die der Kreml vergangenen März startete, war also etwas Besonderes. Wladimir Putin hatte öffentlich mit der Entwicklung neuer Hightechwaffen geprahlt und nun durfte die interessierte Öffentlichkeit bestimmen, wie sie heißen sollen. Für ein Lasersystem zum Abschuss von Flugzeugen und Raketen, ein unbemanntes Unterwasserfahrzeug, das sich mit Atomwaffen bestücken lässt, und ein Marschflugkörper mit Nuklearantrieb wurden Namen gesucht.

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Als Favorit für Letzteren setzte sich knapp der "Burewestnik" durch, zu Deutsch "Sturmvogel". Nach erfolgreichem Onlinevoting verschwand der Vogel so schnell vom Radar der Öffentlichkeit, wie er gekommen war. Seit rund zehn Tagen bestimmt die Waffe nun plötzlich wieder weltweit die Nachrichten. Bei einem mutmaßlichen Test des "Burewestnik"-Systems, von der Nato SSC-X-9-"Skyfall" genannt, auf einer schwimmenden Plattform nördlich von Njonoksa im Nordwesten Russlands, kam es zu einer Explosion. Dabei starben mindestens fünf Menschen, zeitweise wurde in der Region außerdem eine erhöhte radioaktive Strahlung gemessen.

Ob tatsächlich ein "Sturmvogel"-Geschoss detonierte und was genau passiert ist, bleibt bis heute unklar. Bis auf winzige Mengen radioaktiven Iodes, die eine norwegische Messstation  aufgefangen hat, gibt es auch keine Messungen strahlender Partikel außerhalb Russlands.

Der Vorfall in Russland könnte ein neues globales Wettrüsten markieren

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Man kann die Explosion von Njonoksa trotzdem als weithin sichtbaren Hinweis sehen - als einen Hinweis darauf, dass die Welt vor einem neuen nuklearen Wettrüsten steht. Russland könnte immerhin eine neue Waffe getestet haben, mit der sich auch Kernsprengköpfe transportieren ließen - und zwar auf eine nie dagewesene Art: Ein Marschflugkörper, der sich mit einem Nuklearantrieb fortbewegt, würde fast beliebig lange in der Luft bleiben können und wäre von einer gegnerischen Raketenabwehr nicht abzuschießen. So behauptet es der Kreml.

US-Präsident Donald Trump beeilte sich, auf Twitter zu versichern, auch sein Land verfüge über solche Fähigkeiten. Nur seien die sogar noch fortschrittlicher. Ein Sprecher der russischen Präsidialadministration keilte zurück, Putin habe bereits mehrfach klargestellt, dass die russischen Waffeningenieure anderen Ländern weit voraus seien.

"Wir befinden uns bereits in einer nuklearen Aufrüstung", kommentiert der Politikwissenschaftler Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr in München das verbale Kräftemessen beider Staaten. Russland habe kein einziges Militärmanöver in den vergangenen zwei Jahren ohne "nukleare Komponente" absolviert. Und auch die USA erneuerten derzeit mit Milliardenaufwand ihre Kernwaffen, dabei setze das Land gezielt auf kleinere, sogenannte taktische Atomwaffen.

Ein erstes Exemplar des nur etwa 164 Kilo schweren Sprengkopfs vom Typ W76-2 soll in absehbarer Zeit einsatzfähig sein . Kritiker argumentieren, kleinere Sprengköpfe senkten die Hemmschwelle für einen nuklearen Erstschlag - weil die Folgen beherrschbar erschienen. Befürworter führen dagegen an, die Sprengköpfe erlaubten flexiblere militärische Einsätze und machten die nukleare Abschreckung damit glaubwürdiger. Auch die auf dem deutschen Fliegerhorst Büchel stationierten Atombomben der USA, Freifallbomben des Typs B61-3 und -4, werden in absehbarer Zeit durch das neue Modell B61-12 ersetzt. Das hatte noch die Obama-Regierung beschlossen.

Hyperschallwaffen könnten in wenigen Jahren einsatzbereit sein

Eine ganz neue Art von Risiko könnte ein Waffentyp bringen, an dem beide Staaten, aber auch Länder wie China oder Frankreich arbeiten: sogenannte Hyperschallwaffen. Sie fliegen mit fünffacher Schallgeschwindigkeit zu ihrem Ziel und bleiben dabei manövrierfähig. Sie könnten Atomsprengköpfe schnell und ohne echte Möglichkeit zur Abwehr abliefern.

"Wenn diese Waffen funktionieren, wird das die strategische Stabilität komplett aus den Angeln heben", warnt Forscher Masala. Es dauere nur noch etwa drei, vielleicht fünf Jahre, bis sie einsatzbereit seien. "Wir bewegen uns unweigerlich in eine Phase des nuklearen Rüstens, in der weniger auf Masse als auf Klasse der Waffen gesetzt werden wird."

Im Kalten Krieg hatte die nukleare Abschreckung die Supermächte irgendwann dazu gebracht, sich auf Verträge zur Rüstungskontrolle zu einigen. Das Wettrüsten wäre sonst schlicht zu teuer geworden. Doch dieser Schutzwall internationaler Vereinbarungen hat inzwischen schwere Risse bekommen.

Russland und die USA haben gerade den INF-Vertrag über das Verbot landgestützter Mittelstreckenwaffen aufgekündigt. "Der Verlust des INF-Vertrags macht die Verlängerung des New Strategic Arms Reduction Treaty (New Start) umso wichtiger", warnen  die Experten der rüstungskritischen Arms Control Association in Washington. Doch ob beide Seiten ein Interesse daran haben, diesen im Jahr 2021 auslaufenden Vertrag über strategische Atomwaffen tatsächlich am Leben zu erhalten, ist sehr zweifelhaft.

Keinerlei Anreize für China, sich an einem globalen Kontrollregime zu beteiligen

Kompliziert wird es auch, weil die bisherigen Vereinbarungen Länder wie China nicht erfassen. "Die nukleare Welt ist nach wie vor eine Zweiklassengesellschaft", sagt Oliver Meier, stellvertretender Forschungsgruppenleiter Sicherheitspolitik, bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. "Die kleineren Atomwaffenstaaten, und dazu zählt auch China, signalisieren den Großen, dass ihnen diese erst entgegenkommen müssten, bevor es Gespräche über multilaterale Rüstungskontrolle gibt."

Das heißt: Erst wenn Amerikaner und Russen massiv Sprengköpfe einmotten und verschrotten, wird es für China überhaupt erst interessant, sich an Rüstungskontrollverträgen zu beteiligen. Doch genau das passiert nicht. Mit dem Ende des INF-Vertrags und dem drohenden Aus von New Start drohe sich der Abstand sogar wieder zu vergrößern, warnt Meier. "Das ist genau der falsche Schritt, wenn man die Chinesen für Rüstungskontrolle gewinnen will."

Länder wie Indien und Pakistan haben ebenfalls kein Interesse an Rüstungskontrolle, für sie sind Atomwaffen wichtig für die gegenseitige Abschreckung. Zuletzt hat sich das Verhältnis beider Staaten, die um die geteilte Kaschmir-Region streiten, massiv verschlechtert.

Israel hat bis heute noch nicht einmal offiziell bestätigt, Atomwaffen zu besitzen. Nordkorea hat zwar welche, will sie aber nicht - wie von den USA gefordert - abgeben. Stattdessen testet das Land weiter Raketen. Iran nutzt die Drohung einer nuklearen Waffenentwicklung ebenfalls im Atomstreit mit den USA. Satellitenbilder legen nahe, dass die Regierung in den kommenden Tagen eine Rakete starten dürfte, diese wird wohl offiziell einen zivilen Satelliten transportieren.

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Ausgerechnet Saudi-Arabien, der Erzfeind Irans, zeigt ebenfalls großes Interesse an Nukleartechnologie - in diesem Fall allerdings mit Billigung und Unterstützung der USA.

Erschwert werden Vorstöße zur Rüstungskontrolle auch durch das aktuelle politische Spitzenpersonal. "Mindestens vier Atomwaffenstaaten - die USA, Russland, Indien und Pakistan - werden heute von Populisten regiert", sagt Meier. Und die Kraftprotze und Lautsprecher in den politischen Spitzenämtern haben einstweilen keine Lust auf Abrüstung. Die "Doomsday Clock", auf der die Zeitschrift "Bulletin of the Atomic Scientists" die Gefahr einer weltweiten Katastrophe bewertet, steht auch wegen der verfahrenen Situation bei der Rüstungskontrolle auf zwei Minuten vor zwölf.

Bleibt der "Sturmvogel" am Boden?

Zwei Minuten vor zwölf, dort stand die symbolträchtige Uhr schon einmal - als 1953 der Koreakrieg tobte. Die USA hatten gerade ihre erste Wasserstoffbombe getestet, die Sowjetunion arbeitete ebenfalls mit Hochdruck an der Technik.

Ob Russlands nuklear betriebener Marschflugkörper jemals fliegen wird, ist allerdings nicht klar. Nach US-Geheimdienstangaben  sollen bereits mehrere Tests fehlgeschlagen sein. Die USA hatten in den Fünfziger- und Sechzigerjahren ein ähnliches Projekt namens Pluto vorangetrieben, es letzten Endes aber eingestellt. Weil der Flugkörper im Flug eine radioaktive Spur hinter sich hergezogen hätte, wollte man die Waffe nicht weiter testen. Vielleicht ergeht es auch dem "Sturmvogel" ähnlich, und er bleibt am Boden.

Vielleicht, so mutmaßt der Waffenexperte HI Sutton, hat das russische Militär vor Njonoksa jedoch auch eine ganz andere Waffe getestet - und das wäre keine bessere Nachricht. Sutton spekuliert nämlich , womöglich sei der mit mehreren Atomsprengköpfen zu bestückende Megatorpedo "Poseidon" ausprobiert worden. Das ist eine weitere von Putins zuletzt präsentierten Wunderwaffen. Ihr Spitzname: die "Weltuntergangsmaschine".


Zusammengefasst: Die USA, Russland und andere Atomwaffenstaaten investieren massiv in ihr Arsenal. Gleichzeitig wird die internationale Rüstungskontrolle immer schwächer. Experten gehen davon aus, dass es schwierig wird, Staaten wie China in Zukunft dort einzubinden. Erschwert wird die Lage durch das Aufkommen komplett neuer Waffentypen wie Hyperschallwaffen.

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