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17. Januar 2016, 17:55 Uhr

Kalter Krieg

Was wurde aus der Neutronenbombe?

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Die Neutronenbombe war eine gespenstische Waffe des Kalten Kriegs: Sie sollte sowjetische Soldaten qualvoll töten, Gebäude, Straßen und Fabriken aber intakt lassen. Stationiert wurde sie nie - zum Glück für Deutschland.

Noch kurz vor seinem Tod war der Erfinder der Neutronenbombe davon überzeugt, dass seine Waffe die Welt besser machen könnte. "Sie ist die vernünftigste und moralischste Waffe, die jemals entwickelt wurde", sagte der 89-jährige Samuel Cohen im September 2010 der "New York Times". "Sie ist die einzige Atomwaffe der Geschichte, die in der Kriegführung sinnvoll ist. Wenn der Krieg vorbei ist, ist die Welt noch intakt."

Dieses Argument funktioniert freilich nur unter der Annahme, dass Krieg im Allgemeinen und der qualvolle Strahlentod von Menschen im Besonderen nicht unvernünftig sind. Zumindest technisch gesehen aber hatte Cohen, der im Dezember 2010 an Magenkrebs starb, durchaus recht. Die Bombe, die er 1958 erfand und die 1962 erstmals getestet wurde, explodierte einige Hundert Meter über dem Boden und entfaltete im Umkreis von nur etwa einem Kilometer ihre Wirkung. Eine langfristige radioaktive Verseuchung gab es nicht - angeblich konnte man schon 24 Stunden später das Gebiet gefahrlos betreten.

"Man kotzt sich die Eingeweide heraus"

Während die Wirkung anderer Atomwaffen vor allem auf der Druck- und Hitzewelle beruht, konstruierte Cohen seine Bombe so, dass sie einen Großteil ihrer Energie in Form harter Neutronenstrahlung freisetzt. Genutzt wird dabei die Kernfusion; die Neutronenbombe ist eine spezielle Version der Wasserstoffbombe. Die freigesetzten Neutronen durchdringen selbst schwere Materialien weitgehend ungehindert, haben auf Lebewesen aber eine verheerende Wirkung.

Das war auch Cohen klar. Wer einen Kilometer vom Explosionsherd entfernt steht, sei "physiologisch die elendeste Kreatur, die man sich vorstellen kann", sagte Cohen in einem TV-Interview. "Man kotzt sich die Eingeweide heraus, und der Kopf fühlt sich an, als würde er platzen." Da die Neutronenstrahlung auch die Außenhülle sowjetischer Panzer nahezu ungehindert durchdrungen hätte, hielten Befürworter die Bombe für ein effektives Mittel gegen eine Invasion der Sowjets in Westeuropa.

Kritiker wandten allerdings früh ein, dass die Idee, Moskaus Panzerarmeen zu stoppen und zugleich das angegriffene Gebiet - in diesem Fall vor allem Deutschland - intakt zu lassen, auf mehreren Trugschlüssen basiert. Zwar setzt eine Neutronenbombe 30 bis 45 Prozent ihrer Energie sofort in Strahlung um, was bis zu zehnmal mehr ist als bei normalen Atomwaffen. Doch mindestens die Hälfte ihrer Energie fließt nach wie vor in die Druck- und Hitzewelle. Zivile Gebäude würden innerhalb des Explosionsradius kaum stehen bleiben.

Da der Wirkungsbereich taktischer Neutronenwaffen klein ist, hätte man zudem Hunderte, wenn nicht gar Tausende von ihnen einsetzen müssen, um einen massiven Angriff sowjetischer Panzerarmeen spürbar zu verlangsamen. Das Ergebnis wären aller Wahrscheinlichkeit nach schwere Verwüstungen gewesen.

"Symbol der Perversion menschlichen Denkens"

Hinzu kamen weitere ethische Argumente. Denn je nachdem, wie viel Strahlung Menschen abbekommen, kann ihr Tod noch grausamer sein als von Cohen beschrieben. Akut Strahlenkranke leiden wochenlang unter Erbrechen, Durchfall und Lähmungen und werden von Krämpfen geschüttelt, ehe sie sterben. Bei geringeren Strahlendosen können sie noch viele Jahre später dem Krebs zum Opfer fallen. Auch aus diesem Grund bezeichnete etwa der SPD-Politiker Egon Bahr die Neutronenbombe als "Symbol der Perversion menschlichen Denkens".

Während andere am Atomwaffenprogramm der USA beteiligte Physiker später Schuldgefühle hegten, trommelte Cohen jahrzehntelang für seine Erfindung. Doch eine US-Regierung nach der anderen weigerte sich, Neutronenbomben in ihr Arsenal aufzunehmen. Präsidenten John F. Kennedy etwa wollte das Wettrüsten mit der Sowjetunion nicht weiter beschleunigen. Sein Nachfolger Lyndon B. Johnson lehnte den Einsatz von Neutronenbomben in Vietnam ab, weil er eine internationale Verurteilung der USA befürchtete. Jimmy Carter wiederum glaubte, die Neutronenbombe könnte die Abrüstungsverhandlungen mit den Sowjets torpedieren.

Das vielleicht wichtigste Argument gegen die Neutronenbombe war aber ironischerweise jenes, das Cohen selbst für seine Waffe ins Feld führte: die im Vergleich zu anderen Atomwaffen geringeren Kollateralschäden. Das - so befürchteten nicht nur Friedensaktivisten, sondern auch US-Militärs - könnte die Hemmschwelle zu einem tatsächlichen Einsatz von Atomwaffen senken, der dann womöglich zu einem umfassenden nuklearen Schlagabtausch zwischen den Supermächten eskaliert.

"Effektives Mittel, Krieg auf moralische Art zu führen"

Erst 1981 änderten die USA ihren Kurs: Präsident Ronald Reagan bestellte 700 Neutronen-Sprengköpfe, um die Überlegenheit der sowjetischen Panzertruppen in Europa auszugleichen. Erst nach massiven Protesten in Europa wurde die Stationierung der Waffen abgesagt.

Auch Frankreich und China haben Neutronenbomben erfolgreich entwickelt, aber nie an die Truppe ausgeliefert. Dies hat nach frei verfügbaren Informationen nur Russland getan - allerdings in Gestalt einer Rakete namens ABM-3 "Gazelle", die keine feindlichen Panzertruppen, sondern anfliegende Atomraketen bekämpfen soll.

Die USA haben ihre Neutronen-Sprengköpfe für Raketen und Artilleriegeschosse 1992 außer Dienst gestellt, der letzte wurde 2003 zerstört. Physiker Cohen aber blieb ein glühender Verfechter seiner Waffe, die er in Büchern, Zeitungsbeiträgen und Gesprächen mit Politikern anpries. "Schon früh", sagte Cohen noch kurz vor seinem Tod, "habe ich radioaktive Strahlung als effektives Mittel erkannt, Krieg auf moralische Art zu führen."

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