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22. April 2010, 11:52 Uhr

Atomwaffen

Rechentricks lassen Abrüstung größer erscheinen

Mit großem Tamtam haben die USA und Russland ihre jüngsten Fortschritte bei der nuklearen Abrüstung gefeiert. Jetzt aber stellt sich heraus, dass kreative Rechentricks die Erfolge größer aussehen lassen, als sie in Wahrheit sind.

Um Erfolg auf dem Weg zu einer atomwaffenfreien Welt nachzuweisen, greift die US-Regierung zu Methoden der kreativen Buchführung. 68 Tonnen Waffenplutonium, also je 34 Tonnen wollen Russland und die USA künftig zivil nutzen oder endlagern. Aus diesen 68 Tonnen könnte man 17.000 Atomwaffen bauen, verkündete vergangene Woche das US-Außenministerium anlässlich des Washingtoner Gipfels zur Nuklearsicherheit.

Wer nachrechnet, stellt fest: Für jeden Nuklearsprengkopf haben Hillary Clintons Experten vier Kilogramm Plutonium angesetzt. Genau das Doppelte, nämlich acht Kilogramm pro Waffe, kalkulierten die Internationale Atomenergiebehörde und die US-Regierung bislang öffentlich pro Atomwaffe. Experten wissen schon lange, dass man auch mit vier oder fünf Kilogramm eine Nuklearwaffe bauen kann. Bestätigt wird dies erst jetzt, da gute Nachrichten über die atomaren Abrüstungsbemühungen gefragt sind. Statt 8500 können nun also 17.000 Bomben weniger gebaut werden - ganz offiziell.

Ihre Fähigkeit zur kreativen Buchführung zugunsten der Abrüstung stellten Russen und Amerikaner auch bei der Unterzeichnung des neuen Start-Vertrags in Prag unter Beweis. In diesem Vertrag werden strategische Atombomber für atomare Marschflugkörper, die bis zu 20 Atomwaffen tragen können, jeweils als nur eine einzige Waffe auf die neue Obergrenze von 1550 stationierten Nuklearwaffen angerechnet. Einige Hundert Waffen fallen so auf beiden Seiten aus der Statistik und schönen die Abrüstungsbilanz - ohne dass eine einzige Waffe tatsächlich verschrottet werden müsste.

ona

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