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Russland: Eisenbahn als Startrampe

Foto: Dmitry Lovetsky/ AP

Nuklearwaffen Russland will neue Atomraketenzüge bauen

Zu Sowjetzeiten galten sie als eine der schärfsten Vergeltungswaffen: die Atomraketenzüge. Sie sind beweglich und damit fast immun gegen feindliche Erstschläge. Nun plant Russland ein Comeback des Waffensystems.

Hamburg - Russische Militärs denken über die Anschaffung neuer Raketenzüge nach. Der Eisenbahnraketenkampfkomplex (BShRK), wie er umständlich heißt, soll wieder Teil der russischen Strategischen Raketentruppen (RWSN) werden. Die Überlegungen laufen seit Jahren, doch nun, zum Jahreswechsel, nimmt das Projekt Gestalt an. "Die Materialisierung dieser Idee läuft", verkündete der stellvertretende RWSN-Kommandeur Andrej Filatow im Rundfunksender "Echo Moskwy" . Das könne in "nächster Zeit" geschehen.

In der Sowjetära habe "dieser Komplex" große Bedeutung gehabt, der Westen habe gereizt darauf reagiert, dass die Sowjetunion überhaupt eine solche Waffengattung entwickelt habe, sagte Filatow.

In der Tat: Die Amerikaner haben alles darangesetzt, um die Raketenzüge lahmzulegen. So wurde im Salt-1-Abkommen festgelegt, dass nur die Hälfte der Züge gleichzeitig unterwegs sein durfte. Im Verlauf der weiteren Abrüstungsvereinbarungen zwischen Washington und Moskau bot die sowjetische Seite an, dass sich die Züge nicht weiter als 25 Kilometer von ihrem Stützpunkt entfernen sollten.

Bau neuer Raketenzüge ist nicht verboten

Die ersten sowjetischen Raketenzüge wurden ab Februar 1983 erprobt. Sie waren anfangs mit den 104 Tonnen schweren Flüssigkeitsraketen des Typs RT-23 ausgerüstet, die über zehn Atomsprengköpfe zu je 50 Kilotonnen verfügten, die bis zu 10.000 Kilometer weit fliegen konnten. Ab 1989 wurden diese Raketen durch die modernisierte Version RT-23 UTTCh "Molodez" ersetzt - bei der Nato als SS-24 "Scalpel" bezeichnet. Sie haben nicht nur zehn Atomsprengköpfe zu je 500 Kilotonnen an Bord, sondern auch noch ein System zur Überwindung der feindlichen Raketenabwehr.

Die Sowjetunion unterhielt drei BShRK-Divisionen zu je vier Regimentern mit je einem Zug, die nahe Moskau in Kostroma, in Perm am Ural und bei Krasnojarsk in Sibirien stationiert waren. Jeder der zwölf Züge, die in Bewegung kaum von einem Güterzug zu unterscheiden waren, hatte drei Startrampen. Nach den Abrüstungsgesprächen zwischen Washington und Moskau wurden die Züge 2005 abgeschafft. Nach dem Salt-3-Abkommen ist es aber nicht verboten, neue zu bauen.

Der Raumfahrtexperte Juri Saizew geht davon aus, dass die neuen Züge, die im Moskauer Institut für Wärmetechnik entstehen, spätestens 2019 in Dienst gestellt werden. Offenbar sei es aber so, dass der Bau der Infrastruktur inklusive der Standorte und der Kommandozentrale mehr Zeit in Anspruch nehme als die Entwicklung des Raketenkomplexes selbst, sagte er SPIEGEL ONLINE. Als Bewaffnung sind die RS-24 "Jars"-Raketen (SS-27) vorgesehen. Noch stehe nicht fest, wie viele Sprengköpfe die SS-27 haben werde. Auf jeden Fall seien es mehrere mit je 150 bis 300 Kilotonnen Sprengkraft.

Die Idee, Eisenbahnzüge als mobile Raketenstartrampen zu nutzen, stammt ursprünglich nicht von der Roten Armee. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges versuchten deutsche Militärs, ihre V2-Raketen  und Abschusseinrichtungen vor den Angriffen der amerikanischen und britischen Luftwaffe zu schützen. Dabei experimentierten sie auch mit Starts der V2 von Eisenbahnwagen.