Atomwaffen Wie der Raketenschild die nukleare Katastrophe verhindern soll

Neun Staaten besitzen Atomwaffen, schon bald könnten Iran und weitere Länder zum Club gehören. Experten warnen, dass die Gefahr eines nuklearen Angriffs immer größer wird. Eine neue Ära in der Zusammenarbeit zwischen Ost und West soll helfen, die Welt davor zu bewahren.
Russische Soldaten in Kaliningrad (2005): Grundstein eines neuen Sicherheitskonzepts

Russische Soldaten in Kaliningrad (2005): Grundstein eines neuen Sicherheitskonzepts

Foto: STRINGER/ AFP

Ein Hauch von Kaltem Krieg weht seit einigen Wochen durch die russisch-amerikanischen Beziehungen. Die USA sind entschlossen, in Europa einen Schutzschild gegen ballistische Raketen zu errichten. Die Russen, in Angst um das Abschreckungspotential ihrer Atomwaffen, haben daraufhin moderne Flugabwehrraketen des Typs S-400 nach Kaliningrad verlegt und sogar gedroht, dort nuklear bestückbare Kurzstreckenraketen zu stationieren. Moskaus Nato-Botschafter sagte dem SPIEGEL, mit diesen Waffen könne man "die Nato-Raketenabwehr vernichten".

Eine internationale Kommission aus hochrangigen Militärs und Politikern hat auf der Münchner Sicherheitskonferenz eine radikale Wende gefordert: Der Raketenschild soll vom Spaltpilz zum Grundstein einer neuen transatlantischen Sicherheitsarchitektur werden.

Der Report der Euro-Atlantic Security Initiative (EASI) erfuhr schon deshalb große Beachtung, weil die Gruppe gespickt ist mit ranghohen Militärs und früheren Spitzenpolitikern. Unter ihnen sind Stephen Hadley, Berater für Nationale Sicherheit unter US-Präsident George W. Bush, Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU), der frühere russische Außenminister Igor Iwanow und sogar die langjährigen Antipoden im amerikanisch-russischen Raketenstreit: Henry Obering, ehemaliger Direktor der amerikanischen Missile Defense Agency, und Viktor Esin, einst Chef der Strategischen Raketentruppen Russlands.

Der Bericht über die Zukunft der Raketenabwehr  ist ein zentraler Bestandteil des EASI-Abschlussberichts, der in München vorgestellt wurde. Die Experten haben darin gleich eine komplette Planung für den europäischen Raketenschild vorgeschlagen. Nato und Russland sollen demnach Radar- und Satellitendaten in Echtzeit miteinander teilen, um ein schnelles und vollständiges Bild eines Raketenangriffs zu erhalten. Dennoch wären beide Seiten allein dafür verantwortlich, das anfliegende Geschoss abzuschießen.

Russen wären dabei, statt von außen zu kritisieren

Diese Trennung ist ein Zugeständnis an konservative Kritiker in den USA, die den Russen unter keinen Umständen Einblicke in amerikanische Raketenabwehr-Technologie gewähren wollen. Die EASI-Architektur sieht vor, dass beiden Seiten ihre Radar- und Satellitendaten nach einem vorher vereinbarten System filtern, bevor sie geteilt werden. "Das tun wir schon jetzt in unserer Zusammenarbeit mit Staaten in aller Welt", sagte Hadley.

Die Russen wiederum könnten nach Meinung der EASI-Experten ihre Fundamentalopposition aufgeben, wenn sie eingebunden werden. "Die Architektur, die in unserem Bericht steht, würde das gesamte nukleare Verhältnis zwischen den USA, Russland und der Nato verändern", sagt der ehemalige US-Senator Sam Nunn, einer der Initiatoren des Berichts. "Die Russen wären drinnen und würden mitarbeiten, anstatt von außen zu kritisieren."

In die gleiche Richtung zielt ein weiterer Report, vorgelegt von der Global-Zero-Initiative. Wie die EASI besteht auch sie aus prominenten Akteuren der internationalen Sicherheitspolitik - einige Mitglieder sitzen sogar in beiden Initiativen, wie etwa Russlands Ex-Raketentruppenchef Esin.

Die Forderung von Global Zero: Die USA und Russland sollen ihre nuklearen Arsenale auf je tausend Sprengköpfe verkleinern und alle taktischen Atomwaffen aus Europa abziehen. "Sie haben keinen militärischen Nutzen, verursachen hohe Kosten und bergen Sicherheitsrisiken", sagte Richard Burt, US-Chef von Global Zero und einer der renommiertesten Abrüstungsfachleute der USA.

Erst beerdigt, dann auferstanden

Die europäische Raketenabwehr schien eigentlich schon beerdigt. Im September 2009 stoppte US-Präsident Barack Obama die Pläne - unter anderem, weil die Bedrohung durch iranische Langstreckenraketen geringer sei als angenommen. Diese Einschätzung hat sich inzwischen gründlich geändert. Jetzt wollen die USA in und um Europa zahlreiche land- und seegestützte Abfangraketen stationieren - egal, was die Russen davon halten.

Die Amerikaner lassen sich dabei auch nicht von der Kritik zahlreicher Forscher beirren, die eine lückenlos funktionierende Raketenabwehr für eine potentiell gefährliche Phantasie halten. Ihr Argument: Wer Interkontinentalraketen und kompakte Nuklearsprengköpfe bauen kann, ist auch in der Lage, seine Raketen mit Sprengkopf-Attrappen und vergleichsweise einfachen Täuschkörpern zu versehen. Abfangsysteme hätten nach bisherigen Erkenntnissen gewaltige Schwierigkeiten, zwischen gefährlichen und ungefährlichen Objekten zu unterscheiden.

"Da ist etwas dran", räumt Ex-Senator Nunn im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ein. Es sei richtig, dass eine Nation wie Russland ein Abwehrsystem aufgrund seiner technischen Fähigkeiten überwinden könnte. "Aber dass ein Land wie Iran das schafft, ist weit weniger wahrscheinlich." Zudem könne allein die Existenz eines Raketenabwehrsystems dabei helfen, Iran vom Atombombenbau abzuschrecken. "Eine funktionierende Abwehr würde bedeuten, dass Iran seine Nachbarn mit seinen Atomwaffen nicht mehr bedrohen könnte."

Ein weiterer Vorzug eines von Nato und Russland gemeinsam betriebenen Abwehrsystems sei die Verlängerung der Entscheidungszeiten im Krisenfall. Historisch verbürgt ist, dass es mehrfach - etwa in der Kuba-Krise oder sogar noch in den achtziger Jahren - fast zum Atomkrieg gekommen wäre, weil die Entscheidungsträger in den USA und der Sowjetunion nur Minuten hatten, die Absichten des Gegners einzuschätzen. Eine gemeinsame Raketenabwehr, sagt Nunn, könnte den Kommandeuren Russlands und der Nato bei einem Raketenalarm wertvolle Zeit schenken, die Art der Bedrohung zu erkennen und über Gegenmaßnahmen zu entscheiden.

Raketenabwehr ist nur ein Teil der Strategie

Eine Raketenabwehr allein ist jedoch nur ein Puzzlestein in einer Gesamtstrategie, die sicherstellen soll, dass nicht eines Tages eine Großstadt von einer Atombombe ausradiert wird. Mindestens ebenso wichtig ist die Sicherung der nuklearen Arsenale vor Diebstahl. "Meine größte Sorge ist, dass Terroristen eine simple Atombombe bauen und damit den Großteil einer Stadt in die Luft jagen könnten", sagt Sam Nunn.

Im Kalten Krieg waren fast alle Atomwaffen auf die USA und die Sowjetunion verteilt. Gäbe es aber künftig zehn oder gar zwölf Staaten mit Atomwaffen, sei die Situation eine ganz andere, sagt Nunn: "Eine solche Verbreitung ist eine Bedrohung für die Welt, da mit ihr auch die Gefahr des nuklearen Terrorismus steigt." Die Nuclear Threat Initiative (NTI), deren Geschäftsführer Nunn ist, hat erst Ende Januar einen globalen Nuklearsicherheits-Index vorgestellt. Das Ergebnis: In aller Welt gibt es waffenfähiges Spaltmaterial, das nur schlampig gesichert ist.

Die alte Logik der gegenseitigen Abschreckung aber funktioniert im Kampf gegen den Terrorismus nicht mehr. "Ein Raketenangriff hätte sehr wahrscheinlich einen Gegenschlag zur Folge", sagt Nunn. Technisch aber wäre es wesentlich einfacher, eine einfach konstruierte Atombombe an Bord eines Schiffs oder eines Flugzeugs in eine Stadt zu bringen. Anders als bei einem Raketenstart wäre der Angreifer nicht sofort erkennbar. Man hätte dann keine Antwortadresse, sagt Nunn. "Deshalb sehe ich nicht, wie Terroristen durch die Androhung eines nuklearen Gegenschlags abzuschrecken wären."

Die beste Chance, eine solche Katastrophe zu verhindern, sei sicherzustellen, dass waffenfähiges Spaltmaterial niemals in die falschen Hände gerät. "Das Wissen für die Konstruktion einer einfachen Atombombe steht im Internet", sagt Global-Zero-Chef Burt. Der "Flaschenhals" sei die schwierige Beschaffung waffenfähigen Spaltmaterials.

"Alle würden sich fragen: 'Sind wir die nächsten'?"

Sollte es Terroristen dennoch gelingen, eine Atomwaffe zu zünden, fürchten Nunn und Burt neben dem Verlust zahlloser Menschenleben vor allem die langfristigen psychologischen Folgen. "Sie können darauf wetten, dass Terroristen nach der Detonation behaupten werden, sie hätten vier oder fünf weitere Bomben in verschiedenen Städten versteckt", so Ex-Senator Nunn. "Stellen Sie sich nur die psychologischen und wirtschaftlichen Folgen vor! Für eine lange Zeit ginge jedes Vertrauen verloren, das die Weltwirtschaft am Laufen hält."

Richard Burt sieht das ähnlich. "Die Angst würde sich in jede Stadt verbreiten. Überall würden sich die Leute fragen: 'Sind wir die Nächsten?'" Sollten etwa in New York mehrere hunderttausend Menschen durch eine Atombombe sterben, wäre eine Überreaktion der Regierung "unausweichlich". "Wir würden alle unsere Freiheiten verlieren", sagt Burt. "Die freie Rede und die Pressefreiheit würden wohl schnell verschwinden, weil das Volk auf polizeistaatähnliche Sicherheit bestehen würde."

Vor fast genau 20 Jahren hat Burt als US-Chefunterhändler den "Start"-Abrüstungsvertrag mit der Sowjetunion ausgehandelt. Ob die Welt heute sicherer sei? "Im Kalten Krieg bestand das Risiko eines nuklearen Schlagabtauschs zwischen den Supermächten", sagt Burt. Die Gefahr einer solchen globalen Katastrophe sei inzwischen kleiner. "Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Atomwaffen eingesetzt werden, ist heute wahrscheinlich höher. Und wir reden immer noch über das Potential, viele Millionen Menschen zu töten."

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