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Eisbrecher-Projekt: Ungewisse Zukunft für "Aurora Borealis"

Foto: AWI / SCHIFFKO PRV 200

"Aurora Borealis" Europas Riesen-Eisbrecher droht das Aus

Es ist ein Prestigeprojekt der europäischen Polarforschung - doch es wird wohl für immer Fiktion bleiben. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wird der riesige Eisbrecher "Aurora Borealis" vorerst nicht gebaut. Der Wissenschaftsrat hätte es gerne eine Nummer kleiner.

Nichts würde die "Aurora Borealis" aufhalten können. Noch durch zweieinhalb Meter dickes Eis sollte das neue europäische Forschungsschiff mit seinen kraftvollen Diesel- und Elektromotoren pflügen - so der Plan. Ganzjährig würde sich das rund 200 Meter lange und 50 Meter breite Kraftpaket durch die weiße Unendlichkeit kämpfen, an Bord rund 120 Polar-, Meeres- und Klimaforscher.

Doch daraus wird wohl einstweilen nichts. Alles sieht danach aus, dass es bei der vorliegenden Designstudie bleibt. Der Wissenschaftsrat, das wichtigste forschungspolitische Beratergremium Deutschlands, steht dem Projekt in einer noch unveröffentlichten Empfehlung extrem kritisch gegenüber - und favorisiert stattdessen den Bau eines kleineren Eisbrechers. Außerdem soll die Dienstzeit des existierenden Forschungseisbrechers "Polarstern" verlängert werden, so dass für einige Jahre die parallele Forschung an beiden Polen der Erde möglich wäre.

Deutschland war der wichtigste Unterstützer der "Aurora Borealis". Das Forschungsministerium in Berlin hat bereits fünf Millionen Euro für Vorarbeiten ausgegeben. Doch mit der neuen Einschätzung des Wissenschaftsrats dürfte die Unterstützung für das internationale Projekt hierzulande rapide schwinden. "Seit den neunziger Jahren haben sich die Rahmenbedingungen, unter denen die 'Aurora Borealis' eingesetzt werden sollte, wesentlich verändert", heißt es in der Empfehlung des Rats, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Drastische Kostensteigerungen

Klimawandel

Das Forschungsministerium hatte das Gremium darum gebeten, Vorschläge für die Zukunft der deutschen Forschungsflotte zu machen. Das gut 160-seitige Papier soll am Montag offiziell veröffentlicht werden. Weil der in den Polarregionen besonders schnell voranschreite, müsse dort verstärkt geforscht werden, argumentieren Politiker und Wissenschaftler in dem Dokument. Das Problem: Der Wissenschaftsrat hält die riesige "Aurora Borealis", deren Einsatz ab 2012 beginnen sollte, für nicht ideal.

Schuld daran sind nicht zuletzt die Kostensteigerungen bei dem Projekt. 2006 war der Bau mit 355 Millionen Euro veranschlagt worden, dazu sollten noch einmal 17,5 Millionen Euro Betriebskosten pro Jahr kommen. Deutschland wollte ein Drittel dieses Betrags übernehmen, der Rest sollte von einem internationalen Konsortium aufgebracht werden. Doch zahlungskräftige Partner machten sich rar - und gleichzeitig mussten die Kostenschätzungen stetig nach oben korrigiert werden.

2009 lag die letzte Prognose für die Baukosten schon zwischen 650 und 850 Millionen Euro, für den Betrieb des Schiffes wurden mittlerweile 36 Millionen Euro veranschlagt. Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (Awi) in Bremerhaven, wo die Vorarbeiten für den Eisbrecher koordiniert wurden, vermeldete zwar, dass Partner in elf europäischen Ländern gefunden worden seien - doch wichtige potentielle Unterstützer wie Norwegen signalisierten, dass sie sich nicht an der "Aurora Borealis" beteiligen würden. Und Unterstützer wie Bulgarien, Rumänien oder Belgien reichten nicht aus.

"Eine andere Lösung wäre wünschenswert"

Weil die Suche nach Co-Finanziers wohl zu lange dauert, schlägt der Wissenschaftsrat nun die "rasche Beschaffung eines neuen eisbrechenden Forschungsschiffs" vor. Da sich kein Konsortium gefunden habe, das die "Aurora Borealis" finanzieren wolle, wäre "eine andere Lösung, die raschen Veränderungen in den Polargebieten zu untersuchen, sehr wünschenswert".

Diese "andere Lösung" dürfte wohl um einiges kleiner ausfallen als der geplante europäische Super-Eisbrecher: Der Wissenschaftsrat empfiehlt den Bau eines neuen Eisbrechers für 450 Millionen Euro - was immer noch fast 100 Millionen Euro mehr wäre als ursprünglich für die "Aurora Borealis" geplant. Das Schiff, vom Awi bereits als "Polarstern II" bezeichnet, soll demnach 2016 in Betrieb gehen.

Die Experten halten vor allem das Kernstück des "Aurora Borealis"-Projekts, die Bohrausrüstung des Schiffs, offenbar für überdimensioniert. Es geht um den Bohrturm im Herzen des Schiffs: Der geplante Eisbrecher sollte mit einer Spezialausrüstung bis zu 1000 Meter lange Sedimentkerne aus dem Ozeanboden fräsen - in bis zu fünf Kilometern Wassertiefe. Das Schiff hätte dank eines sogenannten dynamischen Positionierungssystems selbst in driftendem Eis seine Position halten können - ohne fremde Hilfe.

Der Wissenschaftsrat aber hält eine Bohrkernlänge von einem Kilometer für nicht notwendig. Ein Fünftel wäre nach Meinung der Experten völlig ausreichend - schließlich seien für "die Klimaforschung der nächsten Dekaden" vor allem "Informationen gerade auch über kürzere Zeitskalen entscheidend". Und die finden sich in den oberen Schichten der Sedimentkerne. Zur Gewinnung des nötigen Untersuchungsmaterials könne zum Beispiel das sogenannte Meeresboden-Bohrgerät ("MeBo"), eine Entwicklung des Forschungszentrums Marum in Bremen, weiter verbessert werden.

Arktis

Antarktis

Die Kritik an der "Aurora Borealis" birgt indes gute Nachrichten für ein anderes Schiff. Die 1982 gebaute "Polarstern", ein weltweit anerkannter Wissenschaftseisbrecher, soll drei bis fünf Jahre länger im Dienst bleiben. Eigentlich gelten 30 Jahre als die magische Marke für die Einsatzzeit eines Forschungsschiffs. Die immer wieder modernisierte "Polarstern" erreicht dieses Alter Anfang 2012. Nun kann sie darauf hoffen, erst später aufs Altenteil geschickt zu werden. Zusammen mit einem neuen Eisbrecher könnten Wissenschaftler dann einige Zeit ganzjährig in der und der arbeiten.

Unter Umständen könnten europäische Partner dafür gewonnen werden, sich an der Betriebsverlängerung für die "Polarstern" zu beteiligen. Pro Jahr wären zusätzliche Kosten von 20 bis 30 Millionen Euro zu schultern. Wie schwierig die Überzeugungsarbeit aber werden könnte, hat das Projekt "Aurora Borealis" gezeigt. 2016 wäre in jedem Fall endgültig Schluss für die "Polarstern".

Das Schiff könnte dann immerhin auch auf einen würdigen Nachfolger verweisen. Für manch einen Polarforscher mag das durchaus eine interessante Option sein. Beim AWI wollte man sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE aber nicht vor der offiziellen Veröffentlichung der Empfehlungen des Wissenschaftsrats äußern.

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