Ausgegraben - Neues aus der Archäologie Radarwellen enthüllen römische Großstadt

Interamna Lirenas galt als Dorf im alten Rom - doch nun zeigen Radarwellen, dass die Siedlung riesig war. Außerdem im archäologischen Wochenrückblick: Ein Massengrab polnischer Helden, an einem Gletscher lag verschollene Diplomatenpost - und die Quelle kostbarer Teufelskrallen wurde entdeckt.

Da waren die Archäologen überrascht: Die römische Gründung Interamna Lirenas im Tal der Liri in Latium war gar kein verschlafenes, hinterwäldlerisches Nest, wie sie bisher angenommen hatten. Die Stadt, die römische Siedler im vierten Jahrhundert vor Christus rund 80 Kilometer südlich von Rom gründeten, war ganz im Gegenteil eine reiche, lebendige Stadt.

Luftbild des Theaters von Interamna Lirenas: Gewaltige Größe der Anlagen

Luftbild des Theaters von Interamna Lirenas: Gewaltige Größe der Anlagen

Foto: University of Cambridge

Das entdeckten sie, als sie mit Bodenradarmessungen die genaue Ausdehnung von Interamna Lirenas untersuchen wollten. Die geophysikalischen Messungen zeigten ganz deutlich das Theater, den Marktplatz und weitere öffentliche Gebäude der Stadt.

Die gewaltige Größe dieser Anlagen lässt Rückschlüsse auf die Bedeutung der Stadt zu: Sie muss zu römischer Zeit ein reges urbanes Zentrum gewesen sein. Untersuchungen des Umlandes bestätigen dieses Bild. Den Höfen und Dörfern der Umgebung ging es ebenfalls gut, sie wurden reich durch die Nahrungsmittelproduktion für die hungrigen Städter.

Um das Jahr 500 wurde Interamna Lirenas dann aufgegeben, die Gebäude dienten noch einige Zeit als Steinbruch für neue Bauprojekte in der Region. Heute ist an der Stelle, wo einst einige tausend Menschen lebten, nur noch flaches Farmland zu sehen.

+++ Verlorene Bürste des Schiffsjungen nach 1900 wiedergefunden+++

1900 Jahre alte Planken: Entdeckung eines römischen Bootes in Antibes

1900 Jahre alte Planken: Entdeckung eines römischen Bootes in Antibes

Foto: Rémi Bénali / INRAP

Vor 1900 Jahren schrubbte ein Schiffsjunge auf seinen Knien die Decksplanken mit einer Bürste, als sein Schiff im Hafen der römischen Stadt Antipolis an der französischen Riviera lag. Dabei fiel ihm die Bürste durch einen Spalt in den Laderaum und verschwand. Nun haben Archäologen das verlorene Stück wiedergefunden: Es steckte in den Balken des Rumpfes. Das Schiff lag in nur etwa zwei Metern Tiefe am Hafenrand, unter einem Gelände, das künftig als Parkplatz dienen soll.

Das ursprünglich 22 Meter lange Gefährt ist außergewöhnlich gut erhalten. An den Holzbalken sind noch die Spuren von Säge und Beil zu erkennen. Es konnte wohl um die hundert Tonnen Waren transportieren. An keiner Stelle fanden die Ausgräber Spuren von Reparaturen, das Schiff muss also noch relativ neu gewesen sein, als es sank. Gebaut wurde es als flaches Transportschiff. Von der Ladung war jedoch nichts mehr erhalten. Sie war nach dem Untergang leicht zu retten gewesen, denn das Schiff lag in nur zwei Meter Tiefe.

Außer dem Transportschiff fanden die Archäologen unter dem künftigen Parkplatz noch mehr Dinge, die üblicherweise in Hafenbecken landen: Amphoren, die beim Be- und Entladen über Bord gefallen waren, kaputtes Essgeschirr und die Sohlen von Lederschuhen. Die Art der in Antipolis gehandelten Waren änderten sich mit der Zeit. "Wir haben große Mengen Amphoren aus Italien und Marseille aus den frühen Zeiten des Hafens gefunden", erklärt Ausgräber Robert Thernot. "Später dann nahmen die Waren aus Nordafrika und dem östlichen Mittelmeer zu."

+++ Massengrab polnischer Helden +++

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Ausgegraben: Polnische Helden im Massengrab

Foto: Tomasz Gzell/ dpa

Derzeit gibt es in Polen eine Bewegung, die sich mit der eigenen neueren Geschichte beschäftigt und sich ihr stellt. Dazu gehört eine Ausgrabung auf dem Warschauer Powazki Militärfriedhof. Archäologen legen hier ein Massengrab mit den durcheinandergeworfenen Knochen von bis zu 400 Toten aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg frei. Viele der Toten waren im Krieg Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime gewesen.

Doch die neuen Machthaber hatten Angst, die ehemaligen Kriegshelden könnten ihre alten Verbindungen gegen das neue kommunistische Regime nutzen - und räumten sie brutal aus dem Weg. Unter den Knochen hoffen die Archäologen zum Beispiel die Überreste von Witold Pilecki zu finden. Pilecki schlich sich freiwillig in das Konzentrationslager Auschwitz ein, um von dort aus Nachrichten nach draußen zu schmuggeln.

Er gab sich 1940 bei einer Massenfestnahme als der katholische Offizier Tomasz Serafinski aus und ließ sich festnehmen, um so ins Lager zu gelangen. Tatsächlich schmuggelte er auf in Kleidung eingenähten Papierfetzen Augenzeugenberichte des Mordens an die Außenwelt. 1943 gelang ihm die Flucht. 1947 wurde er aber von der polnischen Geheimpolizei unter fadenscheinigen Begründungen verhaftet und später umgebracht.

Über hundert Skelette haben die Ausgräber bereits aus dem Massengrab auf dem Militärfriedhof geborgen. Sie tragen Spuren massiver Gewaltanwendung: Schüsse ins Gesicht oder in den Hinterkopf sowie tödliche Schläge mit stumpfen Gegenständen. Viele der Angehörigen haben DNA-Proben abgegeben, darunter auch Pileckis Sohn Andrzej. Nur wenige Meter von dem Grab entfernt liegen heute noch die monumentalen Grabstätten der Auftraggeber der Morde. Die Richter und Größen der Geheimpolizei wurden nach ihrem Tod mit großen Ehren auf demselben Friedhof beigesetzt.

+++ Diplomatenpost vom Gletscher geborgen +++

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Ausgegraben: Diplomatenpost

Foto: AFP / Arnaud Christmann

Am Morgen des 24. Januar 1966 verstand der Pilot des Air India Fluges 101 von Mumbai nach New York eine Durchsage des Towers von Grenoble falsch - und steuerte direkt in den Bossons Gletscher des Mont Blanc. Alle 117 Insassen des Flugzeuges kamen dabei ums Leben. An Bord befand sich unter anderem auch ein Sack mit Diplomatenpost. Den haben der Bergrettungsangestellte Arnaud Christmann und sein Nachbar Jules Berger nun gefunden.

Wanderer hatten die Männer informiert, dass sie glänzende Gegenstände auf dem Gletscher gesichtet hatten. Christmann und Berger rückten aus und fanden Wrackteile: ein Stück der Kabine, einen Teil vom Fahrwerk, Kabel, einen Schuh - und den Sack mit Briefen und Zeitungen aus dem Januar 1966.

"Wir hatten gehofft, Diamanten zu entdecken, oder wenigstens Goldbarren", sagt Christmann nach der Entdeckung. "Stattdessen fanden wir völlig durchnässte Briefe und indische Zeitungen." Sie übergaben die Diplomatenpost der Polizei in Chamonix. Die indische Botschaft in Paris ließ verlauten, sie freue sich auf den Erhalt der "sehr verspäteten Briefe".

+++ Kostbare Teufelskrallen stammen aus der Osttürkei +++

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Ausgegraben: Kostbare Teufelskrallen

Foto: University of Sheffield

Obsidian-Abschläge haben teuflisch scharfe Kanten - was dem schwarzen Stein auch den volkstümlichen Namen "Teufels Fingernagel" eingetragen hat. Selbst heute noch werden in der Medizin manchmal Obsidian-Klingen als Alternative zum Laserskalpell eingesetzt. Entsprechend begehrt war der Stein in der Antike als Material für superscharfe Werkzeuge. Da er jedoch nur dort vorkommt, wo Lava mit einem Wasseranteil von maximal drei bis vier Prozent rasch an den Flanken von Vulkanen abkühlt, war er schon immer ein begehrtes Handelsgut.

Ellery Frahm von der Sheffield University hat die Obsidian-Klingen aus Tell Mozan, einer Stätte in Syrien nahe der türkischen und irakischen Grenze, untersucht. Die messerscharfen Klingen stammen aus der Bronzezeit und sind über 4000 Jahre alt. Die meisten Klingen stammen von einem Vulkan im heutigen Osten der Türkei, rund 200 Kilometer von Tell Mozan entfernt.

Im Königspalast der Siedlung jedoch entdeckten die Ausgräber besondere Klingen: Sie stammten von einem Vulkan in der Zentraltürkei, der mehr als dreimal so weit weg war. In der Bronzezeit, im 24. und 23. Jahrhundert v. Chr., eroberte das Reich von Akkade die Region des heutigen Syrien. Akkade war der erste Flächenstaat der Menschheitsgeschichte. Zu dieser Zeit gelangten die exotischen Obsidian-Klingen nach Tell Mozan.

Es gelang den Forschern sogar zu bestimmen, von welcher Flanke des Vulkans diese speziellen Klingen stammten, und dass der Obsidian an zwei unterschiedlichen Stellen an dieser Flanke gesammelt wurde. Die Ergebnisse der Untersuchungen haben Frahm und seine Kollegen gerade online im Journal of Archaeological Science veröffentlicht.

+++ Eiszeitlicher Tierfriedhof in Mexiko +++

Eiszeitliche Tierfriedhof: Stoßzähne, Schädel, Kiefer, Hörner, Rippen und mehr

Eiszeitliche Tierfriedhof: Stoßzähne, Schädel, Kiefer, Hörner, Rippen und mehr

Foto: Alicia Bonfil Olivera / INAH

Nicht gerade ein Friedhof der Kuscheltiere: Im Norden von Mexico City haben Arbeiter beim Bau einer Wasserfilteranlage Hunderte von Knochen von Eiszeittieren gefunden. Die Knochen sind zwischen 10.000 und 12.000 Jahren alt. Zwischen den Tierknochen lag auch ein vermutlich menschlicher Zahn. "Das ist gar nicht so ungewöhnlich, denn wir wissen, dass zu der Zeit bereits Menschen in Zentralmexiko lebten", sagt Ausgräberin Alicia Bonfil Olivera.

Der eiszeitliche Tierfriedhof aus Atotonilco de Tula im Bundesstaat Hidalgo ist die größte und vielfältigste Knochenansammlung ausgestorbener Megafauna, die je im mexikanischen Becken gefunden wurde. Zu den Funden gehören Stoßzähne, Schädel, Kiefer, Hörner, Rippen, Rückenwirbel und Panzer von Mastodonten, Mammuts, Kamelen, Pferden, Hirschen und Glyptodonten, den Vorfahren der Gürteltiere. Einige Knochen könnten auch vom Bison stammen. Jetzt soll ein Anthropologe bestimmen, ob der Zahn tatsächlich von einem Menschen stammt.

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