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Atombombe B61: Die runderneurte Nuklearwaffe

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Nuklearwaffen in Europa USA machen Alt-Atombombe zu Allzweckwaffe

Die USA wollen Atombomben des Typs B61 noch umfassender modernisieren als bisher zugegeben. Die neue Variante soll jetzt alle bisherigen nuklearen Fliegerbomben ersetzen, sogar großformatige strategische Waffen - und auch in Deutschland stationiert werden.
Von Markus Becker und Otfried Nassauer

Kampfflugzeuge, die in Deutschland starten, Richtung Osten donnern und Atombomben auf angreifende Armeen werfen: Es ist, sollte man meinen, ein Szenario aus den lange vergangenen Tagen des Kalten Krieges. Dennoch sind in Europa noch immer nukleare Fliegerbomben der USA stationiert - auch in Deutschland, wo bis zu 20 Waffen des Typs B61 auf dem Fliegerhorst beim deutschen Eifeldörfchen Büchel lagern.

Die werden keineswegs, wie von der Bundesregierung bereits mehrfach befürwortet, demnächst abgezogen - sondern sollen noch leistungsfähiger werden als bisher bekannt.

Vertreter des Militärs, des Pentagons und des Energieministeriums haben vergangene Woche Details des B61-Programms vor einem Ausschuss des US-Repräsentantenhauses erläutert . Die neue Variante der Atombombe, genannt B61-12, soll demnach nicht nur die älteren Typen 3, 4, 7 und 10 ablösen, sondern auch den nuklearen Bunkerknacker B61-11 und die strategische B83-Bombe überflüssig machen. Letztere besitzt eine Sprengkraft von bis zu 1,2 Megatonnen TNT, was mehr als dem 90-fachen der Hiroshima-Bombe entspricht.

Die erste B61-12 soll bis zum Jahr 2020 fertiggestellt werden. 2024 sollen alle alten Bomben abgelöst sein. Dann, so der Plan, kann die neue Waffe mit Kampfflugzeugen wie der F-16, dem neuen Jagdbomber F-35 und mit strategischen Bombern wie der B-2 "Spirit" oder dem geplanten neuen Bomber LRS-B eingesetzt werden.

Auch die in Büchel stationierten Tornado-Jagdbomber sollen die neue B61-12 nutzen, allerdings nur als analoge ballistische Gleitbombe ("System 1"). Als "System 2" wird sie dagegen zur modernen, digitalisierten Lenkwaffe, zur atomaren Präzisionsbombe für moderne digitalisierte Flugzeuge wie die F-35, den "Joint Strike Fighter". Möglich macht das vor allem das moderne Heckleitwerk, das zeitgleich mit der B61-12 durch den Boeing-Konzern entwickelt wird und für rund 1,6 Milliarden Dollar in mehr als 800 Exemplaren beschafft werden soll.

Von diesem "System 2" versprechen sich die US-Militärs besonders viel: Aufgrund der größeren Zielgenauigkeit benötigt die Waffe künftig eine deutlich geringere Sprengkraft als die meisten Vorgängerversionen. Die kleinste bisherige B61, die B61-4, besitzt eine Zerstörungskraft von 50 Kilotonnen TNT, das Vierfache der Hiroshima-Bombe. An Bord der neuen B61-12 soll das ausreichen, um all jene Ziele zu bekämpfen, für die bislang Waffen mit 300, 400 oder mehr Kilotonnen eingeplant waren.

Warnung vor einer Waffe mit neuen Fähigkeiten

Experten sehen in der B61-12 deshalb weit mehr als eine reine Lebenszeitverlängerung oder eine leicht aufpolierte Version alter Bomben. Man habe es de facto mit einer Waffe mit neuen militärischen Fähigkeiten zu tun - was ein Verstoß gegen die Vorgabe von US-Präsident Barack Obama wäre, keine neuen Nuklearwaffen und auch keine mit neuen militärischen Fähigkeiten mehr zu entwickeln.

In Europa seien bisher keine Bomben mit den militärischen Fähigkeiten der B61-7, der B61-11 oder der B83 stationiert, schreibt Hans Kristensen von der Federation of American Scientists in einem Blog-Beitrag . Die neue B61-12 solle das Potential all dieser Waffen in sich vereinen. "Nicht schlecht für eine simple Lebensdauerverlängerung", meint Kristensen. Die B61-12 werde damit zur "All-in-One-Atombombe auf Steroiden".

Ähnlich äußert sich Stephen Young von der Union of Concerned Scientists. Die zuständige Nationale Nukleare Sicherheitsbehörde (NNSA) selbst nenne bei 15 der 16 geplanten Verbesserungen nicht etwa verbesserte Sicherheit und Schutz vor Überalterung als Zweck - sondern eine Verbesserung der Leistung. Das zeigt laut Young, dass die Leistungssteigerung die "treibende Kraft" hinter dem Modernisierungsvorhaben sei.

Doch die Frage nach den Motiven der NNSA hält Oliver Meier von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) nicht einmal für entscheidend. Denn: "Die neuen Fähigkeiten werden in jedem Fall da sein." Das hätten nicht nur externe Experten, sondern auch der US-Rechnungshof GAO bereits betont. Und mit dieser Realität, meint Meier, "muss man sich auseinandersetzen."

Gefahr für Abrüstungsverhandlungen

Die NNSA versucht zu beschwichtigen: Man benutze für die B61-12 überarbeitete nukleare Komponenten einer vorhandenen Bombe und schaffe keine neuen militärischen Fähigkeiten. Schließlich könnten alle Ziele, für die die B61-12 gedacht sei, bereits jetzt bekämpft werden - mit Waffen, die eine wesentlich größere Sprengkraft besitzen. Außerdem könne man mit Hilfe der B61-12 den Gesamtbestand der luftgestützten US-Atombomben auf rund die Hälfte des heutigen Werts reduzieren.

Doch Beobachter warnen vor einer Gefahr für die Abrüstungsverhandlungen zwischen Nato und Russland. Dass die B61-12 nun auch den Bunkerknacker B61-11 und die strategische B83 ersetzen soll, sei "in der Tat beunruhigend", sagt Meier. "Die Russen modernisieren ihr Arsenal zwar auch, werden das B61-Programm aber sicher dankbar aufgreifen, um die Ernsthaftigkeit der Nato in Frage zu stellen." Bei den Abrüstungsbemühungen sei die B61-Modernisierung deshalb "bestimmt nicht hilfreich".

Götz Neuneck vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik sieht die kommende Bundesregierung in der Pflicht. "Sie sollte in Washington klar machen, dass Europa die neue Bombe nicht braucht und keine Trägersysteme dafür zu Verfügung stellt." Die Nato müsse Russland dringend konkrete Angebote machen, auch bezüglich der umstrittenen US-Raketenabwehr, die von Moskau als Bedrohung empfunden wird. "Wenn dies alles scheitert", so Neuneck, "werden neue taktische Nuklearwaffen in Europa stationiert, und nukleare Abrüstung wird für Jahrzehnte unmöglich."

"Wir müssen das Programm zu Ende bringen"

Die NNSA hält derweil eisern an der B61-Modernisierung fest - trotz der Kritik von Abrüstungspolitikern und einer enormen Kostenexplosion. Denn für die Behörde ist das B61-Projekt nur der erste Schritt auf dem Weg zu einem moderneren, deutlich effizienteren Nuklearwaffenpotential der USA. Im November 2012 beschloss das Nuclear Weapons Council, ein Ausschuss der zuständigen Staatssekretäre, die sogenannte 3-plus-2-Strategie, mit der die Atomwaffen der USA bis weit in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts einsatzbereit gehalten werden sollen.

Washington plant künftig nur noch mit drei Atomsprengköpfen für see- und landgestützte Langstreckenraketen. Zwei weitere sollen an Bord von Kampfflugzeugen zum Einsatz kommen: Eine Bombe, die B61-12, und ein noch zu definierender Sprengkopf für die künftigen luftgestützten Marschflugkörper der USA, der aber ebenfalls auf der B61 basieren soll.

Das B61-Programm darf aus Sicht der NNSA auch deshalb nicht kippen, weil es sonst wie ein Dominostein nachfolgende Projekte der 3-plus-2-Strategie mit umreißen würde. Selbst das geplante neue Abrüstungsabkommen mit Russland, in das erstmals nicht-strategische Atomwaffen einbezogen werden sollen, wäre aus ihrer Sicht kein Argument. "Täuschen Sie sich nicht", sagte Pentagon-Staatssekretärin Madelyn Creedon Ende Oktober vor dem Kongress. "Selbst wenn die Nato mit Russland ein Abkommen über eine wechselseitige Reduzierung der taktischen Nuklearwaffen aushandeln würde, müssten wir das B61-12-Programm im Rahmen der derzeitigen Zeitplanung zu Ende bringen."

Auch die anderen vier Sprengkopftypen sollen gründlich modernisiert werden. Ob dabei nicht weitere weitgehend neue Waffen entstehen, ist offen. In einer Zukunftsplanung der NNSA, die kürzlich dem Kongress zuging, hieß es: "Die NNSA wird keine neuen nuklearen Sprengköpfe entwickeln oder neue militärische Fähigkeiten bereitstellen - es sei denn, um die Sicherheit und Zuverlässigkeit zu verbessern."