Geruch in Jets Experten geben Entwarnung bei Dämpfen in Flugzeugen

Droht an Bord von Flugzeugen Gefahr durch giftige Luft? Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung hat Hunderte von Unfall- und Störungsmeldungen analysiert. Jetzt legen die Experten das Ergebnis vor: Sie sehen keine Gefahr für die Flugsicherheit.
Cockpit eines Verkehrsflugzeugs: Experten sehen keine erhebliche Gefahr durch Dämpfe

Cockpit eines Verkehrsflugzeugs: Experten sehen keine erhebliche Gefahr durch Dämpfe

Foto: Sebastian Kahnert/ dpa

Braunschweig - Das Phänomen ist ebenso bedrohlich wie rätselhaft: Giftige Substanzen sollen an Bord von Flugzeugen wiederholt bei Passagieren und Besatzungen Übelkeit, Schwindel und andere Symptome ausgelöst haben. Derartige Berichte tauchen immer wieder auf - doch wodurch genau die sogenannten Fume Events verursacht werden und welche gesundheitlichen Folgen haben, ist umstritten.

Jetzt legt die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig eine der seltenen seriösen Untersuchungen über entsprechende Vorfälle vor. Das Ergebnis: Gewisse Ängste - etwa dass die Dämpfe schon nach einmaligen Einatmen schwere Gesundheitsschäden auslösen oder gar Flugzeuge zum Absturz bringen könnten - sind offenbar übertrieben. Möglich erscheint dagegen ein langfristiges Gesundheitsrisiko für Piloten und Kabinenbesatzungen - darauf gebe es "deutliche Hinweise", so die BFU. Beweise seien das allerdings nicht, betonen die Experten: Es müsse weitergeforscht werden.

Das BFU-Team hatte 845 Unfälle und Störungen aus den Jahren 2006 bis 2013 untersucht. 663 davon standen in irgendeinem Zusammenhang mit der Kabinenluft. In 460 Fällen wurde das Auftreten von Gerüchen, in 188 Rauchentwicklung gemeldet, bei den 15 restlichen Vorkommnissen gab es weder Rauch noch Geruch, aber bestimmte gesundheitliche Beschwerden, die eine Verbindung zur Kabinenluft nahelegten.

"Keine erheblichen Einschränkungen der Flugsicherheit"

Die Studie habe gezeigt, "dass 'Fume Events' auftreten und zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen können", schreiben die BFU-Experten . Bei einigen der Vorfälle seien die formalen Voraussetzungen für eine schwere Störung gegeben gewesen, da im Cockpit die Sauerstoffmasken aufgesetzt wurden oder ein Pilot "teilweise ausgefallen" sei. Insgesamt aber gibt die BFU Entwarnung: "Bei den in der Studie betrachteten 'Fume Events' kam es zu keinen erheblichen Einschränkungen der Flugsicherheit." Die meisten Fälle hätten lediglich Auswirkungen auf den Komfort der Passagiere gehabt: "Es sind Meldungen, die zum Beispiel unangenehme aber harmlose Gerüche beschreiben."

Im Zentrum der Debatte steht die technische Konzeption der Maschinen. Denn die Kabinenluft wird meist aus den Kompressoren der Triebwerke abgezapft, von wo mitunter Dämpfe ins Belüftungssystem gelangen können. Interessanterweise aber ist dieser Punkt in den Sicherheitsempfehlungen der BFU-Studie kein Thema. Die Experten raten nicht dazu, künftig auf das sogenannte Zapfluft- oder Bleed-Air-System zu verzichten. Möglich wäre das durchaus, Boeings neuer "Dreamliner"-Jet etwa verwendet bereits ein anderes Verfahren.

Stattdessen rät die BFU eher allgemein zu Maßnahmen, "Fume Events" künftig zu verhindern und die Meldeverfahren zu verbessern. Außerdem sollten die Regeln zum Nachweis guter Luftqualität an Bord von Verkehrsflugzeugen optimiert werden. Eine weitere Empfehlung betrifft das langfristige Gesundheitsrisiko. Hier stehe noch "ein großes Fragezeichen", sagt Johann Reuß, zuständiger BFU-Experte für die Studie. Die BFU könne die Lage "mit der Arbeitsweise und den Methoden der Flugunfalluntersuchung nicht bewerten". Dies sollte eine "qualifizierte Institution" übernehmen.

"Beitrag zur Versachlichung des Themas"

Ein Kernproblem für die Braunschweiger Experten: Sie hatten oft kaum Zugang zu medizinischen Befunden. Zudem blieb im Dunkeln, inwieweit überhaupt ein Zusammenhang zwischen den berichteten Gesundheitsbeschwerden und den "Fume Events" bestand - er ließ sich im Nachhinein oft nicht nachweisen. Hinzu kommt, dass viele Ärzte für dieses wenig erforschte Problem kaum sensibilisiert sind, verlässliche Zahlen sind schwierig zu bekommen.

Die Unsicherheit führte in der Vergangenheit auch zu Medienberichten der reißerischen Sorte. Sie könnten eine mögliche Erklärung dafür sein, warum seit 2010 die Zahl der gemeldeten Vorfälle ausgerechnet in Deutschland steil gestiegen ist. "Unsere Daten belegen, dass sich weltweit jeder fünfte gemeldete derartige Zwischenfall in einem deutschen Flugzeug ereignet", sagt Ilias Maragakis, Sprecher der europäischen Flugsicherheitsbehörde Easa in Köln. Der Anteil deutscher Maschinen an der globalen Flugzeugflotte dürfte bei weitem geringer sein.

"Wir hoffen", sagt BFU-Experte Reuß, "dass wir hier einen Beitrag zur Versachlichung des Themas leisten können."

mbe/dpa
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