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14. März 2019, 12:28 Uhr

Flugschreiber-Auswertung

3500 Daten pro Sekunde

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Die Blackboxes der Boeing 737 Max 8 könnten aufklären, warum die Maschine abgestürzt ist. Die Menge der Daten ist enorm, die Analyse könnte Monate dauern.

Die Boeing 737 Max 8 war fast voll besetzt, als sie um kurz nach halb neun Uhr morgens von der Piste 07R des Addis Ababa Bole International Airport abhob.

Eigentlich sollte sie nach Nairobi fliegen, doch kurz nach dem Start meldeten die Piloten technische Probleme und baten, umkehren zu dürfen. Das Kontrollzentrum gab die Erlaubnis, doch dann brach die Verbindung zu den Piloten plötzlich ab. Die Maschine war abgestürzt, nach gut sechs Minuten Flugzeit. Alle 157 Menschen an Bord kamen ums Leben.

Die Ursache für den Absturz am 10. März ist noch völlig unklar. Antworten sollen nun die Flugschreiber bringen. Der Sprachrekorder nimmt alles auf, was im Cockpit gesagt wird, die Gespräche der Piloten und die Funksprüche. Der Datenrekorder zeichnet den Flugverlauf auf und erfasst Informationen wie Flughöhe, Geschwindigkeit und Einstellungen des Flugzeugs.

Zunächst hieß es, der Cockpit Voice Recorder (CVR) und der Flight Data Recorder (FDR) sollen in Deutschland untersucht werden. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) hat eine Auswertung der Flugschreiber allerdings abgelehnt. "Wir haben nicht die nötige Technik, um die neuen Flugschreiber auszuwerten, die auch über eine neue Software verfügen", sagte BFU-Sprecher Germout Freitag zum SPIEGEL.

Im Video: Piloten brauchen ausreichend Training

Stattdessen sollen die Flugschreiber nun in Frankreich untersucht werden. Wie lange die Analyse dauern wird, ist unklar. "Das Auslesen der Daten dauert unterschiedlich lang, teilweise geht das sehr schnell - innerhalb von Minuten", sagt Freitag. "Die Datenträger kann man sich in etwa so vorstellen wie eine SD-Karte." Entscheidend sei, in welchem Zustand die Flugschreiber sind und wie gut sie den Absturz überstanden haben.

Generell sei eine Blackbox so konstruiert, dass sie einen Crash überstehe und die Speicher im Inneren schütze. "Wir konnten schon Flugschreiber aus komplett verbrannten Flugzeugen auswerten", sagt Freitag. Die Blackboxes könnten über eine Stunde lang Temperaturen von 1100 Grad Celsius überstehen, die beim Verbrennen von Kerosin auftreten.

"Die Auswertung und Analyse der Daten kann dagegen Monate dauern", sagt Freitag. Der Flight Data Recorder zeichnet rund 3500 Fluginformationen pro Sekunde auf. Die Entscheidung darüber, wo die Flugschreiber untersucht und welche Daten ausgewertet werden, trifft in der Regel das Land, in dem das Flugzeug abgestürzt ist. Bei dem aktuellen Absturz liegt die Entscheidung darüber deshalb bei Äthiopien.

Häufig werden die Blackboxes in den zuständigen Behörden der Herstellerländer der Flugzeuge untersucht, die über Flugschreiberlabore verfügen. In diesem Fall wären das die USA. Warum sich Äthiopien dagegen entschieden hat, ist unklar.

Die französische Untersuchungsbehörde für Flugunfälle (BEA) hat inzwischen bestätigt, dass äthiopische Behörden um Unterstützung gebeten haben. Eine äthiopische Delegation hat die Flugschreiber nach Paris gebracht. BEA selbst werde keine Auskunft über den Fortschritt der Ermittlung geben, dafür seien ausschließlich die äthiopischen Behörden zuständig, teilte die Behörde über Twitter mit.

Die verunglückte Boeing 737 Max 8 war erst im November an Ethiopian Airlines ausgeliefert worden und hatte 1200 Einsatzstunden in der Luft absolviert. Beim letzten großen Check am 4. Februar gab es keine Auffälligkeiten, auch von vorherigen Flügen sind keine Zwischenfälle bekannt.

Laut US-amerikanischen und kanadischen Untersuchungsbehörden gibt es Hinweise, die Boeing 737 Max 8 könnte aus einem ähnlichen Grund abgestürzt sein wie zuvor die Lion-Air-Maschine, berichtet die "New York Times". Demnach haben Satellitendaten gezeigt, dass die Maschine nicht gleichmäßig an Höhe gewann, sondern immer wieder abgesackt war.

Auch Daten der Onlineplattform Flightradar 24, die die Flugposition von Flugzeugen weltweit aufzeichnet, zeigen Unregelmäßigkeiten bei der vertikalen Fluggeschwindigkeit. Ein Anzeichen dafür, dass die Maschine immer wieder kurz in einen Sinkflug gegangen ist.

Ein ähnliches Muster zeigte sich auch bei der zuvor abgestürzten Lion-Air-Maschine. Der Grund dafür könnte laut aktuellem Ermittlungsstand ein Fehler in der Software MCAS (Maneuvering Characteristics Augmentation System) gewesen sein. Sie soll dafür sorgen, dass sich die Nase des Flugzeugs bei einem Strömungsabriss senkt.

Bei der Lion-Air-Maschine führte offenbar ein fehlerhafter Sensor oder ein Softwarefehler dazu, dass sich die Nase des Flugzeugs immer wieder absenkte, obwohl dies gar nicht nötig gewesen wäre. Die Piloten haben offenbar mehrfach versucht, die Nase wieder nach oben zu ziehen, bevor die Maschine ins Meer stürzte.

Ähnliche Software-Probleme hatten US-Piloten schon im November 2018 gemeldet. Sie berichteten, dass sich die Spitze der Boeing 737 Max kurz nach dem Start überraschend gesenkt habe - nur wenige Sekunden, nachdem die Piloten den Autopiloten eingeschaltet hätten.

Erst als sie die Automatik wieder ausschalteten, sei die Maschine wie geplant weiter gestiegen. Auf einen solchen Fall seien sie nicht ausreichend vorbereitet worden, kritisierten die Piloten. Die Software ist ebenso neu wie die Boeing 737 Max. Die Einweisung umfasste bei der Einführung des Flugzeugs lediglich drei Stunden Training am Computer und einen Eingewöhnungsflug.

Ob die Geschwindigkeitsschwankungen bei der Ethiopian-Airlines-Maschine tatsächlich von einem Softwarefehler verursacht wurden, ist jedoch noch völlig unklar. Experten halten einen Rückschluss auf die Absturzursache allein auf Grundlage von Satellitendaten für nicht aussagekräftig. Die Untersuchungen haben erst begonnen, und selbst die Absturzursache der Lion-Air-Maschine ist noch nicht endgültig geklärt. Es liegt zwar ein Zwischenbericht vor, die endgültige Analyse soll jedoch erst im September veröffentlicht werden.

Zusammengefasst: Die Flugschreiber der in Äthiopien abgestürzten Boeing 737 Max 8 könnten klären, wie es zu dem Absturz gekommen ist. Sie sollen in Frankreich ausgewertet werden. Eine Analyse dauert womöglich Monate. Indes gibt es neue Spekulationen, die Maschine sei aus einem ähnlichen Grund abgestürzt wie die baugleiche Lion-Air-Maschine Ende Oktober. Demnach könnte ein Software-Fehler oder ein beschädigter Sensor dafür gesorgt haben, dass der Bordcomputer das Flugzeug Richtung Boden steuerte. Experten warnen jedoch vor voreiligen Rückschlüssen auf die Absturzursache. Zuverlässige Antworten könne nur eine Analyse der Flugschreiber liefern.

Mit Material von Reuters und dpa

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