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22. März 2019, 10:59 Uhr

Flugzeugunglücke

Boeing 737 Max fehlten kostenpflichtige Sicherheitsfunktionen

Verzichteten die Airlines der beiden abgestürzten Boeing 737 Max auf Sicherheitsfunktionen, weil sie extra kosten? Laut der "New York Times" fehlte in den Maschinen unter anderem eine Warnleuchte.

Weil sie nur gegen einen Aufpreis zu haben waren, haben die Fluggesellschaften der beiden abgestürzten Boeing 737 Max offenbar darauf verzichtet, zwei sicherheitsrelevante Funktionen in die Flugzeuge einbauen zu lassen. Das berichtet die "New York Times".

Demnach fehlte in den Maschinen von Lion Air und Ethiopian Airlines eine Anzeige, die den von zwei unabhängigen Sensoren gemessenen Anstellwinkel des Flugzeugs widergibt. Außerdem gab es keine Warnleuchte, die Alarm schlägt, falls diese Sensoren widersprüchliche Werte registrieren. Diese Funktionen hätten auf Fehler im sogenannten MCAS-System hindeuten können.

Die Katastrophe nach der Katastrophe - Boeings schwarze Woche:

Dieses System war, nach allem was bislang bekannt ist, die Ursache für den Absturz der Lion-Air-Maschine im Oktober 2018, bei dem 189 Menschen starben. Der Grund für den Absturz der Ethiopian Airlines vor wenigen Wochen steht noch nicht fest, erste Blackbox-Daten deuten aber auf Parallelen zwischen den beiden Unglücken hin. Durch den Absturz im März starben 157 Menschen.

Eine Zusatzoption soll zum Standard werden

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Flugzeugbauer ähnlich wie Autobauer Zusatzfunktionen gegen Aufpreis anbieten. Das betrifft den Komfort der Passagiere, etwa besonders bequeme Sitze, schöne Beleuchtung oder zusätzliche Toiletten. Unter den Zusatzoptionen bei Boeing befinden sich aber auch Kommunikations- und Navigationssysteme und Funktionen, die die Sicherheit der Maschinen betreffen.

Letztere sind rechtlich nicht verpflichtend für den sicheren Flugbetrieb. Vor allem Billigfluglinien wie Lion Air verzichten daher üblicherweise auf die teuren Extras.

Boeing will nun nachrüsten. Zumindest das zusätzliche Warnlicht solle künftig standardmäßig Bestandteil der Technik sein, berichtet die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf eine Quelle aus der Industrie. In den kommenden Tagen wird Boeing den Behörden in den USA sein Softwareupdate für die 737 Max vorstellen.

Piloten der Ethiopian Airlines waren für Boeing-Modell geschult

Zuletzt gab es auch Diskussionen, welche Rolle die Piloten bei dem Unglück gespielt haben. Nach dem Absturz der Lion-Air-Maschine hatte Boeing eine Anleitung herausgegeben, die beschreibt, wie sich das MCAS-System abschalten lässt. Sollte dieses tatsächlich für den Absturz verantwortlich gewesen sein, träfe die Piloten wohl zumindest eine Mitschuld.

Ethiopian Airlines hatte am Donnerstag mitgeteilt, dass die Piloten des abgestürzten Flugzeugs ausreichend für das Fliegen mit der Boeing 737 Max 8 geschult gewesen seien.

Sie hätten das von Boeing empfohlene und von der US-Luftfahrtbehörde FAA genehmigte Übergangstraining von der Boeing 737 NG auf das Nachfolgemodell Boeing 737 MAX vor dessen Flottenintegration absolviert. Zudem seien die Piloten über die Richtlinien, die nach dem Absturz der Lion-Air-Maschine in Indonesien im Oktober von der FAA herausgegeben wurden, informiert worden.

Ethiopian Airlines reagierte damit auf einen weiteren Bericht der "New York Times", wonach der Pilot der Absturzmaschine kein Training im Flugsimulator für die Boeing 737 Max 8 absolviert haben soll. Die Zeitung stützte sich dabei auf der Airline nahestehende anonyme Quellen. Die Fluggesellschaft nannte den Bericht "enttäuschend", fügte aber hinzu, dass der Flugsimulator für die 737 Max 8 nicht dafür ausgelegt war, die Probleme der inzwischen umstrittenen Steuerungssoftware MCAS zu simulieren.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, den Piloten der Flugzeuge habe die Information gefehlt, wie viel Auftrieb ein Flügel bekommt. Das ist nicht korrekt. Wir haben die Passage korrigiert.

jme/dpa/Reuters/AFP

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