737 Max US-Ausschuss prangert Boeing wegen Schlamperei und Vertuschung an

Die Abstürze zweier Boeing 737 Max kosteten 346 Menschen das Leben. Der abschließende Befund des US-Repräsentantenhauses: Ursache war die Gier des Konzerns, die zu gutgläubige Luftfahrtbehörde ist mit schuld.
Flugzeuge vom Typ 737 Max sollen bald wieder starten dürfen

Flugzeuge vom Typ 737 Max sollen bald wieder starten dürfen

Foto: Nick Oxford / REUTERS

Technische Fehler und Aufsichtsversagen haben zu den verheerenden Abstürzen von Boeings Krisenflieger 737 Max geführt. Das ist das Fazit des am Mittwoch in Washington veröffentlichten Abschlussberichts eines Untersuchungsausschusses des US-Repräsentantenhauses. Gegen Boeing und die US-Luftfahrtbehörde FAA werden darin heftige Vorwürfe wegen Schlampereien, Vertuschungen und mangelnder Kontrolle erhoben.

"Kultur des Verheimlichens"

Laut dem Bericht spielten beim Zustandekommen der Crashs in Indonesien und Äthiopien, die 346 Menschen das Leben kosteten, vor allem vier Punkte eine entscheidende Rolle.

  • Der Wunsch, mit der Konkurrenz mitzuhalten, vor allem mit dem Airbus A320 neo, brachte Boeing laut dem Bericht dazu, Produktionszielen und Kostensenkungen eine größere Bedeutung einzuräumen als der Sicherheit.

  • Boeing verließ sich auf die Steuersoftware MCAS, die die Nasen der Maschinen gefährlich absenkte.

  • Der Konzern hielt entscheidende Informationen vor der US-Flugsicherheitsbehörde FAA zurück.

  • Zeitgleich überließ die FAA Aufsichtsaufgaben Boeing-Mitarbeitern.

"Die Max-Abstürze waren nicht das Ergebnis eines einzelnen Versagens, technischer Fehler oder schlecht gehandhabter Ereignisse", heißt es in dem insgesamt 245 Seiten langen Dokument. "Sie waren der schreckliche Höhepunkt einer Reihe falscher technischer Annahmen von Boeing-Ingenieuren, mangelnder Transparenz des Managements und einer grob unzureichenden Aufsicht durch die FAA." Boeing wird in dem Bericht erneut eine "Kultur des Verheimlichens" vorgeworfen.

Die Anschuldigungen sind nicht neu und waren bereits im März im vorläufigen Abschlussbericht erhoben worden, sie wurden nun aber mit weiteren Indizien untermauert und noch drastischer formuliert.

Republikaner: Bericht parteiisch und überzogen

Verantwortlich für die Abrechnung mit Boeing und der FAA sind vor allem Abgeordnete der demokratischen Partei, die die Mehrheit im Repräsentantenhaus hat. Einige republikanische Politiker bezeichneten den Bericht gegenüber US-Medien als parteiisch und überzogen.

Schon bald könnte das Flugverbot für den Boeing-Bestseller 737 Max fallen, der seit nunmehr anderthalb Jahren zwangsweise am Boden bleiben musste. Dafür notwendige Testflüge der FAA und der europäischen Flugaufsicht EASA sind bereits durchgeführt worden. Die 737 Max könnte in den USA schon im November wieder fliegen, in Europa und weiten Teilen der Welt dürfte das Flugverbot etwas später zurückgenommen werden.

Gerade in dieser Zeit kommt ein erneuter Bericht über die Versäumnisse für Boeing ungelegen. Zudem hat der Konzern Probleme mit dem Langstreckenflieger 787. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

"Wir haben viele harte Lehren aus den Unfällen und aus den Fehlern gezogen, die wir gemacht haben", teilte Boeing als Reaktion auf den Bericht mit. Auch die FAA räumte Fehler ein: Sie konzentriere sich darauf, durch Verbesserungen in der Organisation, von Prozessen und der Firmenkultur die allgemeine Luftsicherheit zu verbessern, hieß es in einer Stellungnahme.

Laut dem Bericht hatten Mitarbeiter Boeing von Problemen mit dem Softwaresystem MCAS berichtet, die Warnungen seien jedoch ignoriert worden. MCAS sollte selbsttätig einen Strömungsabriss verhindern, tatsächlich zwang es aber die Unglücksmaschinen fälschlicherweise in einen Sturzflug.

Boeing habe "entscheidende Informationen vor der FAA, ihren Kunden und den Piloten selbst" verheimlicht, heißt es in dem Bericht. Die Piloten hätten nicht einmal gewusst, dass es das MCAS überhaupt gegeben habe. Das System konnte durch Daten eines einzigen Sensors aktiviert werden. Bevor die 737 MAX wieder in die Luft gehen darf, muss das System so umprogrammiert werden, dass es auf Daten von zwei Sensoren reagiert.

koe/dpa/Reuters
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