Evakuierungsfragen nach Boeing-Crash "Die Crew muss die Leute anbrüllen"

Der schwere Boeing-Unfall in San Francisco hat Sicherheitsfragen aufgeworfen. Wie wird eigentlich ein Flieger richtig evakuiert? Der Crew sollte man auf jeden Fall besser zuhören.
Von Alexander Stirn
Überall Rauch und Trümmerteile: Asiana-Flug 214 ist beim Landeanflug in San Francisco abgestürzt, das Heck brach ab, dann brannte die Maschine aus

Überall Rauch und Trümmerteile: Asiana-Flug 214 ist beim Landeanflug in San Francisco abgestürzt, das Heck brach ab, dann brannte die Maschine aus

Foto: Noah Berger/ AP/dpa

Das Dokument, das Leben retten soll, hört auf den Namen CS 25.803 Appendix J. Streng bürokratisch beschreibt die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) darin, welche Anforderungen ein Flugzeug  im Fall einer Evakuierung zu erfüllen hat: Sämtliche Passagiere müssen demnach innerhalb von 90 Sekunden die Maschine verlassen können. Nur die Hälfte der Ausgänge darf dabei benutzt werden. Es muss dunkel sein. Handgepäck soll in den Gängen liegen. Und mindestens 15 Prozent der Probanden, die bei den Evakuierungstests mitmachen, müssen weiblich sowie älter als 50 Jahre sein.

Die Realität sieht meist ganz anders aus.

Als am Samstag die Crew des Asiana-Flugs OZ 214  nach ihrer Bruchlandung in San Francisco das Kommando zur Evakuierung gibt, fehlt das Heck der Boeing 777.

Drei Flugbegleiter sind mit ihm aus der Maschine geschleudert worden. Weiter vorne entfalten sich Notrutschen ins Innere des Flugzeugs, blockieren Ausgänge und klemmen Flugbegleiter ein. Trotzdem nehmen sich etliche Passagiere die Zeit, ihr Handgepäck zusammenzusuchen. Als Kabinenchefin Lee Yoon Hye schließlich einen letzten Kontrollgang im Wrack macht, muss sie sich bereits durch dichten Rauch kämpfen.

Die Passagiere reagieren kopflos

"Bis ein Flugzeug geräumt ist, dauert es bei einem realen Unfall in der Regel deutlich länger als während der Tests im Rahmen der Zulassung", sagt der britische Evakuierungsforscher Edwin Galea im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Als Leiter der Fire Safety Engineering Group  an der University of Greenwich in London untersucht Galea seit mehr als zehn Jahren, wie Menschen aus Flugzeugen flüchten - bei Tests, vor allem aber bei echten Unfällen. Dabei zeigt sich immer wieder, dass der Crew eine zentrale Rolle zukommt.

Die Passagiere sind dagegen eher kopflos. Zwar rennen sie - anders als bei zu evakuierenden Gebäuden - nicht zu dem Eingang, durch den sie hereingekommen sind. Sie suchen vielmehr, wie es ihnen vor dem Start eingetrichtert wurde, den nächstgelegenen Ausgang. "Doch das", sagt Galea, "ist oft nicht die optimale Lösung." Zu den mittleren Notausgängen in einem Flugzeug strömen beispielsweise Passagiere, die von vorne und von hinten kommen; die Türen im Bug oder im Heck werden dagegen nur von einer Seite angesteuert. Hinzu kommt, dass bei kleineren Flugzeugen wie einem Airbus A320 die mittleren Ausgänge über den Tragflächen liegen und nur aus vier schmalen, engen Öffnungen bestehen. Es kommt unweigerlich zu einem Stau.

Gepäcksucher behindern ihre Nachbarn

Bei Evakuierungstests im Rahmen der Zulassung können Flugbegleiter durch resolute Kommandos entgegenwirken und die Probanden gleichmäßig auf die Ausgänge verteilen. Bei einem echten Absturz mit Qualm, Lärm, Chaos ist das schwieriger. Manche Passagiere, das zeigt die Erfahrung, verharren dann aus Panik regungslos auf ihren Plätzen - und behindern ihren Nachbarn. Andere suchen ihr Handgepäck - und behindern ebenfalls die Nachfolgenden. Vor allem aber verteilen sich die offenen Ausgänge bei der Zulassung stets über die gesamte Länge des Flugzeugs. In der Praxis, wie bei OZ 214, verhält sich das meist ganz anders.

Bei seinen Simulationen kann Edwin Galea all diese Faktoren berücksichtigen. In einer Ende Juni veröffentlichten Studie kommt der Forscher zu dem Schluss, dass eine Evakuierung, die unter optimalen Bedingungen 71 Sekunden dauert, in realen Verhältnisse mindestens 98 Sekunden verschlingt - und damit die 90-Sekunden-Vorgabe der EASA reißt. Kommt noch Feuer hinzu, werden aus 150 mehr als 260 Sekunden, statt eines Passagiers sterben dann 15. "Die Zulassungstests sind weder besonders herausfordernd noch besonders repräsentativ", sagt Galea. "Ihr Wert ist daher mehr als fraglich."

Crew kann nicht freundlich bleiben

Im Notfall spielt zudem die Unerfahrenheit der Passagiere eine Rolle. "Kaum jemand musste schon mal in eine zehn Meter hohe Notrutsche springen, das ist nicht so wie im Schwimmbad", sagt der Berliner Technikpsychologe Helmut Jungermann, der anlässlich der Einführung des Airbus A380 Menschen bei der Flucht aus einem Kabinenmodell beobachtet hat. Etwa acht Prozent zeigen dabei ein Verhalten, das die Evakuierung verzögert. Meist ist das aber nicht auf Angst, sondern auf unklares oder missverständliches Verhalten der Flugbegleiter am Ausgang zurückzuführen. "Das darf kein freundliches 'Bitte springen Sie' sein, sondern die Crew muss die Leute anbrüllen und notfalls auch ein wenig nachhelfen", sagt der Psychologe im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Sowohl Galea als auch Jungermann plädieren zudem für eine bessere Aufklärung der Fluggäste vor dem Start - mit Videos vom Sprung in die Notrutschen oder mit mehr Details zu den Notausgängen. In einer Umfrage, die Galea vergangenes Jahr unter Passagieren machte, wusste weniger als ein Viertel, wie viele Notausgänge ihre Maschine hat, wo und wie groß diese sind. Sobald die Fluggäste bei der Sicherheitseinweisung allerdings darüber informiert wurden, dass die mittleren Ausgänge nicht immer die optimale Lösung sein müssen, handelten sie instinktiv richtig - zumindest bei einem Evakuierungstest gemäß CS 25.803 Appendix J.

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