Bürgerkrieg in Libyen Experten bezweifeln Sinn von Flugverbotszone

Seit Tagen debattiert die Welt über eine Flugverbotszone im libyschen Luftraum. Doch Experten warnen, dass diese Maßnahme den Aufständischen kaum nützen würde. Stattdessen wächst die Furcht, dass der Westen so in den Bürgerkrieg hineingezogen würde.

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Eine Flugverbotszone über Libyen scheint derzeit die Lieblingsidee der internationalen Gemeinschaft zu sein. Viele westliche Politiker haben in den vergangenen Tagen gefordert, die von Machthaber Muammar al-Gaddafi befohlenen Luftangriffe notfalls mit Gewalt zu verhindern. Im EU-Parlament, in der Berliner Regierungskoalition, in Großbritannien, Frankreich und den USA wird die Flugverbotszone diskutiert, selbst die Außenminister der Arabischen Liga wollen sich inzwischen mit der Frage auseinandersetzen.

Experten aber warnen davor, die Flugverbotszone als eine Art "Militäreinsatz light" anzusehen, mit der man die besonders feige wirkenden Luftangriffe gegen Zivilisten auf relativ unblutige Art beenden könnte. Zugleich wachsen die Zweifel, ob eine Flugverbotszone militärisch sinnvoll wäre - oder nicht viel mehr als ein symbolischer Akt.

Ein Flugverbot würde sich vor allem gegen Kampfjets richten - in diesem Fall also in erster Linie gegen Gaddafis Jagdbomber. Die aber spielen im libyischen Bürgerkrieg offenbar nur eine untergeordnete, wenn auch spektakuläre Rolle. Die Flugaktivität in Libyen sei "nicht wirklich entscheidend" für den Verlauf des Aufstands, sagte Ivo Daalder, US-Botschafter bei der Nato. "Was am Boden passiert, wird von anderen Dingen beeinflusst." Eine Flugverbotszone sei deshalb "nicht die Lösung für alle Probleme". Gleicher Meinung ist der frühere Bundeswehr-Generalinspekteur Harald Kujat: "Mit einer Flugverbotszone kann man die Gewalt am Boden nicht stoppen", sagte Kujat im Bayerischen Rundfunk.

Die rund 35 Kampfhubschrauber der libyschen Armee wären von einem Flugverbot dagegen weniger stark betroffen, da sie kleiner und langsamer sind als Kampfjets. Radaranlagen haben mitunter Schwierigkeiten, einen tief fliegenden Hubschrauber von einem schnell fahrenden Auto zu unterscheiden. "Gegen Helikopter und die Art von Bodenoperationen, die wir bisher gesehen haben, hätten Flugverbotszonen nur eine begrenzte Wirkung", meint Daalder. Doch Hubschrauber spielen für den Ausgang des Konflikts womöglich eine größere Rolle als Kampfjets, denn zur libyschen Luftwaffe gehören auch mehrere Geschwader von Transporthelikoptern, mit denen Gaddafi seine Bodentruppen flexibel einsetzen kann.

"Außerordentlich komplexe Operation"

Admiral Mike Mullen, Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs und damit oberster Soldat der USA, hält eine Flugverbotszone für eine "außerordentlich komplexe Operation". Die libysche Bevölkerung konzentriert sich auf die Gebiete an der Mittelmeerküste, das gesamte Land ist allerdings viermal so groß wie der Irak und fünfmal so groß wie Deutschland. Nach Einschätzung von Barry Watts vom Washingtoner Think-Tank Center for Strategic and Budgetary Assessments (CSBA) müssten täglich 50 bis 70 Flugzeuge im Einsatz sein, um ein Flugverbot durchzusetzen.

Ben Barry vom International Institute for Strategic Studies (IISS) glaubt sogar, dass die Nato in diesem Fall Maschinen aus anderen Regionen wie Afghanistan abziehen müsste. Der Ex-Brigadegeneral der britischen Armee erinnerte an das Flugverbot über Bosnien-Herzegowina in den neunziger Jahren: 200 Kampfflugzeuge seien daran beteiligt gewesen, obwohl die Bedingungen einfacher gewesen seien als jetzt in Libyen. Gebraucht würden Awacs-Aufklärungsflugzeuge, Möglichkeiten zur Betankung der Kampfflugzeuge sowie Hubschrauber und Rettungsteams zur eventuellen Bergung abgeschossener Piloten in Libyen.

Die Frage ist, woher all diese Ressourcen derzeit kommen sollten. Denn bisher hält sich noch kein Flugzeugträger vor der libyschen Küste auf. Die "USS Enterprise" mit 60 bis 90 Flugzeugen an Bord kreuzt im nahe gelegenen Roten Meer, der französische Träger "Charles de Gaulle" liegt im französischen Mittelmeerhafen Toulon. Außerdem ist die U.S. Navy mit dem amphibischen Landungsschiff "USS Ponce" und dem Hubschrauberträger "USS Kearsarge" im Mittelmeer präsent. Die "Kearsarge" hat zwar fast 1900 Marineinfanteristen an Bord, verfügt aber nur über rund 22 Schwenkrotor-Flugzeuge vom Typ V-22 "Osprey" und fünf "Harrier"-Senkrechtstarter.

Als Landstützpunkt bietet sich das gegenüber von Libyen gelegene Italien an: Die Marinebasis in Sigonella ist keine 500 Kilometer von Tripolis entfernt. Dazu müsste die Regierung in Rom, die bis vor kurzem enge Beziehungen zu Gaddafi unterhielt, allerdings zustimmen.

Libyens Luftwaffe und Flugabwehr sind veraltet

Die libysche Luftwaffe besteht nach aktuellen Schätzungen aus rund 300 Flugzeugen, von denen aber nur eine überschaubare Zahl einsatzfähig sein dürfte. Zudem handelt es sich nicht um moderne Kampfjets, sondern größtenteils um sowjetische Modelle der sechziger und siebziger Jahre, ergänzt um etwa 30 französische Mirage-F1-Jäger.

Auch Libyens Flugabwehr ist alles andere als auf dem neuesten Stand: Sie besteht hauptsächlich aus sowjetischem und französischem Material der sechziger und siebziger Jahre. Den letzten ernsthaften Einsatz gab es 1986, als die US-Luftwaffe Tripolis und Bengasi bombardierte. Bei dem Vergeltungsangriff für libysche Terrorakte prasselten 300 Bomben und 48 Raketen vom Himmel. Nur eines von 45 beteiligten US-Flugzeugen ging verloren - die libysche Luftverteidigung hatte spektakulär versagt.

Seitdem hat Libyen sein Arsenal kaum aufgerüstet - die USA aber würden in einem neuen Konflikt die modernsten Flugzeuge und Waffen einsetzen. Libyens Armee "war nicht in der Lage, vor über 20 Jahren einen Angriff abzuwehren", schrieb der Militärfachmann Sean O'Connor in einer Analyse über die libysche Flugabwehr im Mai 2010. "Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sie es heute könnte."

"Wenn wir das nicht tun können, was dann?"

Doch die militärische Führung der USA, die auch im Rahmen einer internationalen Intervention die Hauptlast tragen müssten, ist deutlich vorsichtiger. An die Spitze der Warner setzte sich US-Verteidigungsminister Robert Gates. Wolle man Kampfflugzeuge in den libyschen Luftraum schicken, müsste man zunächst die libysche Flugabwehr bombardieren - egal, wie veraltet sie ist. Und schon befände man sich mitten in einem Krieg. Dieser Meinung ist auch Ex-Generalinspekteur Kujat.

Andere Fachleute widersprechen. Man müsse die libysche Flugabwehr nicht unbedingt angreifen. "Eine solche Regel existiert nicht", sagte IISS-Luftwaffenexperte Douglas Barrie Dienstag bei der Vorstellung des IISS-Reports "Military Balance 2011". Im Fall von Libyen könnte schon die Androhung von Gewalt dazu führen, dass sich der Gegner ruhig verhält - besonders dann, wenn er dermaßen unterlegen ist.

Auch der ehemalige US-Luftwaffengeneral Merrill McPeak sprach sich für ein Flugverbot aus. "Da kann ich mir kaum eine leichtere militärische Aufgabe vorstellen", sagte McPeak der "New York Times". Der General a. D. hat 6000 Stunden Flugerfahrung, die Hälfte dieser Zeit hat er laut dem Bericht der "New York Times" zufolge im Cockpit von Kampfjets gesessen. Zu seinen Aufgaben gehörte unter anderem die Kontrolle der Flugverbotszone über dem Irak. Für ihn gibt es in dieser Frage keinen Zweifel und keinen Grund, länger zu zögern. "Wenn wir das nicht tun können, was wollen wir dann überhaupt noch tun?" Wie Barrie glaubt auch er, dass schon die Ankündigung eines Flugverbots Wirkung zeigen würde.

Angst vor einem weiteren Endlos-Konflikt

Dass man die Operation logistisch und technisch hinbekäme, betonen auch zurückhaltendere US-Soldaten. Natürlich könne man, sollte die Entscheidung fallen, "innerhalb weniger Tage eine Flugverbotszone errichten", sagte Raymond Odierno, Kommandeur des Joint Forces Command. Ob man damit aber den Verlauf des libyischen Bürgerkriegs beeinflussen würde, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Entsprechend widerwillig äußern sich derzeit amerikanische Politiker und Top-Militärs. Denn die "heikelste Frage" ist nicht, ob ein Flugverbot machbar ist, wie Otfried Nassauer vom Berliner Informationszentrum für transatlantische Sicherheit (Bits) meint. Wichtiger sei die Frage nach der Zukunft des Konflikts: "Was, wenn die Lage weiter eskaliert? Was, wenn Gaddafis Truppen die Oberhand gewinnen und am Boden Massaker verüben?" Würde sich der Westen einfach wieder zurückziehen, oder würde man Ziele am Boden bombardieren, was Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy am liebsten sofort täte? Die Angst, in einen solchen Konflikt verstrickt zu werden, ist in den Hauptstädten der Welt mit Händen zu greifen.

General James Mattis, Chef des US Central Command, unterstützte seinen Chef Gates: Die libysche Flugabwehr müsste in jedem Fall ausgeschaltet werden, und logistisch wäre ein Flugverbot "eine Herausforderung". "Das wäre eine militärische Operation, da darf man sich keine Illusionen machen", sagte Mattis. "Es reicht nicht, den Leuten einfach zu sagen, dass sie bitte nicht fliegen sollen."

Mit Material von AFP

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atzigen 10.03.2011
1. Zeit
Höchste Zeit das es den Experten langsam dämmert das der Islamisch Arabische Raum ein Dynamitfass ist. In diesem Dynamitfass sollte man vermutlich besser nicht mit Erregerzündungen herumbastein und hantieren.
shokaku 10.03.2011
2. Hier könnte ein Titel stehen
Zitat von sysopSeit Tagen debattiert die Welt über eine Flugverbotszone im libyschen Luftraum. Doch Experten warnen, dass diese Maßnahme*den*Aufständischen kaum nützen würde. Stattdessen*wächst die Furcht, dass der Westen so in*den Bürgerkrieg hineingezogen würde. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,749927,00.html
Vollkommen unerheblich. Es geht einzig darum "etwas zu tun".
alyeska 10.03.2011
3. Die sogenannte Experten ...
Zitat von sysopSeit Tagen debattiert die Welt über eine Flugverbotszone im libyschen Luftraum. Doch Experten warnen, dass diese Maßnahme*den*Aufständischen kaum nützen würde. Stattdessen*wächst die Furcht, dass der Westen so in*den Bürgerkrieg hineingezogen würde. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,749927,00.html
...warnen immer und vor alles. Handeln statt diskutieren ... !
tanzschule 10.03.2011
4. Experten bezweifeln Sinn von Flugverbotszone
Experten bezweifeln Sinn von Flugverbotszone ?
Dombowski 10.03.2011
5. Eben
Zitat von sysopSeit Tagen debattiert die Welt über eine Flugverbotszone im libyschen Luftraum. Doch Experten warnen, dass diese Maßnahme*den*Aufständischen kaum nützen würde. Stattdessen*wächst die Furcht, dass der Westen so in*den Bürgerkrieg hineingezogen würde. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,749927,00.html
Mit einem Flugverbot wird der Bürgerkrieg nicht beendet. Der Westen aber in einen neuen Krieg hineingezogen. Bald werden dann auch aus Libyen Bilder von toten - vorgeblich durch Westen verursacht - Zivilisten um die Welt gehen. Un dann?
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