Forscher zu CCS-Technologie "Wir brauchen CO2-Speicher in Deutschland"

Um die Klimaziele zu schaffen, wollen Kanzlerin und Umweltministerin Treibhausgase unterirdisch speichern. Die erneute Debatte über die CCS-Technologie dürfte Verteilungskämpfe befeuern und neue Ängste schüren.
CCS-Anlage am Kohle- und Gaskraftwerk Petra Nova in Richmond, Texas

CCS-Anlage am Kohle- und Gaskraftwerk Petra Nova in Richmond, Texas

Foto: Trish Badger/ REUTERS

Beim Petersberger Klimadialog Mitte Mai gelang Angela Merkel eine kleine Überraschung: Bis zum Jahr 2050 soll Deutschland netto keine klimaschädlichen Treibhausgase mehr ausstoßen, forderte die Bundeskanzlerin.

Das Ziel der Treibhausgasneutralität bis Mitte des Jahrhunderts bedeutet eine Kurskorrektur in der Klimapolitik. "Das kann man jedoch nach meiner festen Überzeugung nur schaffen, wenn man bereit ist, Kohlendioxid zu speichern", bekräftigte die Kanzlerin wenige Tage später in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung".

Speichern lässt sich CO2 mit dem Verfahren "Carbon Capture and Storage" (CCS) in tief liegenden Salzwasservorkommen, Kohleflözen sowie leeren Öl- und Gasfeldern an Land und unter dem Meeresgrund. Dazu müsste das Kohlendioxid aus Abgasen abgeschieden oder aus der Luft gefangen werden.

Auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) sprach sich am Montag in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau" dafür aus, die Chancen von CCS für den Klimaschutz neu zu bewerten, "die Debatte muss sein", sagte die Ministerin. Politikberater Oliver Geden kritisiert im Interview mit SPIEGEL ONLINE die Bewegung "Fridays for Future" für ihre ablehnende Haltung zu CCS, räumt aber ein, die Potenziale von Alternativen zur CO2-Speicherung seien noch wenig erforscht.

Zur Person
Foto: Max-Planck-Institut für Meteorologie

Oliver Geden (48) leitet die Forschungsgruppe EU/Europa der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), welche die Bundesregierung berät. Er ist einer der Autoren für den 6. Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC, der ab 2021 erscheint.

SPIEGEL ONLINE: Herr Geden, damit Deutschland klimaneutral wird, hält die Kanzlerin es für unvermeidbar, CO2 zu speichern. Müssen wir uns jetzt beim Klimaschutz nicht länger anstrengen?

Geden: Dieses Argument fürchten die Umweltverbände. Allerdings müssen wir sogar mehr tun als geplant, deshalb brauchen wir CO2-Speicher auch in Deutschland. Denn netto gar kein Kohlendioxid mehr freizusetzen, ist schwieriger als das bisherige Ziel der Bundesregierung. Dies besagte, dass bis 2050 80 bis 95 Prozent weniger Klimagase emittiert werden sollten als 1990.

SPIEGEL ONLINE: Falls die Koalition die Treibhausgasneutralität im Klimaschutzgesetz festschreibt, müsste die Bundesregierung dann nicht auch ihr Ziel für 2030 anheben?

Geden: Es wäre schon eine Überraschung, wenn Deutschland sein jetziges Reduktionsziel von 55 Prozent für 2030 erreicht. Es ist schwer vorstellbar, wie wir die Lücke zur Nettonull in den beiden folgenden Jahrzehnten schließen sollen. Die Debatte, auch das Klimaschutzziel für 2030 zu erhöhen, wäre also unvermeidbar.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, mit CCS könnten Emissionen eingefangen werden, die sich auf anderem Wege nicht vermeiden ließen. Welche sind das?

Geden: Das wird die zentrale Frage in der klimapolitischen Auseinandersetzung. Manche Emissionen lassen sich nach heutigem Stand tatsächlich nicht auf technischem Wege eliminieren - wie etwa Methan in der Landwirtschaft oder CO2 aus der Zementproduktion. Niemand kann aber jetzt schon sagen, welche Emissionen 2050 unvermeidbar sind.

SPIEGEL ONLINE: Auch natürliche Kohlenstoff-Senken speichern CO2. Sogar Umweltministerin Svenja Schulze sagt aber, dass Wälder und Böden nicht genug Klimagas aufnehmen können. Teilen Sie diese Einschätzung?

Geden: Die Debatte über CO2-Kompensation wird in Deutschland von den meisten Umweltverbänden, den Grünen und "Fridays for Future" gerne auf natürliche Senken beschränkt. Aber selbst die ambitionierten Klimaschutzpfade des Umweltbundesamts gehen davon aus, dass 2050 noch 60 Millionen Tonnen Treibhausgase verbleiben, was fünf Prozent der Emissionen von 1990 entspricht. Mit natürlichen Senken speichern wir im Moment aber netto nur 15 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr.

Wie viele Treibhausgase Böden und Biomasse darüber hinaus aufnehmen können, wurde für Deutschland bisher nicht umfassend modelliert. Ich bezweifle, dass es genügend Flächen dafür gibt. Wir müssen deshalb auch über CCS sprechen, auch wenn die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid hierzulande mehr als unbeliebt ist.

SPIEGEL ONLINE: Gegen erste Versuche gab es vor einigen Jahren heftige Proteste.

Geden: Das hatte zwei Gründe. Die Demonstranten befürchteten, mit CCS könnte die Lebensdauer von Kohlekraftwerken verlängert werden. Diese Debatte hat sich mit dem Kohleausstieg erledigt. Aber die Sorge, dass das gespeicherte Gas im Boden wieder entweicht oder negative Folgen für die Umwelt hat, könnten die Bürger weiterhin haben. Der Weltklimarat setzt aber ebenfalls auf CCS - etwa in Kombination mit Biomasse….

SPIEGEL ONLINE: …Die sogenannte BECCS-Technologie. Was ist damit gemeint?

Geden: Kraftwerke und Industrieanlagen könnten sogar negative Emissionen erzeugen, indem sie Biomasse - etwa schnell wachsende Bäume - als Brennstoff nutzen und das entstandene CO2 abscheiden und speichern. BECCS ließe sich auch bei der Herstellung von Wasserstoff oder in Raffinerien für Biokraftstoffe einsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Kohlendioxid kann man nicht nur als Gas, sondern auch in fester Form speichern. Welches Potenzial sehen Sie in solchen Technologien?

Geden: Eine Option ist die Verkohlung von Biomasse, mit der dann Böden angereichert werden könnten. Pflanzenkohle ist seit 30 Jahren eine große Hoffnung. Wir brauchen jetzt mehr Forschung und erste Pilotanlagen, was übrigens für jede CO2-Speichertechnologie gilt. Auf dem Weg zur Nettonull 2050 könnte sich die fehlende Akzeptanz in der Bevölkerung und bei den Umweltverbänden als größtes Hindernis herausstellen.