Fake-Studien Chinas gekaufter Erfolg

Agenturen könnten Hunderte Medizinstudien in wissenschaftlichen Fachmagazinen gefälscht haben. Bewahrheiten sich die Vorwürfe, wäre der Ruf Chinas als Wissenschaftsnation erschüttert.
Arbeit in einem Labor: Gutachter sollten gefälschte Grafiken erkennen können

Arbeit in einem Labor: Gutachter sollten gefälschte Grafiken erkennen können

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Longhua Liao/ Getty Images

Anfang 2018 hat China die USA vom Thron gestoßen: Zum ersten Mal in der Geschichte hatten chinesische Forscher mehr wissenschaftliche Fachartikel  veröffentlicht als ihre Kollegen aus den USA. Damit war klar: Auch im Wettstreit um die Vormachtstellung in der Forschung macht China der westlichen Welt zunehmend Konkurrenz.

Die Zahl der Fachpublikationen ist in der akademischen Welt eine wichtige Größe. Wer viel veröffentlicht, hat offenbar viel Neues herausgefunden, er kommt leichter in gute Positionen, kann Karriere machen. In der Branche hat sich daher das Konzept der kleinsten publizierbaren Einheit durchgesetzt - jeder Fitzel neuer Erkenntnis wird veröffentlicht.

Zum Erfolg der chinesischen Wissenschaft trägt offenbar aber auch eine äußerst fragwürdige Publikationspraxis bei. In dem Land beeinflusst die Publikationsliste die Karrierechancen besonders stark. Auf dem Blog "For Better Science"  sammelt der deutsche Biologe Leonid Schneider gemeinsam mit Forscherkollegen Studien von chinesischen Medizinern, die offenbar nicht auf echter Forschungsarbeit basieren, sondern im Auftrag von Wissenschaftlern von Agenturen erstellt und zur Veröffentlichung eingereicht wurden.

Fast 300 Studien stehen auf der Problemliste

Problematisch ist dabei nicht nur der Betrug an sich, sondern auch, dass gefälschte Studien, die in anerkannten Fachzeitschriften veröffentlicht werden, anderen Wissenschaftlern als Basis für ihre Arbeit dienen. Sie könnten zudem als Beleg für unsinnige Therapien herangezogen werden, warnen Schneider und Kollegen.

Die Forscher wollen einer Fälscheragentur fast 300 Fake-Studien  zugeordnet haben. Diese sind in Fachjournalen eigentlich angesehener Verlage erschienen, darunter Wiley, Elsevier und Springer Nature.

In den Arbeiten fanden die Blogger Abbildungen, die wohl mit Bildbearbeitungsprogrammen auf eine ähnliche Weise zusammengebastelt wurden. Dabei ging es etwa um unrealistische Muster, die Proteine beim Wandern durch ein elektrisches Feld in einem Gel erzeugt haben sollen. Auch fanden die Forscher sich wiederholende Abbildungen in Studien, die unabhängig voneinander entstanden waren.

Mailadressen führen wahrscheinlich zu Fälschern

Misstrauisch stimmte Schneider und Kollegen auch, dass zu den Autoren in manchen Studien Google-Mail-Adressen zu finden sind. Google lässt sich in China nicht abrufen, ohne das Gesetz zu brechen.

Zudem wecken die Bezeichnungen der Adressen Zweifel an der Seriosität der Autoren: So lautet die Mailadresse eines Forschers  leicht verändert "gambleRowe.tn023(...)@gmail.com". Ein anderer, männlicher Mediziner aus China ist angeblich  unter "brendawillingham12(...)@gmail.com" zu erreichen.

Die Rechercheure um Schneider gehen davon aus, dass die Mailadressen zur beteiligten Fälschungsagentur führen. Diese nutze sie demnach, um die Studien im Namen der Forscher einzureichen und alle Formalitäten abzuwickeln.

Eigentlich dürfte so etwas im Wissenschaftsbetrieb nicht passieren. Ein großer Teil der betroffenen Fachzeitschriften gibt an, Studien vor der Veröffentlichung von unabhängigen Experten begutachten und von Redakteuren prüfen zu lassen. Hier hätten manipulierte Abbildungen auffallen müssen.

42 verdächtige Studien in einer einzigen Fachzeitschrift

Auch im "Journal of Cellular Biochemistry" von Wiley gibt es einen solchen Peer-Review. Dennoch fanden die Blogger allein dort 42 verdächtige Veröffentlichungen, insgesamt stehen 61 bei dem Verlag erschienene Studien auf der Verdachtsliste.

Ein unter Pseudonym schreibender Forscher bei "For Better Science" vermutet, dass ein Mitarbeiter der Fachzeitschrift an den vermeintlichen Betrügereien beteiligt ist. Er könnte sicherstellen, dass Manuskripte nur an wohlwollende oder erfundene Gutachter gehen.

Wiley will sich an den Spekulationen nicht beteiligen und hält ihre Erwähnung für unangemessen. Auf SPIEGEL-Anfrage bestätigt der Verlag, dass die Chefredakteure der Fachzeitschrift die Gutachter für den Peer Review auswählen. Wiley sei von Lesern auf problematische Paper aufmerksam gemacht worden. Der Verlag führe diese Hinweise und die der Blogger nun zusammen. Der somit eingeleitete, standardisierte Prüfprozess stehe noch am Anfang.

Wiley weist auch darauf hin, dass die Blogger sehr intensiv nachgeforscht und unter etwa 20.000 Papern nur bei etwa zwei Prozent Probleme gefunden hätten. Der Verlag arbeite dennoch daran, sein Prüfverfahren zu verbessern, etwa durch die Überarbeitung von Software, die Redakteuren helfen soll, gefälschte Abbildungen in Studien zu erkennen.

Probleme auch mit Arbeiten aus Indien, Russland und Iran

Der Verlag Elsevier, dem die Blogger 59 Problemstudien zuweisen, gibt auf SPIEGEL-Nachfrage an, dass die Arbeit von Betrügeragenturen seit Jahren ein Problem sei - neben China auch in Indien, Russland und Iran. Einige Webseiten von Betrugsagenturen seien bereits gesperrt worden, manche Anbieter arbeiteten jedoch offline, weshalb ihnen schwer beizukommen sei.

Redakteure und Gutachter verhinderten jedes Jahr die Veröffentlichung Tausender unseriöser Studien, unglücklicherweise gelinge das jedoch nicht immer, so der Verlag weiter. Seit 2015 habe man 117 Beiträge wegen Bildfälschungen oder -dopplungen zurücknehmen müssen. Bei 15 davon sei davon auszugehen, dass sie von Fälscheragenturen eingereicht worden waren.

Von den aktuellen Fällen hat der Verlag nach eigenen Angaben aus dem "For Better Science"-Blog erfahren. Auch er prüft die Vorwürfe noch.

Wie Elsevier vermuten auch die Blogger, dass der Kontakt zwischen Fälscheragentur und Wissenschaftlern über Mund-zu-Mund-Propaganda zustande kommt. Darauf deute auch hin, dass die Standorte der angegebenen Forscher konzentriert im Osten Chinas liegen - vor allem in der Gegend um Peking und Shanghai. Die Kontaktemacher hätten vermutlich Verbindungen zu Personen außerhalb Chinas, die auf die fragwürdigen Google-Mail-Adressen zugreifen können, schreiben Schneider und Kollegen.

Private Mailadressen nichts Ungewöhnliches

Es ist nicht das erste Mal, dass Fachjournale wegen problematischer Studien in Kritik geraten. Zuletzt verlor laut einem "Nature News"-Artikel  Ende Januar 2020 der Biophysiker Kuo-Chen Chou seinen Posten in der Redaktion des Elsevier-Fachmagazins "Journal of Theoretical Biology". Er soll den Peer-Review-Prozess so manipuliert haben, dass seine eigenen Arbeiten prominenter erwähnt und häufiger zitiert wurden.

2014 hatte zudem ein Forscher der National Pingtung University of Education (NPUE) in Taiwan die Begutachtung von 60 Arbeiten in einem Magazin des Sage-Verlags manipuliert. Anfang 2015 gab es einen ähnlichen Fall beim Verlag BioMed Central. Hier waren 43 Studien betroffen.

Ein paar Monate später zog der Wissenschaftsverlag Springer, der heute zu Springer Nature gehört, 64 wissenschaftliche Arbeiten zurück. Auch in diesen Studien waren Mailadressen zu finden, die nicht zu Forschern führten. Zudem hatten die vermeintlichen Studienautoren - wie teils üblich - Gutachter für das Peer-Review vorgeschlagen. Allerdings führten auch die hier angegebenen Mailadressen nicht zu echten Kollegen - sondern zu Fälschern, die das Gutachten erstellten.

In der aktuellen Liste sind sieben Fachbeiträge aus Springer-Nature-Journalen zu finden. Sie werden nach Angabe des Verlags noch geprüft. Auch Springer-Nature arbeitet daran, seine Software zur Erkennung von Fälschungen oder Duplikaten zu verbessern, berichtet der Verlag auf SPIEGEL-Anfrage.

Google-Mail-Adressen seien dagegen kein zuverlässiger Indikator für Fälschungen. Es komme öfter vor, dass Forscher private Mailadressen angeben, weil sie darunter leichter erreichbar seien, ein Jobwechsel anstehe oder die Größe ihrer dienstlichen Mailbox beschränkt sei, so der Verlag.

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