CO2-Abtrennung Ein Ex-Hoffnungsträger kommt nicht voran

Es sollte die größte Anlage zur Abtrennung von klimaschädlichem CO2 an einem Kraftwerk werden - doch nun geht sie nicht ans Netz. Norwegen hat ein Flagschiffprojekt der CCS-Technologie gestoppt. Was taugt das Verfahren überhaupt noch?

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Es scheint irrwitzig - aber mitten in der Energiewende haben die Deutschen ihre Liebe zur Kohle wiederentdeckt. So produzierten die Braun- und Steinkohlekraftwerke allein im ersten Halbjahr 12,4 Prozent mehr Strom als im ersten Halbjahr 2012. Vor allem, weil der Preis für CO2-Verschmutzungsrechte im EU-Handelssystem extrem niedrig bleibt. Zwar fallen bei der Kohleverstromung besonders große Mengen des Klimagases an. Doch das stört kaum - weil Zertifikate zum läppischen Preis von um die fünf Euro pro Tonne CO2 zu haben sind.

Lange Zeit galt eine Technologie namens Carbon Capture and Storage, kurz CCS, als Weg, diese besonders schmutzige Form der Stromerzeugung zukunftsfähig zu machen. Die Idee: Das bei der Verbrennung entstehende CO2 wird abgetrennt und im Untergrund weggesperrt - auf Kosten von ein paar Prozent beim Wirkungsgrad der Kraftwerke. Nun scheint es allerdings, als bleibe die CCS-Revolution in den Kinderschuhen stecken. Kürzlich hat Norwegen ein weltweit beachtetes Flaggschiffprojekt zu den Akten gelegt.

Im Westküstenort Mongstad sollte als Anhängsel eines neuen Gaskraftwerks die größte CCS-Anlage des Planeten entstehen. Doch die abgewählte Regierung des Sozialdemokraten Jens Stoltenberg, der einst den technischen Aufwand des Projekts mit der Mondlandung gleichgesetzt hatte, beerdigte das Vorhaben - als eine ihrer letzten Amtshandlungen. Das Ganze sei einfach zu teuer.

Zuvor war die Investitionsentscheidung schon um Jahre verschoben worden. Schuld war offiziell die Befürchtung, dass krebserregende Aminverbindungen freigesetzt werden könnten. Doch schon damals hatten Umweltschützer der Organisation Bellona geargwöhnt, Mongstad werde zu teuer.

Nach Bekanntgabe des Projektendes zeigte sich der zuständige Statoil-Konzern jedenfalls nicht allzu traurig. Man nehme die Entscheidung der Regierung "zur Kenntnis", habe viel über das Verfahren gelernt - und bemühe sich nun, das Projekt "reibungslos" abzuwickeln. An anderer Stelle, der Ölplattform Sleipner und der unterseeischen Gasproduktionsanlage Snøhvit, drückt der Konzern freilich weiterhin CO2 in den Grund - um die Lagerstätten besser ausbeuten zu können.

Alstom will weiterforschen

In Mongstad gehen nicht sofort die Lichter aus. Zumindest bis zum nächsten Herbst will der Alstom-Konzern noch ein von ihm entwickeltes Verfahren zur CO2-Abtrennung ("Chilled Ammonia") ausprobieren. Die neue Regierung will 55 Millionen Euro Forschungsgeld für die kommenden vier Jahre überweisen, deutlich weniger als geplant.

Nils Røkke vom norwegischen Industrieforschungszentrum Sintef in Trondheim sagt, die neue Regierung werde sich um einen Alternativstandort für eine große CCS-Anlage bemühen. Womöglich an einer Zementfabrik, einem Kraftwerk für die Versorgung von Offshore-Plattformen - oder wieder im Zusammenhang mit der Öl- und Gasförderung. Es gebe schlicht keine Alternative: Entweder man befasse sich ernsthaft mit CCS - oder man müsse in zehn Jahren aufhören, fossile Brennstoffe zu nutzen.

Doch auch global gesehen geht es bestenfalls mit stark angezogener Handbremse voran: Das unabhängige Global CCS Institute beklagt in einem gerade vorgestellten Bericht, dass im vergangenen Jahr weltweit nur vier neue CCS-Projekte an den Start gegangen seien. Die Gesamtzahl liegt damit bei zwölf.

Und die Zahl der zukünftig geplanten Vorhaben sei von 75 auf 65 gesunken. Außerhalb von China seien im vergangenen Jahr keine Projekte dazugekommen. Das Institut sieht CCS bestenfalls in Nordamerika auf dem Weg nach vorn - wegen politischer Unterstützung: Die Environmental Protection Agency entwickelt strenge Emissionsstandards für Kohlekraftwerke.

Unter Umweltschützern ist die Technologie umstritten - weil sie das Zeitalter der fossilen Energie womöglich unnötig verlängert. Doch die Kohlenstoffabtrennung hat auch Unterstützer im Öko-Lager. Ein Teil von ihnen hat sich im Dachverband Engo Network on CCS zusammengeschlossen. Und dessen Bilanz lautet: "Was eine internationale Erfolgsgeschichte für Europa werden sollte, ist zur Farce verkommen."

Seit 2008 haben auf dem Kontinent keine größeren CCS-Projekte mehr den Betrieb aufgenommen. Dabei sollte es bis zum Jahr 2015 einmal ein Dutzend Demonstrationsprojekte geben, von Brüssel mit Milliardenaufwand gefördert. Der Industrieverband Zero Emissions Platform sagt, dass immerhin sechs Demonstrationsanlagen auf dem Kontinent liefen. Doch für ein neues EU-Förderprogramm gab es im Sommer genau einen Bewerber, ein Projekt in der britischen Region Yorkshire.

"Eine Option für einen möglichen Kraftwerksneubau"

In Deutschland hatte der Energiekonzern Vattenfall mit CCS geliebäugelt. In Brandenburg betreibt das Unternehmen seit 2008 dazu eine Forschungsanlage. Doch die Pläne für eine größere Demonstrationsanlage wurden Ende 2011 abgesagt - "da das deutsche CCS-Gesetz mit seiner Ausstiegsklausel zur unterirdischen CO2-Speicherung dafür keine Planungssicherheit bot", wie Firmensprecherin Sandra Kühberger erklärt.

Die Menschen hatten Angst vor CO2-Lagern im Boden - deswegen ließ sich die Technik nicht durchsetzen. Allenfalls "im Zusammenhang mit einer europäischen Transport- und Speicherinfrastruktur für CO2" bleibe CCS eine "Option für einen möglichen Kraftwerksneubau in der Lausitz", heißt es bei Vattenfall.

Dummerweise wären zum Aufbau einer solchen Infrastruktur mindestens 2,5 Milliarden Euro nötig, schätzt die Zero Emissions Platform. Plus öffentliche Zustimmung für die Projekte - und mindestens diese fehlt komplett. Der einstige Hoffnungsträger CCS scheint zum Ladenhüter verkommen - auch wenn etwa E.on beteuert, die Entscheidung in Norwegen habe "keinen Einfluss auf das Vorgehen" das Unternehmens "bezüglich der CCS-Technologie". Man betreibe eine Pilotanlage in Wilhelmshaven weiter und sammle "dort weitere Betriebserfahrungen", wie Firmensprecher Markus Nitschke sagt.

Das Problem: Laut einer gerade vorgestellten Studie der Technischen Universität München in Zusammenarbeit mit Siemens wird der weltweite Strombedarf in den kommenden beiden Dekaden um fast drei Prozent jährlich zulegen. Dadurch ergibt sich ein Anstieg des CO2-Ausstoßes um 25 Prozent. Siemens wirbt mit dieser Zahl für klimafreundlichere Gaskraftwerke - doch in Wahrheit taugt sie auch als Argument für CCS. Die Zero Emissions Platform rechnet vor, dass sich Europas Klimaziele bis 2050 gar nicht anders erreichen ließen.

In den internationalen Klimaverhandlungen wird die Technologie oft als möglicher Beitrag der Industrieländer für die Energieversorgungssysteme der Schwellenländer präsentiert. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat vorgerechnet, dass 70 Prozent des betreffenden CO2 dort eingefangen werden müssen. Und tatsächlich hat China als Supermacht der Kohleverstromung inzwischen auch ein Dutzend CCS-Projekte am Start. Auch Indonesien interessiert sich für das Verfahren.

Andererseits ließ zum Beispiel Indien ausrichten, man habe kein Interesse an der Technik - weil man noch zu viele Millionen Menschen ohne Strom im Land versorgen müsse. Da könne man sich schlechtere Wirkungsgrade der Kraftwerke schlicht nicht leisten.

Industrieforscher Røkke sagt, die Entwicklung von CCS könne man am besten mit dem Automobil vergleichen. Da habe man vor hundert Jahren durchaus funktionierende Modelle kaufen können - und doch sei die Technik immer weiter vorangeschritten. Aktuell sei die CO2-Abtrennung vielleicht so weit ausgereift wie die Autos der sechziger Jahre.

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Altesocke 18.10.2013
1. Warum
Warum muessen eigent;lich immer Kuehltuerme mit Wasserdampfwolken gezeigt werden, wenn es um CO2 geht? Die wuerden bei nem AKW auch 'Wolken von Wasserdampf' ausstossen Aber haetten garnichts mit CO2 zu tun
alex300 18.10.2013
2. Absolut unsinnige Technologie zum schwachsinnigen Zweck.
Zitat von sysopGetty ImagesEs sollte die größte Anlage zur Abtrennung von klimaschädlichem CO2 an einem Kraftwerk werden - doch nun geht sie nicht ans Netz. Norwegen hat ein Flagschiffprojekt der CCS-Technologie gestoppt. Was taugt das Verfahren überhaupt noch? http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/co2-abtrennung-ccs-technik-kommt-nicht-voran-a-928263.html
Man sollte schon mit Limburg vergleichen. Dem Limburger Bischof werden die Kosten nur die läppischen 31 Mio zum Verhängnis. Bei dem neuen Glauben "Klimaschutz" gehen die Kosten dagegen in die Billionen. Die RKK-Funktionäre sind arme Kirchenmäuschen im Vergleich mit den Klimapäpsten.
7eggert 18.10.2013
3.
Zitat von sysopGetty ImagesEs sollte die größte Anlage zur Abtrennung von klimaschädlichem CO2 an einem Kraftwerk werden - doch nun geht sie nicht ans Netz. Norwegen hat ein Flagschiffprojekt der CCS-Technologie gestoppt. Was taugt das Verfahren überhaupt noch? http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/co2-abtrennung-ccs-technik-kommt-nicht-voran-a-928263.html
Kann einer der beteilgten erklären, warum 1) das CO_2 in der Erde bleibt, und 2) wiso im fall, daß er sich bei (1) irrt, dennoch niemand zu Schaden kommt? Ich kenne Geschichten von CO_2-Löschanlagen, die hochgegangen sind und wo dann großflächig mit Hubschraubern das Gas hochgeblasen und verteilt wurde. So richtig vertrauenserweckend ist schon das nicht, vom berühmten Nyos-See brauche ich da garnicht erst anfangen.
msdelphin 18.10.2013
4. Interessante Fragen!
Wenn die CO2-Emissionen des Menschen so unbedeutend und ungefährlich sind, warum wird dann in CCS-Technologie überhaupt investiert? Warum beteiligen sich grosse Konzerne wie EON an der Erforschung? In wiefern ist die Freisetzung von CO2 in die Atmosphäre so schädlich, dass man versucht es in den Untergrund zu pumpen? Da es ein Spurengas mit einer Konzentration von ca 0.04% in unserer Atmosphäre ist, kann es nicht seine Giftigkeit sein. Hat das IPCC und seine Klimamodellvorhersagen den grossen Energiekonzernen soviel Angst gemacht, dass sie das Fracksausen bekommen? Selbst die Chinesen lassen sich davon beeindrucken. Warum? Ich hätte gerne eine Erklärung von den Leuten, die immer gerne von den Klimalügen des IPCC's sprechen. Eine weitere Anmerkung: Wenn die CSS-Technologie tatsächlich eingesetzt wird, ist jetzt schon absehbar, dass das Märchen vom billigen Kohlestrom zu Ende geht. Im übrigen, der letzte Satz des Artikels - "Industrieforscher Røkke sagt, die Entwicklung von CCS könne man am besten mit dem Automobil vergleichen. Da habe man vor hundert Jahren durchaus funktionierende Modelle kaufen können - und doch sei die Entwicklung immer weiter gegangen." - gilt auch für die Technologie der erneuerbaren Energien (Windkraft, Photovoltaik, ...) und den Umbau der Stromnetze an die aktuellen Anforderungen.
msdelphin 18.10.2013
5. Realität
Zitat von AltesockeWarum muessen eigent;lich immer Kuehltuerme mit Wasserdampfwolken gezeigt werden, wenn es um CO2 geht? Die wuerden bei nem AKW auch 'Wolken von Wasserdampf' ausstossen Aber haetten garnichts mit CO2 zu tun
Das markanteste an Grosskraftwerken wie Kohle und Kernkraft sind eben die Kühltürme und Filteranlagen. Nimmt man sie weg, ist das Kohlekraftwerk als solches nicht mehr zu erkennen. Da die Kohlekraftwerke permanent laufen, wird man sie kaum ohne Wasserdampfwolken fotografieren können. Also was sollte man an ihrer Stelle als Bild von einem Kohlekraftwerk zeigen?
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