Computeranimation So fliegt die Welt

Der Flugverkehr auf der gesamten Erde, gerafft auf 72 Sekunden: Zürcher Forscher machen mit einer eindrucksvollen Simulation sichtbar, was sich am Himmel tut - und zeigen dabei auch, wie tief die Kluft zwischen reichen und armen Ländern ist.

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Der Flugverkehr, so heißt es, verbinde Menschen in aller Welt. Tatsächlich aber verbindet er vor allem die USA, Europa und Südostasien miteinander. Auf beeindruckende Art erkennbar wird das in einer Computeranimation von Schweizer Experten: ein Tag in der Welt des Luftverkehrs, gerafft auf 72 Sekunden. Tausende kleiner gelber Punkte, einer für jedes Verkehrsflugzeug, schießen kreuz und quer über den Globus, während das Sonnenlicht von Osten nach Westen zieht.

Seit die Forscher der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) die Animation vor einigen Monaten bei YouTube veröffentlicht haben, wurde sie weit mehr als eine Million Mal abgerufen. Das verwundert kaum: Sie zeigt auf faszinierend einfache Art nicht nur, was am Himmel des 6. Februar 2008 geschah, sondern auch und vor allem, wo es geschah.

Gewimmel über Europa, Leere über Afrika

Die Animation ist damit nicht nur eine Weltkarte des Flugverkehrs, sondern auch eine der sozialen Unterschiede. Über den USA, Europa und Südostasien wimmeln die kleinen Punkte so dicht, dass sie sich tagsüber zu einer geschlossenen gelben Fläche vereinen. Über dem größten Teil der globalen Landmasse herrscht derweil gähnende Leere. Südamerika etwa zeigt nur an seiner Ostküste Aktivität - hier liegen Metropolen wie Rio de Janeiro, São Paulo und Buenos Aires. Über Afrika ist, abgesehen von ein wenig Flugverkehr im Süden und Osten, fast gar nichts los.

Flugbewegungen rund um Zürich: Eine Momentaufnahme der Echtzeit-Karte
ZHAW

Flugbewegungen rund um Zürich: Eine Momentaufnahme der Echtzeit-Karte

"Das Flugzeug ist ein Luxus-Verkehrsmittel", sagt Karl Rege, Informatik-Professor an der ZHAW. "Das wird in der Animation schnell erkennbar." Die dichten Verkehrslinien zwischen den Industrieländern folgen dem immer gleichen Rhythmus von Tag und Nacht. Zu Beginn der Animation etwa schießt ein dicker Schwall Flugzeuge von Nordamerika, wo es gerade Abend wird, gen Osten - um einige Stunden später bei Tagesanbruch in Europa einzutreffen. Kaum ist es dort hell geworden, rauscht eine nicht minder große Wolke gelber Punkte von Europa zurück in die Neue Welt.

Es muss allerdings nicht immer gleich der gesamte Globus sein - es geht auch kleiner, bis hinunter auf die lokale Ebene, die passende Technik vorausgesetzt. Reges Team hat das anhand des Zürcher Flughafens demonstriert, eines der großen Drehkreuze Europas mit fast zwei Millionen Passagieren im Juni 2009.

Die Experten haben eine Google-Karte ins Netz gestellt, die Flugbewegungen im Raum Zürich in Echtzeit abbildet. Flugzeuge senden ständig Funksignale mit Daten wie Kennung, Position, Fluglage und -richtung aus. Die Signale des Systems mit dem sperrigen Namen "Automatic Dependent Surveillance Broadcast" (ADS-B) sind frei empfangbar - sogar mit kommerziell erhältlichen Geräten. Die kosten rund tausend Euro, geben aber laut Rege die Flugdaten nur mit fünfminütiger Verzögerung an andere Systeme weiter. Der Empfänger der ZHAW dagegen speist die Signale in Echtzeit in die Google-Karte ein.

Die Flugdaten im Äther sind codiert, sagt Rege im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Aber die Codierung ist offengelegt." Für ein Sicherheitsrisiko halten das weder er noch die Behörden. "Die Daten sind immer noch viel zu ungenau, als dass sie etwa zu kriminellen Zwecken missbraucht werden könnten", sagt der Informatiker.

Da Rege und sein Team die Signale direkt von den Flugzeugen bekommen, ist die Reichweite der Echtzeit-Karte auf rund 300 Kilometer rund um den Empfänger beschränkt. "Um darüber hinaus zu kommen, muss ein Flugzeug schon sehr hoch fliegen", so der Professor. Dennoch ist der Anblick des Zürcher Luftraums insbesondere zu den Stoßzeiten imposant. "Wenn man gegen 18 Uhr auf die Karte schaut, sagt Rege, "dann erkennt man, dass in den europäischen Luftraum nicht mehr viel hineinpasst."

Um herauszufinden, wo es ruhiger zugeht, genügt ein Blick auf die globale Luftverkehrsanimation. Über dem Pazifik etwa zieht ein einsamer gelber Punkt seine Bahn - es ist ein Flugzeug auf dem Weg zur Osterinsel. "Wenn man Ruhe vor Fluglärm haben möchte", schmunzelt Rege, "sollte man sich eine Insel im Südpazifik suchen."



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