Nachwachsende Rohstoffe Löwenzahn auf der Felge

Die Reifenindustrie sucht Ersatzstoffe für das Rohöl in ihren Autoreifen. Ein heißer Kandidat ist die Pusteblume. Ihr Naturkautschuk könnte aus dem Unkraut eine Industriepflanze machen - vorausgesetzt, die Großproduktion gelingt.

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Schon seit Jahren arbeiten Reifenhersteller daran, ihre Reifen umweltfreundlicher und nachhaltiger herzustellen. Sie wollen den Rohölverbrauch bei der Produktion drastisch reduzieren und zugleich für den knappen Rohstoff Naturkautschuk Ersatz finden.

Der Reifenhersteller Continental und Wissenschaftler vom Fraunhofer Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie in Münster entwickelten gemeinsam ein Verfahren zur Produktion von Reifen. Mit einem ungewöhnlichen Rohstofflieferanten: Löwenzahn. Die Entwickler haben ehrgeizige Pläne - bereits in rund fünf Jahren sollen die Löwenzahn-Autoreifen serienmäßig vom Band rollen.

Umbau im Löwenzahn-Genom

Um aus dem Löwenzahn einen Rohstofflieferanten zu machen, mussten die Forscher ans Eingemachte der Pusteblume: Sie veränderten eine kaukasische Wild-Variante des Löwenzahns, sodass sie sich wie eine Feldfrucht anbauen und ernten lässt. Gleichzeitig steigerten sie durch Züchtung den Kautschukgehalt in der Milch.

"Der russische Löwenzahn enthält im Vergleich zum einheimischen Löwenzahn Naturkautschuk - die Quelle für ungefähr 40.000 Produkte des alltäglichen Lebens", sagt Projektleiter Dirk Prüfer. Also untersuchten die Forscher, welche Gene in den Pflanzen für die Naturkautschuk-Produktion zuständig sind. "Die isolieren wir dann und züchten sie in neue Pflanzen ein."

Da aber genetisch veränderte Pflanzen nicht so einfach das Labor verlassen dürfen, züchteten die Forscher die verbesserten Sorten mit konventionellen Methoden nach. Mit Erfolg: Im Gewächshaus ist aus einer Wild- eine Nutzpflanze geworden. Sie produziert mehr Kautschuk als ihre wilde Variante. Auf mehreren deutschen Äckern wachsen bereits Pusteblumen für die Kautschuk-Produktion.

Löwenzahn statt Kautschukbaum

Die Hoffnung der Reifenhersteller: unabhängig vom tropischen Kautschuk-Markt werden. "In Südostasien hat man stellenweise die Probleme in der Konkurrenz mit der Ölpalme", sagt Prüfer. "Kautschukbäume werden abgeholzt. Dafür werden Ölpalmen hingesetzt. Dann geht der Kautschukpreis hoch, dann werden wieder nur Kautschukbäume gepflanzt." Und von der Pflanzung bis zur Ernte dauert es sieben Jahre.

Der Löwenzahnanbau dagegen ist ein schnelleres Geschäft: Die Pflanze kann jährlich nach Bedarf angebaut werden. Zudem ist das heimische Kraut viel resistenter gegen Schädlinge als der tropische Kautschukbaum. Weitere Vorteile: Der Löwenzahn könnte auf brachliegenden Feldern und Flächen in Deutschland wachsen - dadurch ließen sich auch Transportkosten sparen.

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insgesamt 11 Beiträge
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westerwäller 20.08.2014
1.
... in ihren Reifen? Das wird aber auch Zeit! Ich würde momentan Kautschuk empfehlen ... (Bis nichts besseres gefunden wurde...)
hermannheester 20.08.2014
2. Löwenzahn als Salat
Das dürfte auch nicht gerade zukunftweisend sein. Aber es soll ja soo gesund sein. Also wird gezüchtet und geforscht, bis auch Spinat auf die Felge passt. Heureka.
orthos 20.08.2014
3. Älter als das Internet
Die Verwendung von Löwenzahn um Kautschuk zu gewinnen, wurde von Russland bereits während des 2. Weltkrieges praktiziert. Wirklich neu an der Idee ist da ncihts.
smacks747 20.08.2014
4. Pusteblume statt Gummibaum
Ja, richtig, die Idee stammt schon aus dem WK2. Damals wurde versucht, aus Löwenzahn Kautschuk zu gewinnen. Allerdings mit mäßigem Erfolg. Die Erträge waren zu gering. Wenn man mal zusammenfasst, was Continental und das FME dort erreicht haben - Respekt! Durch den Verzicht auf Gentechnik kann die neue Pflanze weltweit an den Produktionsstandorten angebaut werden, was lange Transportwege unnötig macht. Zudem ist dieser Löwenzahn sehr genügsam, es reichen also Brachen. Hochwertige Böden, die sich zur Nahrungsmittelproduktion eigenen, werden nicht benötigt. Wenn die das in 5 Jahren zur Serienreife bringen, wäre das eine Zäsur im Kautschukmarkt und Conti & FME reif für noch mehr Awards als sie jetzt schon haben.
Bundeskanzler20XX 20.08.2014
5.
Solange man verhindert, dass sich die Pflanzen im umliegenden Gebiet unkontrolliert verbreiten können. Das unser heimischer Löwenzahn wie die Pest überall wuchert und man ihn nur schwer wieder los wird sollte den Leuten ja bekannt sein und bei der Züchtung neuer Nutzpflanzen auch ein teil der Überlegung sein.
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