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SPIEGEL

Julia Koch

Coronapandemie Sollten Kinder jetzt schon geimpft werden?

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Ständige Impfkommission (Stiko) hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht: Eine Immunisierung von Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren mit dem mRNA-Impfstoff von ­Biontech/Pfizer empfiehlt sie vorerst nur für Risikogruppen. Trotz hohem Erwartungsdruck der Politik entschied das Gremium nach wissenschaftlicher Datenlage – und die war bisher zu dünn, was mögliche seltene Nebenwirkungen bei Kindern angeht.

Mütter und Väter können ihren Nachwuchs in Absprache mit Arzt oder Ärztin trotzdem auch jetzt schon impfen lassen. In Zeiten, da die Delta-Variante auch in Deutschland die Sorgen vor einer Erkrankung mit Covid-19 neu anfacht, beschäftigt die Kinderimpfung viele Eltern.

Kommende Woche soll so viel Impfstoff zur Verfügung stehen wie nie zuvor in der Pandemie, die Priorisierungen sind aufgehoben. Doch Familien müssen das Für und Wider selbst abwägen – was ihnen durchaus zugetraut werden darf.

Wichtig dabei: Nutzen muss die Impfung dem Kind selbst. Sie sollte nicht dazu dienen, Versäumnisse der Schulpolitik auszubügeln oder den Sommerurlaub unbeschwerter verbringen zu können.

Der Impfstoff bietet Kindern einen sehr hohen Schutz vor einer Infektion – und damit vor seltenen Kom­plikationen oder vor Long-Covid, das mit unbekannter Häufigkeit auch Kinder und Jugendliche treffen kann.

Seit vergangener Woche nun kann der Nutzen gegen mög­liche Schäden durch die Impfung besser abgewogen werden. Die US-Seuchenschutzbehörde CDC hat eine Auswertung zum Vorkommen von Herzmuskelentzündungen vorgestellt. Hoch­gerechnet könnten demnach von einer Million Impflingen zwischen 12 und 17 Jahren maximal 70 etwa von einer Herzmuskelentzündung betroffen sein, also 0,007 Prozent. Die Komplika­tion betrifft vorwiegend Jungen und verläuft meist mild. Dagegen stehen nach der Rechnung etwa 7000 durch Impfung verhinderte Infektionen, 200 Krankenhauseinweisungen und 2 Todesfälle.

Das sind Zahlen, auf deren Grundlage Eltern entscheiden können. Wer sich auf die Stiko verlassen will, muss wohl auch nicht lange warten. Das Gremium will die Datenlage bald erneut bewerten – womöglich noch vor Ende der Sommerferien.

Als Mutter einer fast dreizehnjährigen Tochter bin ich froh, dass es immer mehr Daten für eine individuelle Abwägung gibt. Und ich denke, die Verantwortung für eine solche Entscheidung liegt wie bei jedem medizinischen Eingriff bei den Eltern.

Herzlich

Ihre Julia Koch

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche:

  • Wenn man ohnehin eine Maske trägt, könnte die ja auch gleich Informationen über eine mögliche Coronainfektion liefern – mögen sich Harvard-Wissenschaftler bei der Entwicklung einer FFP2-Maske  gedacht haben, deren Sensoren Sars-CoV2 und andere Viren erkennen können.

  • Mancher füttert die Vögel im eigenen Garten mit leicht schlechtem Gewissen: Gewöhnt sich das Federvieh zu sehr an die Körner im Vogelhäuschen und kann sich nicht mehr selbst versorgen? Das passiert nicht , wie Ökologen von der Oregon State University herausfanden. Wenn es genug Würmer und Beeren in der Umgebung gibt, greifen Vögel seltener auf die Nahrung aus Menschenhand zurück.

  • Schlecht geschlafen? Dann nicht ab aufs Sofa, sondern lieber nach draußen zum Joggen oder Spazierengehen. Bewegung kann die negativen Effekte von schlechtem Schlaf ausgleichen , wie britische Forschende herausgefunden haben.

  • Spinnen fressen Insekten, klar, dafür weben sie ihre Fangnetze. Wie der Basler Spinnenforscher Martin Nyffeler gemeinsam mit US-Kollegen herausgefunden hat, verspeisen manche Spinnen auch gern mal eine Schlange .

  • Katzen lieben enge Kisten zum Reinkuscheln – oder auch nur in die Illusion einer Kiste , wie Gabriella Smith von der City University of New York im Fachblatt Applied Animal Behaviour Science  berichtet.

Quiz*

1. In welchem Jahr wurde das erste Mal in der Geschichte der Medizin ein Impfstoff angewendet?

a: 1923
b: 1796
c: 1808

2. Welche Schluckimpfung wird aktuell für Kinder empfohlen?

a: Schluckimpfung gegen Poliomyelitis
b: Schluckimpfung gegen Covid-19
c: Schluckimpfung gegen Rotaviren

3. Wie wird Grippeimpfstoff gewonnen?

a: mittels mRNA-Technologie
b: in Hühnereiern
c: aus dem Blut von genesenen Grippepatienten

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche

Foto: Justin Sullivan / Getty Images

Die extreme Dürre im Südwesten der USA hat den Lake Powell im Grenzgebiet der Bundesstaaten Utah und Arizona auf rund 30 Prozent seines Fassungsvermögens schrumpfen lassen. Allein in den vergangenen zwölf Monaten ist der Pegel um rund 15 Meter gesunken. Der Stausee, der vom Colorado River gespeist wird, ist das zweitgrößte Wasserreservoir der Vereinigten Staaten und versorgt rund 20 Millionen Menschen mit Wasser. Forscher sehen den Klimawandel als wichtigen Treiber der aktuellen Trockenheit.

Fußnote

98,7 Prozent der schweren Verletzungen des Rückenmarks nach Kopfsprüngen in flaches Wasser erleiden Männer. Das haben Bochumer Unfallchirurgen in einer Langzeitstudie belegt. Alle Betroffenen erlitten bleibende Schäden bis hin zur vollständigen Querschnittlähmung. Bei fast der Hälfte solcher Unfälle wurde vor dem Sprung Alkohol konsumiert. Ein internationaler Vergleich zeigt, dass die Zahl der Schwerverletzten in den letzten 50 Jahren nicht gesunken ist: In Deutschland etwa ergeben sich so jährlich bis zu hundert Querschnittlähmungen.

Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten

1. b. Am 14. Mai 1796 spritzte der englische Arzt Edward Jenner dem damals achtjährigen James Philipps den von ihm entwickelten Impfstoff gegen Pocken. Am 1. Juli infizierte er den Jungen mit dem wahrhaftigen Pockenerreger. Das Kind blieb gesund.
2. c. Mit Vollendung der sechsten Lebenswoche sollen Babys laut Stiko-Empfehlung per Schluckimpfung gegen Rotaviren immunisiert werden. Die Impfung gegen Poliomyelitis (Kinderlähmung) wird seit 1998 nicht mehr als Schluckimpfung durchgeführt, sondern per Injektion.
3. b. Influenzaviren werden in Hühnereiern vermehrt und dann in einem zweiten Produktionsschritt unschädlich gemacht. Es handelt sich also um einen sogenannten Totimpfstoff.

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