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Marco Evers

Luftfahrt Wie sicher ist die Atemluft im Ferienflieger?

Liebe Leserin, lieber Leser,

bald geht es wieder los. Griechenland öffnet sich für deutsche Touristen ab dem 15. Juni, Mallorca und die Kanarischen Inseln ab dem 22. Juni, ganz Spanien ab dem 1. Juli. Die ersten Ferienflieger werden nach Monaten am Boden startklar gemacht.

Die Frage ist nur: Kann es ratsam sein, sich in Zeiten von Corona stundenlang in eine enge Aluminiumröhre pferchen zu lassen, in eine Zwangsgemeinschaft mit so vielen fremden Menschen?

Mit genügend Disziplin können Passagiere den gebotenen Sicherheitsabstand von 1,50 Meter beim Check-in beachten, ebenso bei der Security und auch im Wartebereich am Gate. Aber dann ist Schluss. In einer vollbesetzten Economy-Kabine quetschen sich die Menschen wie eh und je Ellbogen an Ellbogen.

Inlandsflug in Brasilien von Manaus nach São Paulo am 30. Mai

Inlandsflug in Brasilien von Manaus nach São Paulo am 30. Mai

Foto: Veronique de Viguerie/ Getty Images

Das allerdings ist zum Glück nicht ganz so gefährlich, wie es sich für viele anfühlen mag. Sind die Triebwerke angelassen, werden Flugzeuge nämlich bestens belüftet. Immerzu strömt von der Kabinendecke Luft hinein, die Momente später im Fußbereich der Passagiere wieder abgesaugt wird. Etwa die Hälfte davon wird nach draußen abgeleitet. Die andere Hälfte passiert Hochleistungsfilter, die über 99,97 Prozent aller Partikel zurückhalten - auch Coronaviren – und wird neu vermengt mit frischer, komprimierter Luft aus den Triebwerken. Alle drei Minuten wird so die gesamte Luft im Flugzeuginneren ausgetauscht.

Dennoch hat das Coronavirus eine Chance an Bord, wenn auch eine kleine: Ein hustender Infizierter auf dem Mittelsitz eines Airbus A320 ist eine Virenschleuder. Trotz des stetigen Luftstroms von oben nach unten kann er theoretisch seine Sitzreihe sowie die zwei Sitzreihen vor und hinter sich kontaminieren; insgesamt 14 Sitzplätze. Wirklich nachgewiesen ist das nicht, aber es ist das, wovon die Europäische Luftsicherheitsbehörde EASA aufgrund der internationalen Studienlage derzeit ausgeht.

Die EASA empfiehlt den Fluggesellschaften in einer aktuellen Mitteilung  deshalb Maskenpflicht für Passagiere und Kabinencrew; alle vier Stunden muss eine neue angelegt werden. Regelmäßig sollen die Fluggäste ihre Hände desinfizieren. Die Zahl der Toiletten soll reduziert werden, denn eine ist künftig exklusiv der Besatzung vorbehalten. Das bedeutet: Für die maximal 180 Passagiere eines A320neo stehen zum Beispiel bei Lufthansa nur noch zwei WCs zur Verfügung. Die Schlangenbildung vor den Toiletten sollen die Airlines unterbinden – wie genau, das sagt die EASA nicht.

DER SPIEGEL 24/2020
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Zudem soll der Kontakt zwischen Personal und Passagieren für die nächste Zeit auf ein Minimum reduziert werden - weniger Service, kein Verkauf zollfreier Artikel mehr, keine Kaffeerunde nach dem Essen. Die kleinen, individuell einstellbaren Luftdüsen über den Köpfen der Passagiere sollen möglichst ungenutzt bleiben, damit sie die Bordluft nicht unnötig verwirbeln.

All dies helfe, das Fliegen jetzt sicherer zu machen. Es dürfte allerdings die Stimmung der Reisenden drücken. An Bord sei künftig mit mehr Wutausbrüchen und Streit zu rechnen, warnt die EASA. Manche Passagiere werden den ihnen zugewiesenen Sitznachbarn nicht akzeptieren wollen - etwa weil dieser gerade verdächtig gehustet hat oder die Sicherheitsgebote missachtet.

Bis wir wieder sorglos und mit der alten unangebrachten Leichtigkeit viel zu viel fliegen, wird es also noch ziemlich lange dauern.

Mit den besten Grüßen

Marco Evers

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen in dieser Woche:

  • Kupfer ist ein natürlicher Viren- und Bakterienkiller. Bis zu 99 Prozent der Mikroorganismen gehen beim Kontakt mit dem Element kaputt. Britische Forscher experimentieren nun mit Kupferlegierungen zum Beispiel auf Türklinken , um Infektionen in Krankenhäusern zu verhindern.

  • Jeden Tag versetzen Anästhesisten Tausende von Patienten in Vollnarkose. Bisher allerdings hat kein Anästhesist genau verstanden, was er da tut. Seit fast 175 Jahren ist es den Forschern ein Rätsel, wie die Narkose im Gehirn genau wirkt - doch jetzt ist das Mysterium offenbar endlich gelöst . Für Nicht-Anästhesisten ist die Studie leider so unverständlich, dass von ihr ein gewisser sedierender Effekt ausgeht.

  • Frankfurt sucht den Super-Dino. Das Senckenberg-Museum hat 30 Tonnen Sedimentgestein aus dem für seine Fossile weltberühmten US-Bundesstaat Wyoming herbeigeschafft. Jetzt werden Präparatoren öffentlich, vor Live-Publikum, die Reste eines darin steckenden, 13 Meter langen Entenschnabelsauriers ausbuddeln. Wie mein SPIEGEL-Kollege Christoph Seidler schreibt, erwarten die Präparatoren reiche Beute: mehr als 1000 Einzelfunde.

  • Was heißt "Mama" auf Chinesisch? Richtig: "Mama". Auf Swahili? "Mama". Ungarisch? "Mamma". Auch die Maori am anderen Ende der Welt sagen "Mama" - und warum dieses Universalwort so ein Welthit wurde, das wird ganz einleuchtend hier erklärt .

  • Mexikanische Archäologen haben in der Karibik ein mindestens 200 Jahre altes Schiffswrack mitsamt rostiger Kanonen gefunden. Ein Riff, 35 Kilometer vom Festland entfernt, wurde ihm ehedem zum Verhängnis, und längst nicht nur ihm: Dies ist das 70. Wrack,  das an diesem Höllen-Riff entdeckt worden ist.

  • Sogar ganze Blöcke von Mehrfamilienhäusern aus den Sechzigerjahren können ihren Energieverbrauch um 50 Prozent senken – ohne dabei an Komfort oder Wirtschaftlichkeit einzubüßen. Das will ein Projekt in Karlsruhe-Durlach jetzt beweisen . Zum Einsatz kommen Wärmepumpen, Photovoltaikanlagen, Erdgas-Blockheizkraftwerke und mit künstlicher Intelligenz arbeitende Computer, die insbesondere die Energieströme überwachen.

Quiz*

1. Was ist der Unterschied zwischen einem Hurrikan, einem Zyklon und einem Taifun?

2. Wie hoch fliegt die Internationale Raumstation ISS?

3. Wie groß ist das Coronavirus?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: NASA

Weltraumballett.  Das Ufo rechts - das ist das erste bemannte US-Weltraumgefährt seit neun Jahren. Die von der privaten Weltraumfirma SpaceX entworfene Kapsel "Crew Dragon" hat am Sonntag autonom an die Internationale Raumstation ISS angedockt. Die Nasa-Astronauten Doug Hurley und Bob Behnken an Bord verfolgten das Geschehen an ihren Touchscreens, dann öffneten sich die Schleusen und sie schwebten hinüber zu ihren ISS-Kollegen.

Fußnote  

6 bis 10 Hurrikane sagt der US-Wetterdienst NOAA für die gerade angebrochene Tropensturmsaison im Atlantik voraus, die sogar "extrem aktiv" verlaufen könne. Bis zu sechs Wirbel­stürme könnten die ­besonders zerstörerischen Kategorien 3, 4 oder gar 5 erreichen. Viele Forscher machen den Klimawandel für diese Zunahme verantwortlich. Nordkalifornien erwartet unterdessen heftige Waldbrände nach einem sehr trockenen Winter. Neben dem Coronavirus, der Massenarbeitslosigkeit und den Unruhen wegen rassistischer Polizeigewalt stehen der gebeutelten Nation weitere schwere Prüfungen bevor. Die Hurrikansaison geht offiziell erst nach der Präsidentschaftswahl im November zu Ende.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten  
1. Alle drei bezeichnen das gleiche Phänomen tropischer Wirbelstürme. Im Atlantik und Nordpazifik heißen sie Hurrikane, im Nordwestpazifik Taifune und im südwestlichen Indischen Ozean Zyklone.
2. In ca. 400 Kilometern Höhe, also immer noch im erdnahen Raum.
3. Etwa 120 Nanometer. Ein Nanometer entspricht einem Milliardstel eines Meters.

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