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SPIEGEL

Julia Koch

Psychologie Warum Textnachrichten mehr Nähe schaffen als Videochats

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir trinken Wein beim Skypen mit Freunden, Großmütter lesen Enkeln über Facetime Märchen vor, Mathelehrer erläutern Geometrie am ins Jugendzimmer übertragenen Tafelbild, Unternehmen konferieren per Videocall: So geht soziale und professionelle Nähe in Zeiten der Pandemie. Doch ersetzen Videomeetings wirklich den persönlichen Kontakt, wenigstens besser als Telefonieren oder Nachrichtenschreiben? Die Antwort lautet: Nein – das ist die eindeutige Botschaft zweier soeben erschienener wissenschaftlicher Studien.

Menschen fühlen sich ihrem Gegenüber nicht enger verbunden, wenn sie ihm via Webcam ins Gesicht blicken. Das ergab eine Befragung, die Sozialpsychologen der Uni Duisburg-Essen zu Beginn der Coronakrise durchgeführt haben. Die Möglichkeit des Plauderns via Webcam, berichten sie, motiviere nicht einmal dazu, sich eifriger an die Notwendigkeiten des Social Distancing zu halten. Mehr gefühlte Nähe als die audiovisuelle Kommuni­kation, schreiben sie im »International Journal of Psychology« , schaffe der regelmäßige Austausch über Textnachrichten.

Auch wenn es nicht um Freundschaft und Freizeit geht, sondern um Zusammenarbeit mit Kollegen, schnitten Videokon­ferenzen schlecht ab, berichten amerikanische Wirtschafts- und Kommunikationswissenschaftler in der Fachzeitschrift »­Plos One«. Ihren Experimenten zufolge arbeiten Menschen, die einander nur hören können, auf Distanz besser zusammen als jene, die ihr Gegenüber auch sehen. Nonverbale Aspekte von Kommunikation, folgern sie, gehen im Video verblüffenderweise eher verloren, als dass sie unterstützt würden.

Videokonferenz – aber keine Nähe

Videokonferenz – aber keine Nähe

Foto: Yves Herman / Reuters

Digitale Weinproben und Onlinegeburtstagsfeiern dürften sich erledigt haben, sobald die Pandemie eingedämmt ist – schade ist das nicht. Dass Menschen, womöglich ermuntert durch diese Erkenntnisse, bald wieder ins Flugzeug steigen, um Kunden und Kollegen in aller Welt leibhaftig zu treffen, wäre allerdings schlecht. So könnte die Videotelefonie auch als Klimaretter ausfallen.

Ich freue mich jedenfalls schon sehr auf die nächste Konferenz, bei der ich meinen Kolleginnen und Kollegen wieder persönlich gegenübersitzen kann – und werde dazu mit dem Zug anreisen.

Herzlich

Ihre Julia Koch

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche:

  • Der Physiker und Buchautor Michio Kaku erklärt in diesem Interview mit dem »Guardian« , warum er meint, dass die Weltformel in greifbarer Nähe liegt, und warum wir besser nicht Kontakt mit Aliens aufnehmen sollten.

  • Wie viele Menschen hat Donald Trumps katastrophales Pandemie-Management das Leben gekostet? In den USA hat die Aufarbeitung  begonnen – gefordert wird eine Untersuchungskommission wie nach 9/11.

  • Warum Sascha Lobo das Restvertrauen in Armin Laschets politische Fähigkeiten verloren hat.

  • Köln hat nicht nur römische Wurzeln, sondern auch eine bedeutende jüdische Geschichte, die durch Ausgrabungen  jetzt immer mehr zum Vorschein kommt.

  • Wie trainierten Russlands Kosmonauten für ihre Weltraumflüge? Anders  als die US-Astronauten.

Quiz*

1. Welche botanische Gemeinsamkeit verbindet einen Apfelbaum mit der Erdbeerpflanze?

2. Welcher Erfinder reichte mehr als tausend Patente ein?

3. Was haben ein Rubin und ein Saphir gemeinsam?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: Isaac Watson / NASA

Mit 32.000 Kilonewton Schub sollen diese Triebwerke der Nasa-Rakete »Space Launch System« die erste Frau auf den Mond schießen – allerdings erst in einigen Jahren. Unter der Regierung Donald Trumps kam diese Idee auf, und bislang zumindest verfolgt Präsident Joe Biden sie weiter. Im Kennedy Space Center in Florida wurden die Triebwerke jetzt zunächst für die unbemannte Mission »Artemis I« in Stellung gebracht.

Fußnote

32 Tage dauert inzwischen die längste Trockenperiode innerhalb eines Jahres im Westen der USA. Das ergab eine Studie des US-Landwirtschafts­ministeriums, in der historische Wetter­daten ausgewertet wurden. In den Siebzigerjahren waren es noch 20 Tage. Neben höheren Temperaturen durch den Klimawandel tragen die unregelmäßigen Regenfälle erheblich zum Wassermangel und zur wachsenden Wald­brand­gefahr in der Region bei

Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten

1) Beide gehören zu den Rosengewächsen.
2) Thomas Alva Edison, der nicht nur die Glühbirne erfand, sondern auch den Phonographen (für Tonaufnahmen), einen elektrischen Stift und das Stromnetz.
3) Sie bestehen aus dem gleichen Mineral (Korund).