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01. März 2015, 07:16 Uhr

Recycling-Konzept "Cradle to Cradle"

Das Ende des Mülls

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Eine Hoffnung wird wahr: Unternehmen erschaffen Produkte, die keinen Müll hinterlassen. Häuser, T-Shirts, Teppiche - ihr Material lässt sich komplett wiederverwerten.

Lüneburg - Was wird aus dem Stuhl, den wir zum Sperrmüll schleppen? Oder aus dem Teppich, den wir aus der neu bezogenen Wohnung reißen? Nicht viel. Das teure Material ist meist verloren.

Dabei ließen sich die meisten Produkte bei ihrer Herstellung so gestalten, dass sie komplett wiederverwertet werden können - und dabei nicht den geringsten Müll hinterlassen. Das behauptet jedenfalls die Bewegung Cradle-to-Cradle, kurz C2C und zu Deutsch "von der Wiege zur Wiege".

Sie sieht die Materialströme unserer Märkte als ein geschlossenes Kreislaufsystem, in dem kein Müll anfällt. Stattdessen zirkulieren Wertstoffe, mit denen immer wieder neue und somit bessere Produkte hergestellt werden können, anstatt sie unter großem Energieeinsatz zu Grabe zu tragen.

Der Cradle-to-Cradle-Bewegung hängen keine verspielten Weltverbesserer an, sondern Wissenschaftler, Wirtschaftsverbände und Unternehmer. Sie hoffen auf höhere Produktivität: Ein aktueller Forschungsbericht von McKinsey in Zusammenarbeit mit der Allen MacArthur Foundation rechnet vor, dass sich durch restaurative Kreisläufe bis 2025 pro Jahr eine Billion US-Dollar einsparen ließen.

Recyceltes Riesenschiff

Erste Branchen haben das Modell bereits übernommen: Die größten Containerschiffe der Welt etwa, die 398 Meter lange Emma-Maersk-Klasse, verfügen bereits über ein C2C-Register. Die Baustoffe werden so miteinander verbunden, dass sie sich bei der Demontage der Schiffe leichter wieder voneinander trennen lassen - und somit weniger Abfall zurückbleibt.

Ein Wirtschaftszweig, der von zurückkehrenden Materialien in besonderem Maße profitieren dürfte, ist das Bauwesen. Nach einer Schätzung der Vereinten Nationen entfällt auf diese Branche fast die Hälfte des Rohstoffverbrauchs in Europa.

Noch fehle es jedoch am politischen Rahmen, meint Christiane Benner, Vorstandsmitglied der IG Metall: "Wir brauchen ein neues Kreislaufwirtschaftsgesetz", forderte sie jüngst auf einem C2C-Kongress in Lüneburg. Das bestehende Recyclingsystem kritisierte sie scharf: "Unsere Recyclingwirtschaft ist eine Industrie für sich, mit eigenen Interessen. Die Lobby für echte Wiederverwertung hingegen ist einfach zu klein."

Umweltschonende Frisur

Laut des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) verbraucht der Bausektor ein Drittel aller Ressourcen weltweit. Die Stuttgarter Bauberatungsfirma Drees & Sommer erklärt Cradle-to-Cradle zu einem zentralen Thema der Zukunft.

Derzeit entwickle man Hochhausfassaden, die Feinstaub binden und Schall schlucken können. "Cradle-to-Cradle lässt sich nur mit allen Beteiligten umsetzen", erklärt Martin Lutz, Partner der Firma. "Wir wollen für den Bausektor als starkes Bindeglied auftreten".

Michael Braungart, Mitbegründer des Cradle-to-Cradle-Konzepts, warb auf dem Lüneburger Kongress plakativ für das Modell: Bundesumweltministerin Barbara Hendricks, die den Kongress per Videobotschaft eröffnet hatte, lobte er für ihre Frisur. "Wer seine Haare kürzer als fünf Zentimeter trägt, spart im Jahr 7000 Liter Duschwasser."

Der Professor der Chemie traf in den Neunzigerjahren auf einer Party in New York den US-amerikanischen Designer und Architekten William McDonough. Ihr gemeinsamer Nenner war die Wut auf schlecht entworfene Produkte, die Rohstoffe verschlingen, in der Herstellung zu viel Energie verbrauchen und am Ende nichts als Müll zurücklassen.

Nur ein Werbetrick?

Unternehmen unterschiedlicher Branchen fragen mittlerweile bei Braungarts Beratungsfirma "EPEA Internationale Umweltforschung" an, um Produkte zu entgiften, mit zusätzlichem Nutzen zu versehen oder in Kreislaufsystemen zurückzugewinnen.

In Kalifornien wiederum sitzt eine unabhängige Organisation, die solche Produkte mit Cradle-to-Cradle-Zertifikaten auszeichnet. Katja Hansen, Forscherin bei der EPEA, betont aber, dass es sich bei C2C nicht um ein offizielles Kontrollsystem handele, sondern vielmehr um eine Denkschule.

Besteht die Gefahr, dass Hersteller die C2C-Auszeichnung als Werbetrick ausbeuten? Nein, meint Benner von der IG Metall. "Wenn ein Produzent transparent nachweisen kann, dass die Wertstoffe wirklich zurückgenommen werden und in biologische oder technische Kreisläufe zurückgehen können, ist das kein Green-Washing, sondern ein Fortschritt."

SPIEGEL ONLINE zeigt Produkte von vier Unternehmen, die Cradle-to-Cradle-Konzepte umsetzen:

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