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Alte Windräder: Verkaufen, einschmelzen, verbrennen

Foto: Jens Büttner/ dpa

Ausgediente Windräder Sprengen und verbrennen

Nach 20 Jahren Betrieb müssen Windräder in der Regel wieder abgebaut werden - ein wachsendes Problem in Deutschland. Die riesigen Rotorblätter sind nur schwer recycelbar, Forscher suchen nach Auswegen.
Von Jan Oliver Löfken

Die Zahlen sind beeindruckend: Mehr als 24.000 Windräder stehen in Deutschland. Sie decken etwa zehn Prozent des bundesweiten Stromverbrauchs. Doch parallel zum anhaltenden Ausbau der Windenergie endet der Betrieb betagter Anlagen aus wirtschaftlichen Gründen meist nach 20 bis 25 Jahren. Das liegt unter anderem an der dann endenden Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Hat der Windrad-Betreiber sich zur Betriebseinstellung entschlossen, muss er die Anlage zwingend zurückbauen . So sehen es in der Regel Auflagen der Baugenehmigungen vor.

Allein zwischen Januar und Juni 2014 wurden 102 Windräder stillgelegt. Sie machten Platz für leistungsfähigere Nachfolger. Tendenz steigend. Doch was soll mit den alten Anlagen geschehen? Droht eine Schwemme schwer recycelbarer Werkstoffe? Nur ein Beispiel: Vom Jahr 2040 an müssen in Deutschland allein etwa 30.000 Tonnen Rotorblätter jährlich entsorgt werden.

Der Abbau eines Windrads ist ähnlich aufwendig wie sein Aufbau. Gewaltige Kräne hieven Rotorblätter und die tonnenschwere Gondel vom Turm auf den Boden. Danach wird der stählerne Turm Stück für Stück demontiert. Das Betonfundament zerkleinern Presslufthämmer.

Vieles lässt sich recyceln. Der Schrott fließt eingeschmolzen in den Kreislauf der Stahlproduktion zurück. Generator und Getriebe enden oft als Ersatzteillager und werden ausgeschlachtet. Aus Betonschutt wird Straßenschotter.

Die meiste Arbeit jedoch machen die ausgedienten Rotorblätter. Das beginnt schon beim Abtransport. Um die oft Dutzende Meter langen Teile mit normalen Lkw wegfahren zu können, müssen sie am besten noch direkt vor Ort zerstückelt werden. Möglich wäre, sie zu zersägen.

Doch Forscher am Fraunhofer Institut für Chemische Technologie (ICT) im badischen Pfinztal arbeiten an einer Alternative: Sie wollen die Flügel mit genau angebrachten Schnüren in kleinere Stücke sprengen. "Erste Versuche in unserem Sprengbunker haben wir bereits durchgeführt", sagt Ingenieurin Elisa Seiler. Weitere Resultate soll ein jüngst beantragtes Forschungsprojekt liefern.

Ein echtes Recycling der Rotorblätter ist kaum möglich, denn sie sind aus Verbundwerkstoffen aufgebaut, beispielsweise aus Glasfasermatten, die eine Innenlage aus Holz umhüllen. Eine Trennung der Schichten wäre aufwendig. "Rotorblätter auf Glasfaserbasis werden geschreddert und in einem speziellen Zementwerk verbrannt", sagt Fraunhofer-Forscherin Seiler. So werde der hohe Brennwert für die energieintensive Zementherstellung genutzt. Die Asche wird dem Zement als Zusatz beigemengt.

Immer öfter kommen statt Glasfasern jedoch robuste Kohlefasern zum Einsatz (Karbon). Diese könne man ebenfalls verbrennen, sagt Seiler, doch dafür sei das Material zu wertvoll. "Die kosten das Zehnfache von Glasfaser-Werkstoffen." Derzeit würden mehrere Verfahren entwickelt, um die wertvollen Fasern aus alten Flügeln abzutrennen und in neuen faserverstärkten Werkstoffen zu verwenden.

Diese Arbeiten könnten die Basis für einen lukrativen Recyclingmarkt legen. Denn laut ICT steigen die anfallenden Rotorblattmengen in den kommenden Jahren stark an. Ein erstes Maximum erreichen sie nach Berechnungen der Fraunhofer-Forscher 2027 mit mehr als 30.000 Tonnen, 20 Jahre später sollen es sogar mehr als 40.000 Tonnen pro Jahr sein - siehe Diagramm.

Vollkommen sicher ist dieses Geschäftsmodell allerdings nicht. "In der Praxis wird bisher wenig recycelt", sagt Wolfram Axthelm, Sprecher des Bundesverbands für Windenergie BWE. Der Grund: Es gibt bislang einen stabilen Markt für gebrauchte Windkraftanlagen, selbst für alte Modelle mit weniger als einem Megawatt Leistung.

Die Mehrzahl der abgebauten deutschen Anlagen, meist gut gewartet und mit teils reparierten Rotorblättern, sind in Polen, Russland und ehemaligen GUS-Staaten hoch begehrt. "Bei guter Pflege können Anlagen deutlich länger als 20 Jahre betrieben werden", bestätigt Christian Schnibbe vom Unternehmen wpd, dem deutschen Marktführer unter den Windpark-Projektierern.

Was aber, wenn ein altes Windrad nur noch verschrottet werden kann? Wer trägt die Kosten? Theoretisch sollten Rücklagen und Bürgschaften für den Rückbau bereitliegen. Doch nach Angaben der Hessischen Landesregierung  war erst seit Juli 2004 eine ausreichende Rückbau-Sicherheitsleistung für eine Betriebsgenehmigung erforderlich. Nicht ausgeschlossen also, dass irgendwann der Steuerzahler einspringen muss, auch wenn dies nach Angaben des Bundesverbands für Windenergie bislang noch nie nötig gewesen sein soll.

Bei Offshore-Windkraftanlagen stellen sich die gleichen Fragen und Probleme, nur dass hier wegen des deutlich höheren Aufwands auch der Rückbau viel teurer ist. Das Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrographie (BSH) erteilt Genehmigungen für Windparks im Meer nur, wenn eine ausreichend hohe Rückbau-Sicherung zur Verfügung steht. Bei einem Windpark mit 80 Anlagen seien dies durchschnittlich 50 Millionen Euro, erklärt Nico Nolte vom BSH.

Mögliche Einnahmen aus dem Verkauf alter Anlagen dürften dabei nicht berücksichtigt werden. "So wollen wir sicherstellen, dass keine Kosten auf den Steuerzahler zurückfallen", sagt Nolte. Offshore-Park-Betreiber könnten zudem eine Verlängerung der Betriebszeit um 25 Jahre beantragen und so den teuren Rückbau verschieben. Bei Anlagen an Land besteht diese Möglichkeit nicht.

Der Rückbau eines Offshore-Windparks ist aufwendig, denn es müssten nicht nur die Windräder selbst demontiert, verladen und an Land verschifft werden. Auch die gigantischen stählernen Dreibeine unter Wasser wären abzubauen, mitsamt den in den Meeresboden gerammten Pfeilern. Derzeit fordern die Rückbaukonzepte, den Meeresboden so zu hinterlassen, dass weder Schifffahrt, Fischerei noch Umwelt beeinträchtigt sind. So müssen die Fundamentpfeiler mindestens ein bis zwei Meter unter dem Meeresboden gekappt und beseitigt werden.

Ob die verbleibenden Reste wegen giftiger Metallanteile im rostenden Stahl ein Umweltrisiko  darstellen, kann das BSH derzeit nicht abschätzen. Insgesamt fehlt es bei der noch jungen Offshore-Technologie an langfristigen Erfahrungen. Da die Hochsee-Windparks gerade erst aufgebaut werden, wird das Thema Rückbau frühestens in 20 Jahren praktisch relevant. Bis dahin bleibt die Hoffnung, dass die aktuellen Risikobewertungen und Kostenkalkulationen nicht daneben liegen.

Anmerkung der Redaktion: Windkraftanlagen müssen nicht zwingend nach 20 Jahren rückgebaut werden, wie es anfangs in diesem Text hieß. Ein Abbau ist erst dann erforderlich, wenn der Betreiber die Anlage stilllegt. Dies geschieht üblicherweise nach 20 Jahren aus wirtschaftlichen Gründen, weil dann unter anderem die EEG-Förderung endet. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen!