Deutsche AKW-Gegner im Ausland Die Nervensägen von nebenan

Nach der Wende ist vor der Wende: Deutsche Umweltschützer machen gegen geplante Kernkraftwerke in den Nachbarländern Polen und Niederlande mobil. Dort kommt der Protest von drüben in der Regel gar nicht gut an.

Atomkraftwerk Borssele I: "Unvertretbare Risiken"
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Atomkraftwerk Borssele I: "Unvertretbare Risiken"

Von und , Düsseldorf und Groningen


Ironischerweise fachen die natürlichen Energieträger Wasser und Wind die Sorgen über ein neues Atomkraftwerk in den Niederlanden erst richtig an. Genauer gesagt geht es um die Möglichkeit einer Sturmflut und den ständigen Westwind, der nach Nordrhein-Westfalen herüberzieht. Denn an der niederländischen Nordseeküste, keine 200 Kilometer von der Grenze entfernt, wird derzeit das Atomkraftwerk Borssele II geplant - was viele Deutsche unruhig macht.

"Unvertretbare Risiken" berge das Vorhaben, klagt etwa der Düsseldorfer Landesumweltminister Johannes Remmel (Grüne). Käme es zu einem schwerwiegenden Unfall, zöge eine atomare Wolke mit dem Westwind in nur sechs Stunden über das dichtbesiedelte Ruhrgebiet. Remmel hat in einem Schreiben an die Beschwerdestelle im niederländischen Voorschoten auf die Gefahren hingewiesen und eine "intensive Prüfung von Alternativen" bei der Energiegewinnung angemahnt.

Noch deutlicher wurde der Minister vor Journalisten in Düsseldorf: Das Atomkraftwerk mit 2500 Megawatt Leistung dürfe nicht gebaut werden. Die Landesregierung hoffe "auf eine Neubesinnung der Verantwortlichen bei unseren niederländischen Nachbarn", konkretisierte später der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger (SPD).

Bewegung Borssele-Besorgter

Die rot-grüne Landesregierung bildet inzwischen die Speerspitze einer breiten Bewegung Borssele-Besorgter, die von der Naturschutzorganisation BUND bis zum christdemokratischen Landrat des Kreises Kleve reicht. Die niederrheinische 37.000-Einwohner-Stadt Voerde etwa erklärte den Niederländern brieflich, dass "das Betreiben von Atomkraftanlagen eine abschließend nicht beherrschbare Technologie darstellt". Auch sei die Endlagerung der benutzten Brennstäbe weiterhin ein ungeklärtes Problem.

Die Nachbarn reagieren mitunter heftig auf Einwände aus Deutschland. "Merkwürdig, dass das Ruhrgebiet über Radioaktivität klagt, während dasselbe Ruhrgebiet Gift in den Rhein pumpt, das dann zu uns fließt", schreibt etwa der User "Zindaras" in einem Onlineforum. "Die Zeit, als Deutschland hier das Sagen hatte, ist vorbei - baut das Ding", meint "Duikersbusje". Und ein anderer tönt: "Bei vielem in Europa reden die Deutschen mit, aber hier geht es sie absolut nichts an - das entscheiden wir selbst."

Die häufig als "Moffen" verspotteten Nachbarn sind den Niederländern bereits 2009 bei einer ersten Präsentation des Borssele-Projekts als engagierte Kernkraftgegner aufgefallen. Seinerzeit stellte der Energiekonzern Delta die Pläne vor, laut Umweltschutzorganisation Tegenstroom gab es zahlreiche Reaktionen darauf: 25 aus Belgien, 200 aus den Niederlanden und 1300 aus Deutschland.

Am Donnerstag ist die neuerliche Einspruchsfrist für Borssele II abgelaufen. Die Sprecherin des niederländischen Wirtschaftsministeriums sagte auf Anfrage, es habe einmal mehr zahlreiche Schreiben aus Deutschland gegeben. Zum Tenor der Briefe könne sie sich aber nicht äußern. "Die verschiedenen Sichtweisen werden beachtet", so Esther Bischop.

Weniger Angst vor einem Atom-Unfall

Die Niederländer scheinen weniger Angst vor einem atomaren Unglück zu haben als ihre Nachbarn. Kurz nach der Katastrophe von Fukushima, als Deutschland die Energiewende beschloss, befürworteten laut einer Untersuchung des niederländischen Instituts für Sozialforschung rund vierzig Prozent der Bürger die Kernenergie. In der Provinz Zeeland, wo bereits das Atomkraftwerk Borssele steht, sind einer repräsentativen Umfrage der örtlichen Zeitung zufolge 66 Prozent der Menschen für das Vorhaben, einen zweiten Reaktor zu bauen.

"In den Niederlanden gab es bisher keine ernsthaften Zwischenfälle", sagt Petroeskja Sterk von der kleinen Bürgerinitiative "Borssele 2 - Nee". Außerdem verfügten die Energiekonzerne über eine gut geölte PR-Maschinerie, weshalb das Image der Atomenergie in Holland überwiegend positiv sei.

Bislang hat der Energiekonzern Delta keinen Bauantrag für Borssele II gestellt. Zunächst müssen seine Anteilseigner grünes Licht geben, dann wird die Finanzierung zu klären sein. Die Unternehmen EDF aus Frankreich und RWE aus Deutschland sind als Partner im Gespräch. Schließlich hat auch das Parlament in Den Haag zuzustimmen. Dort verfügt die atomfreundliche liberal-konservative Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte allerdings über eine Mehrheit.

Aktiv im Osten

Aktuell sind deutsche Atomkraftgegner nicht nur im Westen, sondern auch im Osten sehr aktiv. Die brandenburgische Landesregierung führt den Protest gegen die in Polen geplanten Meiler an, von denen zumindest einer keine hundert Kilometer hinter der Grenze liegen soll. "Es ist mir unverständlich", schrieb die Potsdamer Umweltministerin nach Warschau, "dass unsere polnischen Nachbarn auch nach dem Fukushima-Desaster an ihren Plänen festhalten wollen."

20.000 Briefe besorgter Bundesbürger seien bislang bei der Regierung in Warschau eingegangen, meldete die Zeitung "Gazeta Wyborcza". Die Haltung Berlins nannte das Blatt "zwiespältig". Einerseits erkläre die, dass Polen das Recht auf eine unabhängige Energiepolitik habe. Andererseits dränge Deutschland den Nachbarn im Osten, auf erneuerbare Energien statt auf Atomkraft zu setzen. Doch die Investitionskosten für diese Technologien seien eben sehr hoch. Daher ist nicht unbedingt damit zu rechnen, dass Warschau große Rücksicht auf die deutschen Bedenken nehmen wird.

Ähnlich könnte es auch im Westen laufen. Die nächsten größeren Städte südlich Borsseles sind Brügge und Antwerpen in Belgien. Deutliche Worte findet Luc Lieman von der "Grünen-Partei West-Flandern": Auch sie hätten Widerspruch gegen das Bauvorhaben eingelegt. Die Möglichkeiten, aus dem Ausland Einfluss auf die Entscheidung zu nehmen, blieben allerdings sehr begrenzt. "Ob die Einsprüche irgendwie beachtet werden, kann man nicht kontrollieren."

Am Ende könnte es sein, dass alle Bedenken, Eingaben und Anregungen nichts nutzen - ähnlich wie im Fall der betagten Meiler Temelin in Tschechien und Fessenheim in Frankreich. Auch da drängten die Deutschen ihre Nachbarn vor geraumer Zeit, die vermeintlichen Risikokraftwerke abzuschalten. Passiert ist nichts.



insgesamt 393 Beiträge
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Seite 1
law1964 13.01.2012
1. Bitte auch Aktionen im Iran /gegen das iranische Atomprogramm
Auch der Iran setzt auf Atomkraft bitte auch dort Aktionen starten.
tea-rex 13.01.2012
2. Atom
Zitat von sysopNach der Wende ist vor der Wende: Deutsche Umweltschützer machen gegen geplante Kernkraftwerke in den Nachbarländern Polen und Niederlande mobil. Dort kommt der Protest von drüben*in der Regel gar nicht gut an. Deutsche AKW-Gegner im Ausland: Die Nervensägen von nebenan - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,808977,00.html)
Niemand wartet auf deutsche Umweltexperten die mal wieder Gedankengut exportieren möchten. Wenn die Herren und Damen Atomkraftgegner ihre Aufkleber spazieren fahren sollten sie wissen, dass niemand Klugscheisser mag.
tea-rex 13.01.2012
3. oh ja dringend
Zitat von law1964Auch der Iran setzt auf Atomkraft bitte auch dort Aktionen starten.
Sitzblockade !
rufus008 13.01.2012
4.
Dass ein Land mit 9 Nachbarstaaten glaubt, unilateral der Kernkraft den Rücken kehren zu können, zeugt von einer verblüffenden Realitätsferne.
fabian03 13.01.2012
5.
Zitat von law1964Auch der Iran setzt auf Atomkraft bitte auch dort Aktionen starten.
Äh, also, ähm, jetzt, also das ist ganz was anderes, kann man überhaupt nicht vergleichen. Iranische Atomkraft ist gut, die wollen ja auch nur so ein paar ganz kleine, niedliche Bömblein bauen - um Israel von der Landkarte zu tilgen braucht man nämlich gar keine großen. Iranische Atombomben sind volkommen ungefährlich, aber in Europa wo tagtäglich Vulkane unter AKWs ausbrechen und Komenten auf sie herabstürzen - das ist natürlich gaaaanz was anderes. Sollen die Holländer ihren Käse doch gefälligst im Dunkel machen.
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