Kläranlagen Deutschlands Kampf gegen Chemikalien im Wasser

Eine teure Reinigungstechnik, die Chemierückstände aus dem Wasser entfernt, steht bereit. Doch Kommunen, Betreiber und Experten streiten über den Nutzen - das Problem müsse an der Quelle angegangen werden, sagen Kritiker.
Becken einer Kläranlage in Brandenburg

Becken einer Kläranlage in Brandenburg

Foto: Ralf Hirschberger / DPA

Chemikalien begegnen uns überall im Alltag. Schon morgens bei der Körperpflege, wenn wir zur Zahnpasta greifen oder uns mit Shampoo und Seife unter die Dusche stellen. Bei der Verwendung von Kosmetika, Spülmitteln, Waschmitteln oder von Medikamenten.

Die Rückstände von all diesen Mitteln und damit Tausende chemische Verbindungen geraten über den Abfluss oder die Toilette in das Kanalsystem. Dazu spült Regenwasser Reste von Pflanzenschutzmitteln oder den Abrieb von Autoreifen in die Gullis. Der chemische Cocktail erreicht am Ende der Kanalisation die Kläranlagen.

Doch bisher ist die Abwassertechnik in Deutschland nicht dafür ausgelegt, solche sogenannten Spuren- oder Mikroschadstoffe aus dem Wasser zu entfernen. Und so landet ein Großteil wieder in Flüssen und Seen und gelangt potenziell auch in die Nahrungskette des Menschen. Oder könnte in einigen Regionen ins Grundwasser sickern.

Spurenstoffe: Gefahr für die Ökosysteme

Zwar ist noch nicht abschließend erforscht, welchen Schaden solche Substanzen in den Ökosystem anrichten, doch gibt es aus unterschiedlichen Studien ausreichende Hinweise, dass zumindest ein Teil der Stoffe besser nicht in die Gewässer gelangen sollte. Substanzen mit hormonähnlicher Wirkung können etwa eine Gefahr für Fische sein. Diese veränderten beispielsweise in Studien ihr Verhalten und wurden sehr viel wagemutiger, als sie mit diesen Substanzen in Kontakt kamen.

Was also tun, um die Chemiebelastung im Wasser zu senken?

Darüber diskutieren Wissenschaftler, Kläranlagenbetreiber, Umweltschützer und Politiker schon lange. Im Hintergrund schwelt dabei ein Streit um den Bau einer neuen Klärtechnik, die seit Jahren bereitsteht, aber bisher nur von wenigen Kläranlagenbetreibern freiwillig eingebaut wurde.

So funktioniert eine Kläranlage (Klicken Sie auf die Zahlen):

Die Gegner dieser sogenannten vierten Klärstufe halten sie für zu teuer und nicht effizient genug. Denn obwohl auf die angeschlossenen Haushalte höhere Wasserkosten zukämen (etwa zwischen fünf und 25 Euro pro Jahr), werden nicht alle Stoffe entfernt oder vollständig reduziert. Zudem müsse man zuallererst versuchen, den Eintrag chemischer Stoffe zu reduzieren. Auch Informationskampagnen zum richtigen Umgang mit Haushaltschemikalien könnten verhindern, dass Spurenstoffe überhaupt ins Wasser gelangen, argumentieren viele Kläranlagenbetreiber. Denn für die Einträge seien nicht nur die Verbraucher, sondern auch die Chemieindustrie oder die Landwirtschaft mitverantwortlich, die auch einen Beitrag leisten müssten.

Solche Maßnahmen an der Quelle sind wichtig, argumentieren auch die Befürworter der Technik. Doch das wird nicht ausreichen, um unsere Gewässer überall hinreichend zu schützen, sagt etwa das Umweltbundesamt. Auf die neue Technik könne zumindest in der Nähe von Metropolen oder in sensiblen Gewässerregionen bei Trinkwassereinzugsgebieten nicht verzichtet werden.

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Klärtechnik: So funktioniert die vierte Reinigungsstufe

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Eine Beilegung des Streits erhofften sich alle Beteiligten von der Bundesregierung. Das Bundesumweltministerium (BMU) hatte eine Arbeitsgruppe eingerichtet, an der alle Interessengruppen um Lösungen rangen. Unternehmen, Umweltschützer, Wasserwirtschaft und Politik waren drei Jahre lang im sogenannten Spurenstoffdialog im Gespräch.

In Berlin wurden nach langen Verhandlungen kürzlich die Ergebnisse vorgestellt, von denen man sich sauberere Gewässer erhofft. Konkrete Entscheidungen fielen dabei aber nicht. Stattdessen sollen nun in einer einjährigen Testphase unterschiedliche Strategien erprobt werden:

  • Da viele Stoffe noch unzureichend untersucht sind, sollen zunächst solche besser erforscht werden, die für den Gewässerschutz besonders relevant scheinen.
  • Zudem wollen Hersteller von chemischen Produkten laut BMU prüfen, wie bereits in der Fertigung der Chemikalieneinsatz reduziert werden kann.
  • Ein großes Problem bisher ist, dass viele Menschen alte Medikamente in der Toilette entsorgen. Informationskampagnen an Volkshochschulen sollen Bürger dafür sensibilisieren.
  • Röntgenkontrastmittel für medizinische Diagnosen sind in der Umwelt extrem langlebig. Um ihren Eintrag zu reduzieren, laufen derzeit Pilotprojekte. Dabei wird in Krankenhäusern der Nutzen von separaten Toiletten geprüft, damit kontaminierte Fäkalien nicht ins Abwasser geraten.
  • Mit einer Checkliste können Kläranlagen prüfen, ob sich eine weitere Reinigungsstufe auf ihrer Anlage ökonomisch und ökologisch lohnt oder präventive Maßnahmen möglicherweise auch ausreichen könnten, um den Gewässerschutz in ihrer Region zu verbessern. Da die Abwasserorganisation Ländersache ist, gab es bisher keine einheitlichen Bewertungskriterien.

Die Wasserwirtschaft begrüßt die Maßnahmen. Ein Sprecher des Verbands Kommunaler Unternehmen (VKU), zu dem auch Trinkwasserversorger gehören, mahnte, Vorsorge sei besser und günstiger als Nachsorge: "Das Problem muss an der Wurzel angegangen werden, also beim Verursacher der Einträge."

Umweltverbände und Politiker zeigten sich dagegen enttäuscht. "Nach rund drei Jahren Dialogprozess enthält der Bericht keine einzige konkrete Maßnahme, um unser Wasser vor der Verschmutzung mit Mikroschadstoffen zu schützen. Neue Informationskampagnen allein werden unser Wasser nicht sauber halten", sagte die umweltpolitische Sprecherin der Grünen, Bettina Hoffmann.

In einem Antrag, den die Grünen im Frühjahr im Bundestag stellen wollen, forderten sie zudem einen Industrie-Fonds für sauberes Wasser, damit steigende Kosten für die Wasserreinigung nicht allein den Verbrauchern angelastet würden. In einen solchen Fonds sollten unter anderem Pharmaunternehmen, Hersteller von Waschmitteln und Kosmetika sowie industriell wirtschaftende Landwirte einzahlen.

Vorbild Schweiz

Außerdem solle eine Verbotsliste von Gefahrenstoffen eingerichtet werden. Solche wassergefährdenden Stoffe dürften dann für Arznei-, Pflanzenschutz-, sowie Wasch- und Reinigungsmittel nicht mehr verwendet werden. Zudem erhoffen sich die Grünen für weitere Substanzen eine Kennzeichnungspflicht auf den Produkten, um für Verbraucher mehr Transparenz zu schaffen.

Auch der Ausbau der Kläranlagen könnte aus dem Industrie-Fonds bezahlt werden. Denn günstig ist die neue Technik nicht. Für Deutschland würden beispielsweise jährlich 470 Millionen Euro Kosten entstehen, wenn die 240 größten Anlagen nachgerüstet würden, hatte das Umweltbundesamt errechnet.

Einen Schritt weiter beim Thema Abwasserreinigung ist man übrigens schon in der Schweiz. Dort ist die vierte Reinigungsstufe bereits beschlossene Sache. Sie wird in den kommenden Jahren auf 100 der 700 Kläranlagen installiert und über eine landesweite Abwasserabgabe finanziert.

Zusammengefasst: Um den Eintrag von Chemierückständen in deutsche Gewässer zu reduzieren, hat die Bundesregierung eine neue Strategie vorgestellt. Demnach soll der Eintrag von Chemikalien bereits an der Quelle reduziert werden. Außerdem sollen Kläranlagenbetreiber Orientierung erhalten, ob sich bei ihnen der Einbau einer neuen, aber teuren Technik lohnen könnte. Umweltschützer und Grüne kritisieren die Strategie als unzureichend und fordern die Einrichtung eines Industrie-Fonds zur Finanzierung.

Im Video: Kampf ums Wasser (SPIEGEL TV 2010)

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