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Hochhäuser: Schwelende Gefahr

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Trotz Brandkatastrophe in London Deutsche Städte ignorieren Feuergefahr bei Hochhäusern

Nach einer Brandkatastrophe in London wollte Deutschland die Fassaden sämtlicher Hochhäuser auf Feuergefahr prüfen. Eigentlich. Geschehen ist so gut wie nichts, dabei gibt es etliche Risiko-Bauten.
Von Güven Purtul

Am Tag nach der Katastrophe im Londoner Grenfell-Tower versicherte Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD), hierzulande sei ein solcher Brand "nach menschlichem Ermessen" nicht möglich, da die Vorschriften für Hochhäuser viel strenger seien.

Doch eines Tages mussten die Bewohner in Wuppertal fluchtartig ihre Wohnungen räumen, weil die Stadt Mängel, wie die brennbare Fassadenverkleidung, neu bewertete. Danach kündigte Hendricks an, die Bauministerkonferenz werde "kurzfristig erheben, wo es solche Bauten geben kann".

Doch nach Recherchen des ZDF-Magazins "Frontal 21" (Dienstag, 21 Uhr) haben die meisten Bundesländer die Hochhausfassaden nicht überprüft.

In bestem Amtsdeutsch schreibt die Berliner Senatsverwaltung: "Eine Verwendung brennbarer Baustoffe an Hochhäusern widerspricht den bauordnungsrechtlichen Anforderungen." Diese würde "im Rahmen der bauaufsichtlichen Bauüberwachung" auffallen. Auch in Sachsen gehen die Verantwortlichen davon aus, "dass nur zulässige Baustoffe verwendet wurden".

Zwar ist der Einbau brennbarer Baustoffe an Hochhausfassaden in Deutschland verboten - doch das war nicht immer so. Bauordnung ist Ländersache, sodass es zahlreiche Regelungen gab.

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Früher durften brennbare Baustoffe teils verwendet werden

Die erste Hochhausverordnung von Nordrhein-Westfalen aus 1986 etwa erlaubte brennbare Baustoffe an Gebäuden bis zu einer Höhe von 60 Metern zumindest mit Einschränkungen. Seit 2008 gibt es eine Muster-Hochhaus-Richtlinie, die 2009 auch in Nordrhein-Westfalen übernommen wurde. Sie legt fest, dass Außenwände von Hochhäusern komplett aus nicht brennbaren Baustoffen bestehen müssen.

Sachsen-Anhalt hat die Muster-Hochhaus-Richtlinie nie eingeführt. Dort gilt seit 1990 eine Richtlinie auf der Grundlage der NRW-Hochhausverordnung. Die meisten Hochhäuser im Osten sind Plattenbauten und stammen aus DDR-Zeiten.

Welche Bauvorschriften bei diesen Gebäuden zur Anwendung kamen "entzieht sich unserer Kenntnis", heißt es aus dem Bauministerium in Magdeburg. Sachsen-Anhalts Bauminister Thomas Webel war Vorsitzender der Bauministerkonferenz (BMK), als sich das Feuer im Grenfell-Tower ereignete.

Nach dem Gespräch mit Hendricks setzte er das Thema im Juni per Rundschreiben auf die Tagesordnung der BMK. Webel, dem die Mitteldeutsche Zeitung eine "zupackende Art" attestiert, regt darin vorsichtig an, "über weitere Verfahrensschritte zur Thematik Hochhäuser nachzudenken".

Die meisten Bundesländer ordnen keine Kontrolle an

Dabei ist es offenbar geblieben - eine Kontrolle der Hochhäuser haben die meisten Bundesländer nicht angeordnet: Weder große Flächenländer wie Nordrhein-Westfalen, wo 2396 Hochhäuser stehen, Baden-Württemberg oder Bayern, noch die Stadtstaaten Bremen und Berlin, die nicht mal die Zahl ihrer Hochhäuser beziffern können.

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Hochhäuser: Schwelende Gefahr

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Fast alle zuständigen Ministerien verweisen auf die Brandverhütungsschau (Feuerbeschau) der Gemeinden, bei der Feuerwehrleute in der Regel alle fünf Jahre die Rettungswege und andere offensichtliche Dinge überprüfen, nicht jedoch die Fassaden.

Im November berieten die Bauminister in der Lutherstadt Wittenberg über "mögliche bauaufsichtliche Konsequenzen des Hochhausbrandes in London" und stellten fest, dass die "Regelungen in Deutschland seit Jahrzehnten sachgerecht sind". Mit dem Ereignis in London wollen sie sich erneut befassen, sobald "die amtlichen Untersuchungsergebnisse vorliegen".

Dabei zeigen Zufallstreffer wie im September in Dortmund, dass auch in Deutschland Risiko-Hochhäuser stehen. Die Feuerwehr hatte im Rahmen einer Brandschau ausnahmsweise die Möglichkeit, in eine Wohnung zu schauen und fand einen gefährlichen Installationsschacht mit offener Verbindung zur Tiefgarage. Das Haus musste evakuiert werden.

"Es kann nicht sein, dass solche Probleme dem Zufall überlassen werden", kritisiert Tobias Scholz vom Mieterbund Dortmund. "Die Brandschutzkonzepte, mit denen die Gebäude genehmigt wurden, müssen auch überprüft werden."

Eine Überprüfung aller Hochhäuser hält Webel für verzichtbar: "In Sachsen-Anhalt ist das kein großes Problem", sagt der CDU-Minister, "in den meisten Landkreisen werden sie kein Hochhaus finden. In Halle finden Sie fünf, davon sind vier leerstehend, in Magdeburg haben Sie eins, das ist neu gebaut worden."

Ein Irrtum: Auf Anfrage des ZDF teilen die Städte erheblich höhere Zahlen mit: Tatsächlich gibt es in Halle 117 Hochhäuser und in Magdeburg - Webels Amtssitz - stehen über 400. Eine Kontrolle der Außenfassaden findet nicht statt.

Anfragen bei den größten deutschen Städten zeigen, dass sehr viele bisher auf eine Prüfung der Fassaden verzichtet haben, neben Berlin auch München, Köln, Düsseldorf, Essen, Leipzig und viele andere.

Die Kontrolle einer Fassadendämmung sei im Regelfall nicht möglich, "da diese unter einer Verkleidung verborgen ist", erläutert ein Leipziger Sprecher, "zur Kontrolle müsste die Fassade zerstört werden".

Sanierungen geplant

Etwa die Hälfte der 40 befragten Städte ist zumindest tätig geworden, auch wenn sich viele mit den schriftlichen Angaben der Eigentümer zufriedengeben.

Eine genauere Prüfung verlangen Niedersachsen und Rheinland-Pfalz: Die Bauministerien forderten die Bauämter bei den Kreisen und kreisfreien Städten im Juli auf alle Hochhäuser hinsichtlich der Außenwände zu überprüfen. Die schrieben daraufhin die Eigentümer an und baten um Nachweise zu den Fassaden.

Im Zweifelsfall rückten Brandschutzsachverständige mit einem Bohrer an und entnahmen Materialproben. In Mainz und Braunschweig fanden die Prüfer bei einer Reihe von Hochhäusern brennbare Stoffe. Sanierungen sind geplant.

Dagegen gelang es Hannover bisher nicht, die Zahl der Hochhäuser zu ermitteln. "Derzeit laufen konkretere Prüfungen der Ergebnisse, da es teilweise um einzelne Zentimeter geht, wann ein Haus tatsächlich als Hochhaus deklariert werden kann." Als Hochhäuser gelten Gebäude, bei denen der Fußboden mindestens eines Aufenthaltsraumes mehr als 22 Meter über der Geländeoberfläche liegt.

2018 sollen die Eigentümer befragt werden. Hessen hält eine allgemeine Überprüfungspflicht für unverhältnismäßig, hat aber den unteren Bauaufsichtsbehörden eine Kontrolle der Hochhäuser empfohlen, die vor 1984 errichtet wurden. Prüfer fanden in mehreren Städten und Kreisen Fassaden mit brennbaren Materialien.

Gutachter plädiert für Prüfinstanz

Im Stadtstaat Hamburg hat die Oberste Bauaufsicht die Eigentümer von Hochhäusern direkt angeschrieben und um eine Überprüfung der Fassadendämmung gebeten. An einem Gebäude aus dem Jahr 1969 wurde man fündig, ein 16-stöckiges Haus mit 171 Wohnungen und etwa 400 Bewohnern im Stadtteil Osdorf.

Die Öffnung der Fassade stand dort aufgrund einer geplanten Sanierung ohnehin an: "Das ist natürlich eine Grundlagenermittlung, die zwingend ist, wenn hier eine neue Fassade aufgebaut wird", sagt der Brandschutz-Sachverständige Tim Wackermann.

Hinter der Verkleidung aus Faserzementplatten hängen brennbare Dämmplatten aus gepressten Holzspänen: "Im Ernstfall möchte sich die Feuerwehr nicht mit der Brandbekämpfung an der Fassade auseinandersetzen, da gibt es für sie wichtigere Aufgaben", sagt Wackermann.

Eine Überprüfung allein aufgrund der Akten hält der Gutachter für schwierig, da aus den Bauunterlagen selten hervorgehe, ob brennbare Materialien verwendet wurden. "Konkrete Angaben zu den Materialien sind in der Baugenehmigung nicht üblich."

Der Gutachter plädiert für eine Prüfinstanz, die kontrolliert, ob die festgesetzten Anforderungen auch umgesetzt wurden. Dazu, wie oft er tatsächlich hinter die Fassaden geschaut hat, möchte er nichts sagen.

Das Osdorfer Hochhaus wurde mit zusätzlichen Feuermeldern ausgestattet, es steht nun unter Daueraufsicht einer Brandwache, bis die Gefahr beseitigt ist.

SPIEGEL TV bei den Ausbildern der Feuerwehr

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Mehr zum Thema: "Frontal 21" , Dienstag, 23. Januar, um 21.00 Uhr im ZDF