EEG-Novelle zu optimistisch Wirtschaftsministerium unterschätzt Strombedarf

Wie stark Wind- und Solarenergie ausgebaut werden müssen, hängt vom künftigen Stromverbrauch ab. Der wird in der EEG-Novelle unterschätzt, sagen Forscher - das Erneuerbare-Energien-Ziel für 2030 reiche bei Weitem nicht.
Demontierte Windkraftanlage in der Uckermark, August 2020

Demontierte Windkraftanlage in der Uckermark, August 2020

Foto: Christian Thiel / imago images

Erneuerbare Energien sollen nach dem Willen der Bundesregierung im Jahr 2030 insgesamt 65 Prozent des deutschen Strombedarfs decken. Heute sind es gut 40 Prozent. Mit einer Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) will die schwarz-rote Koalition jetzt festlegen, wie stark Wind-, Solar- und Bioenergie in den nächsten zehn Jahren ausgebaut werden sollen.

Ob das 65-Prozent-Ziel erreicht wird, hängt jedoch nicht nur davon ab, wie viele neue Erneuerbare-Energien-Anlagen installiert werden - sondern auch davon, wie viel Strom 2030 verbraucht wird.

Das zuständige Bundeswirtschaftsministerium geht in seinem Gesetzentwurf davon aus, dass der Verbrauch in zehn Jahren bei insgesamt 580 Terawattstunden liegen wird – etwa so hoch wie heute. Daraus leitet es den nötigen Zubau an Windrädern, Fotovoltaik- und Bioenergie-Anlagen ab.

"Künftige Stromnachfrage wird unterschätzt"

Viele Experten sind jedoch überzeugt, dass 2030 deutlich mehr Strom benötigt wird als im Ministerium von Peter Altmaier (CDU) angenommen.

"Die künftige Stromnachfrage wird im Entwurf der EEG-Novelle unterschätzt", sagt etwa Max Gierkink vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln (EWI).

In einer kurz vor dem Beginn der Corona-Pandemie erstellten Analyse kommen Gierkink und seine Kollegen für 2030 auf einen Stromverbrauch von 748 Terawattstunden.

Ob es angesichts der Pandemie tatsächlich so viel sein wird, lasse sich momentan nicht seriös einschätzen, da unklar sei, wie sich die Wirtschaft bis dahin entwickelt. "Es deutet aber alles darauf hin, dass der Verbrauch 2030 höher liegen wird als heute", sagt Gierkink.

Dirk Uwe Sauer von der RWTH Aachen sieht das ähnlich. "Mit den für 2030 angenommenen 580 Terawattstunden setzt der Entwurf der EEG-Novelle den Strombedarf zu niedrig an", sagt Sauer, der auch dem Direktorium des Akademienprojekts "Energiesysteme der Zukunft" vorsteht.

Werden die erneuerbaren Energien so ausgebaut wie im Gesetz vorgesehen, wird das 65-Prozent-Ziel damit verfehlt. Nachdem der Entwurf am 23. September das Kabinett passiert hat, müssen nun Bundestag und -rat darüber beraten.

Elektrifizierung lässt Stromverbrauch steigen

Doch warum soll der Stromverbrauch steigen, wo doch Elektrogeräte, Anlagen und Maschinen immer effizienter werden? Wegen der sogenannten Sektorenkopplung: Künftig wird mehr Strom im Verkehr, beim Heizen und in der Industrie genutzt – elektrische Wärmepumpen ersetzen Gasheizungen, Elektroautos solche mit Verbrennungsmotor. Und grüner, per Elektrolyse hergestellter Wasserstoff verdrängt fossile Brenn- und Kraftstoffe.

Das Bundeswirtschaftsministerium orientiert sich bei seiner Annahme des Stromverbrauchs an einer Prognose aus dem Szenariorahmen, der 2018 für den Ausbau der Stromnetze erstellt wurde. Dort gleichen sich die Einsparungen und der Mehrverbrauch durch die Sektorenkopplung in etwa aus.

Falsch, meint EWI-Forscher Gierkink: "Die Elektrifizierung von Industrie-, Verkehrs- und Wärmesektor wird bei der Entwicklung des Stromverbrauchs deutlich stärker ins Gewicht fallen als Effizienzgewinne."

Mehr Elektroautos auf die Straßen

"Die Annahmen zum Stromverbrauch im Entwurf der Gesetzesnovelle passen nicht zur Sektorenkopplung", zeigt sich auch Norman Gerhardt vom Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik IEE überzeugt. In ihrem "Energiewende-Barometer" setzen die Fraunhofer-Forscher den Stromverbrauch 2030 mit 688 Terawattstunden an.

Strom statt Kohle, Öl und Gas – das ist schließlich ein zentraler Baustein der deutschen Klimapolitik. Zum Beispiel schreibt die Bundesregierung in der Nationalen Wasserstoffstrategie fest, dass bis 2030 Elektrolyseure mit insgesamt bis zu fünf Gigawatt Leistung installiert werden sollen. Elektrolyseure erzeugen Wasserstoff, indem sie Wasser unter Strom setzen.

Auch die Elektromobilität lässt den Stromverbrauch steigen. Mit dem Klimaschutzprogramm 2030 setzt die schwarz-rote Koalition das Ziel, bis zum Ende des Jahrzehnts sieben bis zehn Millionen Elektroautos auf die Straßen zu bringen. Dazu hat sie allerlei Fördermaßnahmen beschlossen. Das Szenario für den Netzausbau rechnet dagegen nur mit sechs Millionen Fahrzeugen.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Verbrauchsprognose wird regelmäßig überprüft

Das Bundeswirtschaftsministerium weist darauf hin, dass die Annahme zur Entwicklung des Stromverbrauchs in der EEG-Novelle nicht in Stein gemeißelt ist. So sieht der Gesetzentwurf vor, die Prognose regelmäßig zu evaluieren.

Sollte sich dabei zeigen, dass für 2030 ein höherer Stromverbrauch zu erwarten ist, wird der Ausbau der erneuerbaren Energien laut dem Entwurf entsprechend angepasst.

Bei all dem steht allerdings infrage, ob das deutsche 65-Prozent-Ziel überhaupt ambitioniert genug ist für die europäische Klimaschutzpolitik.

Die EU-Kommission will die Treibhausgasemissionen bis 2030 weitaus stärker mindern als bislang vorgesehen. Stimmen die Mitgliedstaaten dem zu, kommt auch das deutsche Erneuerbare-Energien-Ziel auf den Prüfstand. Die EEG-Novelle dürfte also so oder so kein langes Leben haben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.