Eigenbau-Reaktor Schwedischer Bastler wollte nukleares Feuer entfachen

Atomkraft? Ja bitte! Ein Reaktor in den eigenen vier Wänden: Das war offenbar das Ziel eines arbeitslosen schwedischen Hobby-Forschers. Mittlerweile scheint klar, wie er eine Kettenreaktion auslösen wollte - und dass er noch sehr, sehr weit entfernt von der Umsetzung seiner Pläne war.
Screenshot von Handls Blog: Kleiner Chemieunfall in der Küche

Screenshot von Handls Blog: Kleiner Chemieunfall in der Küche

Was hat Richard Handl nur geritten? In der heimischen Küche wollte der 31-jährige Schwede nach eigenem Bekunden einen Atomreaktor bauen. In einem Blog mit dem programmatischen Titel "Richard's Reactor" beschreibt der arbeitslose Hobby-Forscher auf simple Art und Weise, wie er das nukleare Feuer entfesseln wollte. Nach Ansicht von Fachleuten hätte das in der Praxis wohl nicht geklappt. Doch immerhin: Einiges deutet darauf hin, dass der neugierige Bastler tatsächlich den Start einer Kettenreaktion zum Ziel hatte - und dass er nicht nur einen bizarren Scherz plante.

Die schwedische Strahlenschutzbehörde bestätigte inzwischen, dass in Handls Wohnung im südschwedischen Angelholm "geringe Mengen" radioaktiven Materials beschlagnahmt worden seien. Gefährliche Strahlungswerte habe man dabei nicht gemessen. Allerdings hätten die gelagerten Mengen der strahlenden Substanzen über erlaubten Werten gelegen. "Der Mann war aber weit davon entfernt, einen Kernreaktor zu bauen", sagt Leif Moberg, der Forschungschef der Strahlenschützer, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Zumindest das ist beruhigend.

Wegen der laufenden Ermittlungen ist die Behörde recht zurückhaltend mit Informationen zu den gefundenen Substanzen. Moberg will nur den Fund von radioaktivem Americium bestätigen. Das stammte offenbar aus Rauchmeldern. In sogenannten Ionisationsmeldern sind bis heute geringe Mengen dieses Stoffes zu finden. Die Geräte bestrahlen eine kleine Menge Luft, deren elektrische Leitfähigkeit dann gemessen wird. Liegt Rauch in der Luft, ändert sich der Wert - und ein Alarm wird ausgelöst.

Rauchmelder dieser Bauart werden nach Angaben der deutschen Brandschutzfirma Hekatron aber nur noch in wenigen, gewerblich genutzten Rauchmeldeanlagen verwendet. Für Privatkunden seien sie zumindest in Deutschland nicht zu kaufen. In den USA sehe die Sache freilich anders aus, sagt ein Firmensprecher.

Fünf Leuchtzeiger für zwölf Dollar

Ob sich Handl tatsächlich größere Mengen - und die wären nötig - an Rauchmeldern beschafft hat, ist nicht klar. In einem BBC-Interview  erklärte er lediglich, seine Zutaten "bei Ebay und aus Deutschland" gekauft zu haben. Im Blog berichtet Handl, wie er Zeiger alter Armbanduhren im Netz erstanden habe - für "etwa zwölf Dollar für fünf Stück". Aus Leuchtzeigern wollte der Schwede offenbar strahlendes Radium isolieren. Americium und Radium sollten dem Atom-Tüftler beim Bau einer Neutronenquelle helfen. Die wäre nötig, um eine Kettenreaktion überhaupt zu starten.

Den nötigen Kernbrennstoff plante Handl offenbar aus dem Element Thorium herzustellen. Das wollte er aus den Glühstrümpfen von Camping-Gaslaternen isolieren, die im Baumarkt erhältlich sind.

Über Zwischenschritte lässt sich aus dem Thorium im Prinzip spaltbares Uran-233 gewinnen. Thermischer Brüter heißt das entsprechende Reaktorkonzept. Das Problem: Handl hätte kiloweise Brennstoff fabrizieren müssen. "Für einen Reaktor mit selbsterhaltender Reaktion bräuchte man große Mengen des Materials", sagt Walter Tromm vom Programm für Nukleare Sicherheitsforschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Der schwedische Selfmade-Meiler war also weit davon entfernt, zu funktionieren. Es war freilich nicht das erste Mal, dass sich ein Teilzeit-Atomforscher an der Umsetzung des Konzepts versuchte. Der Amerikaner David Hahn - Spitzname: Radioactive Boy Scout - startete Mitte der Neunziger ein ähnliches Projekt. In einem Schuppen des Anwesens seiner Mutter im Bundesstaat Michigan experimentierte er ebenfalls mit der Vorstufe eines Brutreaktors.

Weil seine Konstruktion größere Mengen an Strahlung produzierte, entschloss sich Hahn schließlich, den Versuch abzubrechen. Eine Kettenreaktion kam auch damals nicht zustande. Die US-Umweltbehörde Epa entsorgte schließlich die strahlenden Reste - und Hahn schrieb einige Jahre später ein Buch über seine Erfahrungen.

Mit Büchern will sich auch der Schwede Richard Handl in Zukunft befassen - und zwar ausschließlich. Im BBC-Interview versprach der Mann, er werde in Zukunft die Finger vom praktischen Experimentieren lassen.