Altlasten der Kernkraft Einlagerung von Atommüll könnte erst 2080 abgeschlossen sein

Kein Endlager in Sicht: Radioaktive Abfälle müssen noch für Jahrzehnte in deutschen Kernkraftwerken verbleiben, schätzt der frühere Leiter der Entsorgungskommission. Auch der Streit um das Zwischenlager Asse dauert an.
Blick ins ehemalige Salzbergwerk Asse bei Wolfenbüttel in Niedersachsen

Blick ins ehemalige Salzbergwerk Asse bei Wolfenbüttel in Niedersachsen

Foto: epd / IMAGO

Die Suche nach einem Endlager  für hoch radioaktive Abfälle aus deutschen Atomkraftwerken läuft noch. Doch auch wenn sich die Bundesregierung in den kommenden Jahren auf einen geeigneten Standort festlegt, werde es weitere Jahrzehnte dauern, bis die Lagerung abgeschlossen ist. Das sagt Michael Sailer, der ehemalige Leiter der Entsorgungskommission des Bundes, der Nachrichtenagentur dpa.

Sailer geht davon aus, dass die Einlagerung der Nuklearabfälle in das geplante Endlager erst um das Jahr 2080 beendet werden kann. So lange werde der Atommüll an den Standorten der Kernkraftwerke bleiben müssen. Die genehmigte Betriebsdauer der 16 Zwischenlager in Deutschland sei bis dahin vermutlich überschritten.

Nach dem Aus für das geplante Endlager im niedersächsischen Gorleben hat sich der Bund gesetzlich zur Auswahl eines neuen Standorts bis zum Jahr 2031 verpflichtet.

Ist dieser Standort gefunden, folgen laut Sailer Genehmigungsverfahren und der Ausbau des Lagers. Dafür veranschlagt der Ingenieur eine Dauer von 20 Jahren – entsprechend könnte ein Endlager überhaupt erst ab 2050 in den Probebetrieb gehen. Dann könne es ungefähr 30 Jahre dauern, bis alle Behälter aus den Zwischenlagern ins Endlager gebracht seien. »Das heißt, dass die Einlagerung im Endlager von 2050 bis 2080 dauern wird«, sagte Sailer.

Ein Behälter pro Tag – bei 6000 Behältern dauert das

Das lasse sich nachrechnen: »Wir werden insgesamt in den 16 Zwischenlagern etwa 1800 bis 1900 Castoren haben, die in das Endlager gebracht werden müssen«, sagte Sailer. Dort müssten abgebrannte Brennelemente und verglaste Abfälle in einer geschützten Anlage in die Endlagerbehälter umgefüllt werden. Er gehe davon aus, dass in einen Endlagerbehälter ein Drittel der Abfälle eines Zwischenlagerbehälters passe. »Also könnten es etwa 6000 Endlagerbehälter werden.«

Realistisch müsse man davon ausgehen, dass wegen der hohen Auflagen bei den Sicherheitsprüfungen etwa ein Behälter pro Tag im Endlager eingelagert werden könne.

Das Standortauswahlgesetz schreibt vor: Das Endlager muss so sicher sein, dass Mensch und Umwelt eine Million Jahre lang vor Strahlung geschützt sind.

Durch die Dauer des ganzen Prozesses könnte ein neues Problem entstehen: Die Zwischenlager der Atomkraftwerke seien nur für eine Betriebsdauer von 40 Jahren eingerichtet worden. »Über diese 40 Jahre hinaus haben wir keine Erfahrungswerte, und es gibt eigentlich auch keine Möglichkeit der Vorausberechnung«, sagte Sailer. Er ruft die Bundesregierung auf, sich frühzeitig mit dieser Problematik zu beschäftigen. »Es wäre fatal, wenn man erst 2040 mit den Forschungen und Überlegungen zur Zwischenlagerung beginnen würde.«

Eine Übersicht über die Zwischenlager  in Deutschland bietet die BGZ Gesellschaft für Zwischenlagerung. Sailer leitete die Entsorgungskommission des Bundes  bis 2019. Seitdem ist die Geowissenschaftlerin Barbara Reichert Vorsitzende der Kommission.

Situation im geplanten Zwischenlager Asse weiterhin unklar

Ein geplantes Zwischenlager, das bereits seit Jahren für Streit sorgt, ist das Lager an der Asse im niedersächsischen Landkreis Wolfenbüttel. An diesem Montag veröffentlichte eine Gruppe von Expertinnen und Experten einen rund hundert Seiten langen Abschlussbericht . Mit diesem Bericht sollte die Entscheidung für ein Zwischenlager noch einmal überprüft werden. Das Ergebnis: Rechtlich habe die zuständige Bundesgesellschaft keine Fehler gemacht. Wie es weitergeht, ist aber nach wie vor unklar.

In der »Schachtanlage Asse II«, einem ehemaligen Bergwerk, liegen in 13 Kammern rund 126.000 Fässer mit schwach und mittel radioaktiven Abfällen. Der Atommüll war von 1967 bis 1978 eingelagert worden, mit festgeschriebener Rückholung. Weil Wasser eindringt, muss das Lager geräumt werden. Die Abfälle müssen dann zunächst zwischengelagert werden, bis eine Endlagerung möglich ist.

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) hatte sich bereits im Jahr 2020 auf einen Standort in der Nähe des Höhenzuges Asse als Zwischenlager festgelegt. Diese Entscheidung hatte vor allem in der betroffenen Region heftige Kritik ausgelöst. Im Februar 2021 haben sich Mitglieder der Asse-II-Begleitgruppe sowie Vertreterinnen und Vertreter des Bundesumweltministeriums, des Niedersächsischen Ministeriums für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz und der BGE darauf verständigt, die Standortentscheidung zu überprüfen. Der Expertenbericht soll von allen Beteiligten analysiert und bewertet werden, im November stünden weitere Schritte an.

vki/dpa
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