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Energieträger: Woher kommt der Strom der Zukunft?

Foto: JACQUES DEMARTHON/ AFP

Energie für Deutschland Physiker fordern Neubau von Atomkraftwerken

Deutsche Physiker melden sich in der Debatte um die Energiezukunft des Landes zu Wort: Alte Meiler sollten durch moderne, sicherere Reaktoren ersetzt werden. Der Verzicht auf Atomkraft sei genauso unsinnig wie längere Laufzeiten für alte AKW. Kritik gibt es auch an der Solarindustrie.

Es war wie verhext: Seit Montag diskutierten rund 2000 deutsche Forscher in Bonn über Teilchenphysik, Gravitation und neue Konzepte zur Stromerzeugung. Und ausgerechnet bei den Vorträgen des Arbeitskreises Energie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) fiel immer wieder das mobile Mikrofon aus. "Ich rede lieber ohne", sagte ein Referent, sichtlich genervt davon, dass die Batterieklappe immer wieder abfiel und dem kleinen Sender die Energie nahm.

Die Stromprobleme im Kleinen waren für manchen Teilnehmer der DPG-Jahrestagung durchaus symptomatisch für die Situation, in der sich das ganze Land befindet. "Deutschland fehlt ein energie- und klimapolitisches Gesamtkonzept", sagte der Kernfusionsexperte Martin Keilhacker, ehemaliger Leiter des europäischen Fusionslabors Jet in Oxfordshire. Zudem werde für die langfristige Energieforschung zu wenig Geld ausgegeben, weil die Politik schnelle Lösungen wolle. "Da wird zu früh in Marktentwicklungen investiert", klagt der Leiter des DPG-Arbeitskreises Energie.

Für fragwürdig hält Keilhacker beispielsweise die massive Subventionierung der Photovoltaik in Deutschland, die kürzlich zumindest etwas reduziert wurde. Die Technik sei noch zu teuer. Keilhackers Kollege Hardo Bruhns aus dem DPG-Arbeitskreis Energie wirft der Solarbranche sogar vor, selbst kaum noch in Forschung und Entwicklung zu investieren. "Die Ausgaben dafür lagen zuletzt bei nur noch 1,5 Prozent vom Umsatz", sagte Bruhns im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das sei verglichen mit anderen Hochtechnologie-Branchen viel zu wenig.

"Alte Kraftwerke stilllegen und neue Reaktoren bauen"

Die derzeitige Diskussion um deutsche Atomkraftwerke geht nach Keilhackers Meinung in die falsche Richtung. "Eigentlich müsste man alte Kraftwerke stilllegen und neue Reaktoren bauen", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Neue Kraftwerke seien unbestritten sicherer und effizienter. Der Neubau sollte an den Standorten alter AKW ermöglicht werden. "Wir vom Arbeitskreis Energie sind keine Kernkraftbefürworter", betonte der emeritierte Professor. Man müsse den Anteil des Atomstroms in Deutschland nicht erhöhen. Es gehe vielmehr darum, ihn zu halten.

Gerhard Luther von der Forschungsstelle Zukunftsenergien an der Universität Saarbrücken plädierte dafür, mit erneuerbaren Energien nicht Atomkraft-, sondern Kohlekraftwerke zu ersetzen. "Wir haben im Kampf gegen den Klimawandel nicht viel Zeit", sagte Luther. Rational gesehen müsse man in Deutschland neue Atomkraftwerke bauen.

Politisch ist die Forderung allerdings kaum durchsetzbar - das wissen die Physiker. Selbst die schwarz-gelbe Regierung will höchstens die Laufzeiten der AKW verlängern. Das Wort Neubau wagt kaum ein Politiker in den Mund zu nehmen. Zu groß sind die Widerstände in der Bevölkerung - nicht zuletzt wegen diverser Störfälle etwa in Krümmel und Brunsbüttel.

Unumstritten ist die Pro-Atomkraft-Position aber selbst im DPG-Arbeitskreis Energie nicht. Moritz Riede von der TU Dresden, der organische Solarzellen erforscht, warnt vor einer Renaissance der Atomkraft. "Wenn wir weltweit verstärkt darauf setzen, besteht das Risiko von Proliferation", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wer Uran für ein AKW anreichern kann, kann es auch weit genug für Kernwaffen anreichern. Das ist das Dilemma im Iran und allen anderen Staaten, die auf die Kernenergie inklusive eigener Urananreicherung setzen."

Endlager-Problem nach wie vor ungelöst

Ein weiteres Problem sei die Endlagerung. "Es gibt weltweit noch kein Endlager für hochradioaktiven Müll, das bereits in Betrieb oder dessen Betriebsaufnahme sicher ist", so Riede. Zudem seien die globalen Uranvorräte beschränkt. Wegen der immer aufwendigeren Erzförderung würden außerdem die Kohlendioxid-Emissionen je Kilowattstunde Atomstrom künftig steigen. Sogenannte schnelle Brüter, mit denen sich der Kernbrennstoff viel effektiver nutzen ließe, kämen aller Voraussicht nach zu spät für die notwendigen CO2-Einsparungen. Zudem sei der dabei bevorzugte Brennstoff Plutonium ideal für Kernwaffen geeignet und hochgiftig.

Dass sich derzeit nur noch wenige deutsche Physiker mit der Kernspaltung beschäftigen, verdeutlichte auch das Programm der Bonner DPG-Tagung. Gleich mehrere Vorträge gab es zu Themen wie Solarenergie, dem Wüstenstrom-Projekt Desertec, Kernfusion und Batterietechnik. Nur ein einziges Referat beschäftigte sich mit neuen Reaktorkonzepten.

Wolfgang Dams vom AKW-Hersteller Areva NP berichtete vor allem über die neuen Sicherheitssysteme beim Europäischen Druckwasser-Reaktor (European Pressurized Water Reactor, EPR). Weltweit lägen dafür vier Aufträge vor: zwei in China, einer in Frankreich und einer in Finnland. "Steigende Preise für fossile Brennstoffe werden die Kernkraft attraktiver machen", meint Dams. Der Verzicht auf Atomkraft sei ein Irrweg. Die Kernenergie könne das Energieproblem der Menschheit jedoch keinesfalls allein lösen, betonte er.

AKW-Bau in Finnland droht finanzielles Desaster

Wie schwierig der Neubau eines Atomkraftwerkes sein kann, zeigt das EPR-Projekt im finnischen Olkiluoto. Das Vorzeigeprojekt des ersten Atomreaktors der dritten Generation, zugleich leistungsstärkster Meiler der Welt, droht ein finanzielles Desaster zu werden. Nach diversen Pannen sind Auftraggeber und Herstellerfirmen heillos zerstritten, die Fertigstellung verzögert sich um Jahre. Kritiker werfen dem Konsortium, zu dem auch Areva gehört, Pfusch vor. Beton sei porös, Stahl rissig, und manche Konstruktionsprinzipien seien so gewagt, dass sie die Experten der finnischen Atomaufsicht erschaudern ließen.

Und selbst wenn derzeit in Ländern wie den USA oder Italien von einer Renaissance der Atomkraft geredet wird, ist fraglich, ob diese tatsächlich eintritt. Denn der Bau eines neuen Meilers kann selbst große Stromkonzerne in finanzielle Nöte bringen, wenn etwas schiefgeht. Das räumt auch Areva-Manager Dams ein: "Es geht um Kosten von mehreren Milliarden Euro." Verzögerungen beim Bau sind fast immer ein Problem für die Finanzierung, insbesondere wenn es um so große Summen geht.

Experten der Citibank haben erst kürzlich die Chancen neuer Meiler in einer Studie untersucht. Ihr Fazit: Ohne Hilfe vom Staat - etwa durch Strompreis-Garantien oder die Übernahme von Baurisiken - wird kaum ein Privatunternehmen in neue AKW investieren. Die Unwägbarkeiten seien viel zu groß, heißt es in dem Citibank-Bericht "New Nuclear - The Economics say no" .

Und so brauchen die deutschen Stromkonzerne Neubaupläne nicht einmal ernsthaft in Erwägung ziehen. Sie fokussieren sich stattdessen weiter auf Laufzeitverlängerungen für die schon lange abgeschriebenen AKW.

Die sind zwar nicht so sicher wie ein moderner Meiler vom Typ EPR, der selbst Abstürze von Verkehrsflugzeugen aushalten soll - aber dafür sind sie hochprofitabel.