Erdbebensicheres Bauen Hanf und Jute könnten Tausende Leben retten

Nicht das Beben in Nepal hat Tausende Menschen getötet, es waren einstürzende Gebäude. Dabei können einfache Maßnahmen Häuser entscheidend stabilisieren.

Folgen des Nepal-Bebens: Eine Frau sucht in den Trümmern ihres Hauses nach Habseligkeiten - das Beben hatte ihr Haus binnen Sekunden zerstört.
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Folgen des Nepal-Bebens: Eine Frau sucht in den Trümmern ihres Hauses nach Habseligkeiten - das Beben hatte ihr Haus binnen Sekunden zerstört.

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Häuser bieten Schutz, sie können aber auch zur tödlichen Falle werden - wie gerade in Nepal. Von der "ignorierten Massenvernichtungswaffe Haus" spricht der Seismologe Roger Bilham von der University of Colorado.

Architektur und Geologie in vielen Risikogebieten geben Anlass zu größter Sorge: Am Himalaya seien noch weitaus stärkere Erdbeben zu befürchten als am Samstag, warnt Bilham. Solch ein Schlag könnte in dicht besiedelten Regionen Millionen Tote verursachen - es wäre die größte Naturkatastrophe aller Zeiten. Doch allen Warnungen zum Trotz werden Häuser meist nicht sicher gebaut. Die Gründe: Pfusch, Korruption, Sparzwang - und Ignoranz.

Dabei muss erdbebensicheres Bauen keinesfalls teuer sein, predigen Experten nach jeder Erdbebenkatastrophe. Die Bewohner von kleineren Häusern könnten sich schon mit einfachen Mitteln schützen, sagt Michael Lindell, Bauingenieur an der Texas A&M University in den USA.

Es seien gerade oft die simpelsten Bauten, die Sicherheit böten: Häuser, bei denen aus Kostengründen auf Mauerwerk verzichtet wurde, seien leichter - und stürzten deshalb nicht so leicht ein.

Die Grundregeln erdbebensicheren Bauens lauten: Runde Häuser, Schwerpunkt nach unten - und alles miteinander verzahnen. Symmetrische, möglichst leichte Bauten mit kleinen Fenstern, deren Hauptlast nahe dem Boden liegt, geraten weniger schnell aus der Balance.

Vielfach aber wird selbst die wichtige Regel gebrochen, Erschütterungen möglichst gleichmäßig auf alle Gebäudeteile zu verteilen: Bei der Erneuerung von Gebäuden in der extrem erdbebengefährdeten türkischen Metropole Istanbul etwa wurden Stützpfeiler entfernt, um Platz zu schaffen für Einkaufszentren im Erdgeschoss.

So können Dächer regelrecht zu Grabplatten werden, wenn sie abstürzen. Ingenieure raten, Dächer stets auf separate Stützen zu stellen, die im Boden verankert sind. Als Dachstuhl empfehlen sie ein Rechteck aus Holzbalken, das auf den Oberkanten der Außenwände befestigt wird - die Streben stabilisieren das Haus. Balkone, Giebel und Kuppeln erhöhen die Gefahr. Experten fordern, sie im Zweifel einfach abzureißen.

Besonders Hochhäuser sind Todesfallen: Oft werden wie in Kathmandu Geschosse schlicht auf alte brüchige Ziegelbauten aufgesetzt - bei einem Beben fallen die neuen Stockwerke einfach herunter. Dass bei dem katastrophalen Beben in Pakistan 2005 so viele Hochhäuser zusammenstürzten, lag daran, dass beim Bau massenhaft an Stahlstreben gespart wurde.

Schon minimale Ergänzungen können die Sicherheit kleinerer Häuser deutlich verbessern, betonen Experten: Querstreben aus Holz hielten runde Lehmwände zusammen. Das Holzskelett werde in einem Betonsockel im Boden verankert. Reichlich Lehm solle verbaut werden - dicke Wände seien stabiler.

Damit die Mauersteine bei Erschütterungen miteinander verbunden bleiben, empfehlen Experten Bambus als preisgünstige Lösung: Die Stangen sollten als Draht durch handgebohrte Löcher zwischen Mauersteinen verlegt und an der Außenwand mit einem Geflecht aus Bambusstäben verknüpft werden. Die elastischen Streben können das Rütteln eines Bebens abfedern.

Ein Stützkorsett aus Hanf, Jute, Draht oder Flachs wäre ebenfalls möglich. Eine simple Stabilisierungsmaßnahme wären zudem schmale Stützmauern, die mit der Hauswand verzahnt werden. Bei Häusern, die nicht im Boden gründen, empfehlen Experten eine weitere Notoperation: die Mauerstützen im Erdreich zu verankern.

Ziegel- und Lehmhäuser in Asien, Afrika und Südamerika werden oft im Eigenbau gebaut, oft mit zu wenig Zement. Auch in Istanbul haben Firmen jahrelang zu viel minderwertigen Sand in Zement gemischt, um Kosten zu sparen.

Häuser in Deutschland einsturzgefährdet

Was gute Architektur ausmacht, verdeutlichte das Starkbeben in der neuseeländischen Stadt Christchurch im September 2010: Es verlief ähnlich wie das Beben in Haiti ein paar Monate zuvor. Doch während im Entwicklungsland Haiti 260.000 Menschen in den Trümmern starben, gab es in der Industrienation keine Toten.

Die wichtigste Maxime der Baugesetze in Neuseeland lautet: Schwere Schäden im Beton lassen sich bei Starkbeben nicht verhindern - aber der Kollaps eines Gebäudes muss mithilfe von Verstrebungen verhindert werden.

In Industrieländern werden zwar hohe Summen in die erdbebensichere Architektur der Gebäude investiert, doch auch dort gibt es große Versäumnisse. Selbst in der von Erdbeben bedrohten reichen Schweiz genüge nur jedes 20. Gebäude den Normen sicherer Architektur, stellte eine Regierungsstudie fest.

In Deutschland, wo es entlang des Rheingrabens alle paar hundert Jahre ebenfalls stark beben kann, würden Städte im äußersten Ernstfall schwer getroffen, haben Forscher der Universität Karlsruhe ermittelt. In Tübingen etwa bräche der Studie zufolge jedes 40. Haus zusammen; nur jedes 20. bliebe unbeschädigt.

Balingen und Albstadt träfe es ähnlich hart. Auch in Köln, Mönchengladbach, Aachen, Freiburg, Karlsruhe und Frankfurt am Main, Reutlingen, Stuttgart, Reutlingen, Düren, Kerpen und Lörrach wären den Ermittlungen zufolge schwere Schäden zu beklagen.

Arme Länder trifft es gleichwohl härter. Die Wahrscheinlichkeit, in einem Entwicklungsland durch ein Naturereignis zu sterben, sei etwa hundertmal größer als in reichen Staaten, hat der Geologe John Mutter von der Columbia Universität in New York berechnet. Die Ursache: mangelhafte Architektur.

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insgesamt 15 Beiträge
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kleinempfaenger 30.04.2015
1. Sorry,
aber die "Empfehlungen" gehen teilweise quer durch Kraut und Rüben, einige Angaben sind schlicht falsch. Richtig ist, dass z.B. Holzbauten, wegen der kraftschlüssigen Verbindungen und dem geringeren Gewicht eher besser sind. Das ominöse Verankern im "Betonsockel" kann durch einfache Stahlbügel erfolgen, die in normalen Streifenfundamenten eingelassen werden. Aber auch traditionelles Lehm-Mauerwerk kann erdbebensicher sein. Es muss nur miteinander verzahnte Querwände oder Pfeiler in geringen Abständen geben. Kurioserweise ist hier hohes Gewicht eher zuträglich, weil durch mehr Druck die Mauerwerkslagen besser miteinander verzahnt sind. Die Gebäudesymmetrie ist nur im Bezug auf statische Symmetrie wichtig, also dass auf die tragenden Wände Momente wirken können, wenn diese ausmittig angeordnet sind. "Rund" ist eher keine Verbesserung. Bei mehrgeschossigen Gebäuden müssen vor allem die Decken steif sein. Also einfache beplankte Holzbalkendecken sind schlecht. Übrigens würde ich nicht zu viel auf "Entwicklungsländern" rumhacken. In Deutschland hat es bisher keine schwereren Beben gegeben, aber die Architektur ist absolut NICHT erdbebensicher. Bei einem Beben >7 würden alle einfach gemauerten Bauten Probleme bekommen. Und das sind wohl etwa 90% aller Wohnhäuser. Wieviel Zement im Mörtel ist, spielt da keine Rolle, weil dieser eh nicht "klebt", also nicht kraftschlüssig verbindet. In erdbebengefährdeten Gebieten in Südamerika wird auch im informellen Bau stets sicher gebaut. Ich darf erinnern an das Beben 2010 in Chile, Stärke 8,5. Weniger als 1000 Tote, die hauptsächlich auf den schweren Tsunami zurück zu führen sind, der ganze Ortschaften ausradierte.
geando 30.04.2015
2. Erdbebensicherheit kommt nicht zum Nulltarif
Erdbebensichere Architektur ist im Normalfall teurere Architektur. Da wird so mancher Bauherr sich die Augen reiben, wenn der Statiker eine Kostensteigerung wegen erdbebensicherer Bauweise generiert. In der Schweiz (zumindest in Basel) gibt es seit einigen Jahren strenge Auflagen. Diese betreffen aber natürlich nur Neubauten oder grössere Umbauten. Daher kommt es auch, das der grösste Teil der Gebäude nach wie vor nicht besonders gesichert ist. Eine Nachrüstung ist aber ebenfalls sehr teuer und kann von einem Gebäudebesitzer daher nicht einfach verlangt werden.
w.diverso 30.04.2015
3.
In Japan gibt es solche halbwegs sicheren Gebäude schon lange. Die alten als Holzkonstruktion bei der alle Balken so miteinander verbunden sind, dass sich die Verbindungen nicht einfach lösen können, bei den neuen Häusern gibt es ein Skelett aus miteinander verbunden Stahlträgern, in die dann als anderen Bauteile eingehängt werden. Wenn man sich ein altes gemauertes Haus anschaut, bei dem der Mörtel fast nur aus Sand besteht, dann wundert man sich nicht, wenn schon bei kleinsten horizontalen Bewegungen sich der Mauerverbund auflöst.
pragmat. 30.04.2015
4. Was können wir aus der Katastrophe lernen?
Bessere Organisation der Hilfe durch sternförmige Anwendung moderner Drohnentechnik zur Klärung des Schadensumfangs und Kommunikation Betroffener, welche Hilfe dringlich benötigt wird, in entlegenen Gebieten.
Hatha 30.04.2015
5. Interessant
dass leichte Bauten stabiler sein sollen. Hier in Europa sehe ich allerdings eher das Problem dass alles mit Stahl verdrahtet ist und man dadurch immer mehr den Nachbarn hört. Und immer mehr Leute leben in Etagenwohnungen. Nervtötend. Vielleicht sollte man hier auch mal mit Bambus verdrahten.
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