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Erdöl-Fahndung Geologen suchen schwarzes Gold in Brandenburg

Schlummern in Brandenburg lohnende Erdölvorkommen? Eine kanadische Firma ist davon überzeugt - und lässt jetzt von Geologen klären, ob die Lausitz auf ein kleines Rohstoffwunder hoffen kann. Es wäre allerdings nicht das erste Mal, dass in der Region vergeblich nach schwarzem Gold gesucht wird.

Das zehn Tonnen schwere Bohrgerät macht einen Höllenlärm. Anderthalb Kilogramm Sprengstoff stopft es in die Erde, in zehn Meter Tiefe. Dann dröhnt ein dumpfer Knall, der Boden zittert. Geofone lauschen dem Schall und schicken ihre Signale über zahllose orangefarbene und schwarze Kabel zwischen die Maispflanzen hindurch. In einem Messwagen fassen Computer die Datenflut zusammen und stellen die verborgenen Erdschichten grafisch dar.

Die Bilder sollen verraten, ob der Untergrund in etwa drei Kilometern Tiefe Interessantes zu bieten hat: In der Niederlausitz wird nach Öl gesucht.

Formel-1-Rennwagen wollten sie hier schon fahren lassen, riesige Luftschiffe bauen und moderne Computerchips: Brandenburg hat in den vergangenen 20 Jahren viele Glückssucher kommen und fast ebenso viele wieder gehen sehen. Nun steht Jacobus Bouwman in einem Niederlausitzer Maisfeld unweit des Schwielochsees - und er möchte einer von denen sein, die bleiben.

Sein Vorhaben scheint zunächst ähnlich hochfliegend wie so manches gescheiterte Projekt: Die Central European Petroleum GmbH mit Sitz in Berlin will im Süden Brandenburgs nach Öl bohren. Deswegen bahnen sich derzeit polnisch-deutsche Messtrupps ihren Weg durch die Landschaft, über Dorfstraßen, Waldwege, durch Maisfelder.

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Rohstoff-Fahndung: Ölsuche in Brandenburg

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Dass es Bouwmans Firma durchaus ernst meint, lässt allein der Aufwand ahnen: "Im vergangenen Jahr haben wir drei Millionen Euro für die seismischen Erkundungen ausgegeben. Dieses Jahr kommt noch eine Million dazu", sagt der Niederländer. Das Geld stamme allein von privaten Investoren, Bankkredite oder Fördermittel habe man nicht in Anspruch genommen.

Probebohrung kostet mehrere Millionen Euro

Die Hauptfrage scheint simpel: Gibt es geologische Formationen in der Gegend, die auf unterirdische Öl- und Gaslager hindeuten? Insgesamt 200 Kilometer sind die Rohstoffsucher im vergangenen Jahr auf der Suche nach Antworten abgefahren. Alle 75 Meter wurde gemessen. Dieses Jahr wurden noch einmal 80 Kilometer Strecke untersucht, oft in gefährlichem Gelände: Aus dem Boden mussten insgesamt viereinhalb Tonnen alte Munition geborgen werden.

Eine Probebohrung nach Öl kostet mehrere Millionen Euro. Fehlschläge lassen sich zwar nicht ausschließen - doch die Stelle für einen Bohrversuch will gut gewählt sein. Deswegen schicken die Ölsucher zunächst ihre Schallwellen in den Boden, um sich ein Bild vom Untergrund zu machen. Die Suchpunkte haben Geologen auf großen Landkarten eingezeichnet. Sie sind im provisorischen Hauptquartier, einem aufgegebenen Möbelhaus im Städtchen Peitz, an gelbe Raufasertapete gepinnt. Rote, grüne und gelbe Punkte sind zu sehen, verbunden durch Streifen. Hier und da kreuzen sich zwei von ihnen. Rote Flächen warnen vor munitionsverseuchten Gebieten, den sogenannten UXO-Areas.

"Die seismischen Linien haben wir aus geologischen Erwägungen im Vorfeld geplant", sagt Projektleiter Uwe Scharf. Ein grüner Punkt auf der Karte heißt, dass der Schall für die seismische Untersuchung mit Sprengstoff erzeugt wird. Ist eine rote Markierung zu sehen, kommen vier sogenannte seismische Vibratoren zum Einsatz - bullige, jeweils 22 Tonnen schwere Fahrzeuge, die den Boden alle paar Meter mit einer massiven rechteckigen Rüttelplatte in Schwingungen versetzen. Auch hier fangen Geofone die Echos auf.

Traurige Spuren vergangener Ölbohrungen

Reinhard Weilmünster hält es für durchaus möglich, dass die Fahndung erfolgreich ausgeht. "Der Ansatz, hier zu suchen, ist absolut richtig", sagt der bärtige Rentner. Schon ab 1965 hatte die DDR in der Gegend Öl und Gas fördern lassen. Weilmünster hat bei den Bohrungen mitgearbeitet. Den "blonden Bohrer" nannten sie ihn damals in der Kneipe von Tauer, dem Dorf, in dem er auch seine Frau kennenlernte.

Bis zur Wende förderten rund 20 Türme in der Gegend Öl und Gas. Doch heute ist von jener Bonanza nichts mehr zu sehen. Nur ein Plattenweg am Wald entlang erinnert noch an die einst so geschäftigen Zeiten. "In diesem Feld stand der Bohrtum 'Tauer Vier'", erinnert sich Weilmünster. Die Löcher sind längst saniert und verfüllt. Nichts ist mehr zu sehen. Der hochqualifizierte Ölfachmann mit Auslandserfahrung am Persischen Golf musste nach der Wende umsatteln, leitete einen Baumarkt, vermittelte Unterkünfte für Bauarbeiter.

Heute fördert nur noch ein einziger Bohrturm in Brandenburg Öl. In Küstrin-Kietz, nahe der Grenze zu Polen, kommen gerade noch 20.000 Tonnen im Jahr zusammen. 2015 ist nach aktueller Planung ganz Schluss. Eigentlich ist die Gegend ein klassisches Braunkohlerevier. Unweit der Fischteiche am Stadtrand von Peitz recken sich die riesigen Kühltürme des Großkartwerks Jänschwalde in den Himmel. Rund 80.000 Tonnen Kohle werden jedes Jahr hier verfeuert. Das meiste davon kommt aus den Tagebauen der unmittelbaren Umgebung.

Wie die Aussicht auf höhere Ölpreise die Suche nach Vorkommen auch in Deutschland attraktiv macht

Trotzdem, sagt Bouwman, der einst deutscher Generalkonsul in der kanadischen Ölmetropole Calgary war, seien die Ölsucher für die Bewohner der Gegend keine Überraschung: "Die kennen das vom Vater und vom Opa." Und es scheint wenig Widerstand gegen die Arbeiten zu geben. Das ist nicht selbstverständlich hierzulande.

Auch in anderen Teilen Deutschlands versuchen Ölsucher derzeit ihr Glück. Bouwmans Konkurrenz von RWE-Dea etwa interessiert sich für den Rand der Lüneburger Heide bei Gifhorn. Auch in Bayern sehen sich Geologen alte Öllagerstätten noch einmal an, denn die langfristige Perspektive auf knapper werdende Ölvorräte und höhere Preise macht die Suche attraktiv. Große Vorkommen sind kaum zu entdecken, da sind sich die Petro-Fachleute sicher. Die Suche wird ein Nischengeschäft bleiben - dennoch sind Millionengewinne möglich.

Drei Prozent des Öls stammen aus heimischer Produktion

Längst vorbei sind die Zeiten, als Deutschland seinen gesamten Ölbedarf aus eigenen Reserven decken konnte. Vor dem ersten Weltkrieg war das ein paar Jahre der Fall, weil das niedersächsische Örtchen Wietze einen kleinen Ölboom erlebte. Aktuell werden nur noch knapp drei Prozent des deutschen Konsums von rund hundert Millionen Tonnen pro Jahr aus heimischer Produktion bestritten. Größter Produzent ist die Ölplattform Mittelplate im schleswig-holsteinischen Wattenmeer. Doch die Förderung lässt langsam aber sicher nach. Neue Vorkommen sind heißbegehrt.

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Rohstoff-Fahndung: Ölsuche in Brandenburg

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Derzeit liegen die bekannten Erdölreserven in Deutschland nach einer Statistik des Niedersächsischen Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie bei 41,1 Millionen Tonnen - eine geradezu winzige Menge, verglichen mit den großen Ölfeldern der Welt. Warum also setzt man angesichts dessen nicht auch in Brandenburg sofort auf alternative Energien, anstatt dem Boden seine letzten, mickrigen Reserven zu entreißen? Immerhin ist nur ein paar Kilometer von den Ölsuchern entfernt, auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Lieberose, ein riesiges Solarkraftwerk entstanden.

Könnte man nicht übrigens auch den Mais auf dem Acker, auf dem die Geologen gerade arbeiten, zu Biosprit verarbeiten? Bouwman winkt ab: Öl sei im Vergleich einfach der überlegene Energieträger. "So viel Mais können sie gar nicht anbauen", sagt er fast scharf. Was da ist, soll nach Möglichkeit ausgebeutet werden.

Das Land Brandenburg sähe ein Comeback der heimischen Ölförderung durchaus gern. Immerhin fließen zehn Prozent der Einnahmen als sogenannter Förderzins direkt in die Landeskasse. Nur noch ein paar Messpunkte fehlen den Seismik-Fachleuten, dann müssen die gesammelten Daten mehrere Monate lang ausgewertet werden. "Wir wissen, dass das Öl da ist, wir wissen nur nicht wie viel", sagt Bouwman. Das könne man nur mit Probebohrungen im kommenden Jahr klären.

Doch die Geologie kann der Gegend auch negative Überraschungen bereiten, wie Bohrexperte Weilmünster weiß. Er steht am Rand einer Waldlichtung. Dort hatten die DDR-Ölsucher einst die Bohrung "Tauer Zehn" in den Grund getrieben. Die seismischen Daten sahen tadellos aus. Doch im Boden fand sich kein schwarzes Gold. Kein einziger Tropfen. "Das Loch war total trocken." Auf ähnliche Probleme könnten nun auch die kanadischen Ölsucher stoßen. "Einen richtigen Ölboom", sagt Weilmünster, "erwarte ich nicht."

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