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Erster Weltkrieg Die letzte Fahrt von UC-71

Was geschah mit UC-71? Das deutsche U-Boot sank im Februar 1919 unter mysteriösen Umständen in der Nordsee. Jetzt haben Archäologen das Wrack neu untersucht und einen alten Verdacht bestätigt.

Die See war rau vor Helgoland am 20. Februar 1919. Der Wind blies mit Windstärke sechs bis sieben aus Südwest. Durch die Wellen kämpfte sich der Schlepper "Terschelling", hintenan SM UC-71, ein U-Boot der kaiserlichen Marine. Bald schlugen die Brecher über den Turm des U-Bootes: "Ich schloss alle Luken und ließ die Leute auf den Schlepper übersteigen", telegrafierte sechs Tage später der Kapitän von UC-71 an das U-Boot-Amt in Berlin. "Boot fing plötzlich aus nicht kennbarer Ursache an zu sinken, sodass ich genötigt war, Boot zu verlassen. Innerhalb einer Stunde sank Boot ganz weg. Bericht folgt."

Kaum einen Kilometer vom Hafen entfernt waren das U-Boot und der Schlepper zu diesem Zeitpunkt, bei gutem Wetter hätte man die Lange Anna und sogar die Hafeneinfahrt noch sehen können. Warum kehrte der Schlepper nicht um und versuchte, UC-71 in den sicheren Hafen zu ziehen? "Die haben sich selbst versenkt", vermutet der Unterwasserarchäologe Florian Huber von der Universität Kiel. Denn als er das Wrack im Sommer 2014 wissenschaftlich untersuchte und dokumentierte, konnte er frühere Berichte von der Entdeckung im Jahr 2001 bestätigen: Sämtliche Schotten und Luken standen sperrangelweit offen. "Das war Absicht", meint Huber.

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Nordsee: Das U-Boot-Wrack aus dem Ersten Weltkrieg

Foto: Uli Kunz 

Mysteriöser Untergang auf der letzten Fahrt

Es hätte die letzte Fahrt von UC-71 sein sollen. Im Ersten Weltkrieg hatte das Boot auf 19 Feindfahrten 59 Handelsschiffe versenkt, jetzt war es unterwegs nach England: Der Krieg war verloren, nach dem Waffenstillstand von Compiègne sollten alle U-Boote der kaiserlichen Marine an die Alliierten ausgeliefert werden. Was man dagegen unternehmen konnte, demonstrierte wenig später Konteradmiral Ludwig von Reuter, als er im schottischen Scapa Flow lieber die gesamten Reste der deutschen Hochseeflotte versenkte, ehe die Briten sie in Besitz nehmen konnten. "Genau so wird es auch bei der UC-71 gewesen sein", glaubt Huber. "Der Kapitän wollte seine Ehre retten und nicht in die Hände der Briten fallen."

UC-71 liegt noch heute vor Helgoland. "Sie ist das letzte U-Boot vom Typ UC-II der kaiserlichen Marine in deutschen Gewässern", sagt Huber, auf dessen Betreiben das Wrack seit Oktober 2012 unter Denkmalschutz steht. Während Bücher über die U-Boote des Zweiten Weltkriegs viele Regalmeter füllen, sind ihre Vorgänger nur auf vergleichsweise geringes Interesse gestoßen. Was auch daran liegen mag, dass über Wasser nur eines erhalten ist: U-1, 1906 in Dienst gestellt und heute im Deutschen Museum in München zu Hause.

Zehnmal weiter und doppelt so schnell

UC-71 verließ zehn Jahre später das Dock der Hamburger Werft Blohm + Voss. "In diesen zehn Jahren fand eine rasante Entwicklung statt", erklärt Huber. "Darauf griffen die Konstrukteure dann in den Dreißigerjahren zurück, als sie die deutsche U-Boot-Flotte für den nächsten Weltkrieg aufbauten." Militärhistorisch betrachtet ist UC-71 also eine Art "Missing Link" zwischen U-1 und der nationalsozialistischen Flotte.

"Es war eines der ersten U-Boote, das Minen verlegen konnte", sagt Huber. Diese neue Taktik wurde notwendig, nachdem deutsche U-Boote 1915 zwei US-Schiffe mit Torpedos versenkt hatten. Nur ein deutscher Verzicht auf den U-Boot-Einsatz westlich der Britischen Inseln konnte die Lage vorerst noch einmal beruhigen und die USA vom sofortigen Kriegseintritt abhalten. Minen waren der ideale Ausweg aus dem Dilemma: Sie waren kein direkter Angriff, störten aber trotzdem effektiv die Flottenmanöver und die Versorgungsrouten des Gegners.

UC-71 gehörte zum Typ UC II, der im Vergleich zum Vorgängermodell UC I dramatisch verbessert war: "Außer den acht Minenschächten verfügte das Boot auch über Torpedorohre, konnte also direkt feindliche Schiffe angreifen", so Huber. Zudem war es durch eine doppelte Hülle wesentlich stabiler als seine Vorgänger. Zwischen der Außen- und der Druckhülle fanden Treibstoff, Tank- und Ballastzellen Platz. Die Boote vom Typ UC II hatten dadurch im Vergleich zum Vorläufermodell eine zehnmal größere Reichweite und waren doppelt so schnell.

Wrack verblüffend gut erhalten

Von der Außenhülle von UC-71 ist heute nichts mehr übrig. "Die ist in den knapp hundert Jahren unter Wasser komplett weggerostet", sagt Huber. "Und bei unseren Tauchgängen haben wir auch in der inneren Druckhülle schon erste Löcher gefunden." Die ursprünglich elf Millimeter dicke Wand misst jetzt an einigen Stellen nicht einmal mehr die Hälfte davon. Dass überhaupt noch etwas von dem U-Boot übrig ist, verdankt es seiner Lage im Naturschutzgebiet "Helgoländer Felssockel": Sporttauchen und Fischerei sind dort verboten.

So blieb das Wrack vor den Schleppnetzen der Fischer und der Neugier von Hobbytauchern weitgehend verschont. Dass der Turm nach so langer Zeit auf dem Meeresgrund noch vollständig erhalten ist, grenzt nach Meinung der Archäologen fast an ein Wunder. Lediglich die Bundesmarine hat einmal versehentlich einen Anker auf das Wrack fallen lassen. "Auch wenn die meisten Taucher sehr respektvoll mit Wracks umgehen - leider gibt es immer wieder auch schwarze Schafe", sagt Huber. "An UC-71 jedenfalls haben sich illegale Schatzsucher zu schaffen gemacht und auch einiges gestohlen."

Trotzdem würde er Helgoland-Besucher gerne auf das Wrack aufmerksam machen - zum Beispiel mit einer Gedenktafel am Ufer. "Viele Leute verstehen nicht, warum es wichtig ist, auch Denkmäler zu schützen, die erst 100 oder vielleicht auch nur 50 Jahre alt sind", sagt der Archäologe. "Aber auch sie sind doch ein Teil unserer Geschichte - und wenn wir uns nicht um sie kümmern, gehen sie unweigerlich verloren."

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