Eskalation nach US-Angriff Die neue Angst vor der iranischen Atombombe

Nach der Tötung von Qasem Soleimani kündigte Iran an, nicht länger am Atomabkommen festhalten zu wollen. Versucht sich Teheran erneut am Bombenbau, und was bedeuten die neusten Entwicklungen?
Mit dem Schwerwasserreaktor in Arak ließe sich waffenfähiges Plutonium herstellen

Mit dem Schwerwasserreaktor in Arak ließe sich waffenfähiges Plutonium herstellen

Foto: WANA NEWS AGENCY/ VIA REUTERS

Die Aufmerksamkeit war Mohammad Javad Zarif am Sonntag sicher. Als Irans Außenminister auf dem Kurznachrichtendienst Twitter verkündete, seine Regierung werde sich weiter aus dem ohnehin schon brüchigen Atomabkommen von 2015 zurückziehen, waren weltweite Schlagzeilen die Folge. Die staatliche Nachrichtenagentur Irna meldete, Teheran werde sein Atomprogramm gar unbegrenzt weiterführen und künftig Uran ohne jede Beschränkung anreichern. "Es wird keinerlei Einschränkungen mehr bei der Anzahl der verwendeten Zentrifugen geben", so Zarif.

Nach der Tötung des ranghohen iranischen Generals Qasem Soleimani durch US-Streitkräfte ist die Lage im Nahen Osten extrem angespannt, entsprechend genau werden neue Entwicklungen in der Region verfolgt. Doch was genau bedeutet die Ankündigung der Iraner wirklich? Steigt jetzt die Gefahr, dass tatsächlich der Bau einer Atombombe vorangetrieben wird?

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Das Atomabkommen von 2015 sollte verhindern, dass Iran je Zugang zur Atombombe erlangt. Jedoch hatten die USA den Vertrag im Mai 2018 einseitig aufgekündigt und umgehend scharfe Sanktionen gegen Teheran verhängt. Die verbliebenen Vertragspartner Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Russland und China hatten dagegen immer wieder betont, am Abkommen festhalten zu wollen. Auch Iran hielt sich zunächst ein weiteres Jahr lang an das Abkommen - trotz der US-Sanktionen.

Im Mai 2019 verkündete Teheran dann seinerseits den schrittweisen Ausstieg aus dem Abkommen. Dabei berief sich Iran auf Paragraf 36 des Vertrags, laut dem das Land seine Verpflichtungen ganz oder teilweise einstellen kann, wenn die Partnerländer gegen zentrale Vereinbarungen verstoßen.

Auch in seinem Twitter-Post vom Sonntag nimmt Zarif Bezug auf den Artikel. Und tatsächlich war die nun verkündete Wiederaufnahme der unlimitierten Urananreicherung schon länger ein für Anfang des Jahres erwarteter Schritt der iranischen Seite. Sie steht also nicht unbedingt in direktem Zusammenhang mit der Tötung Soleimanis. Zudem betonte die iranische Regierung, weiterhin voll und ganz mit der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA kooperieren und Atominspekteure ins Land lassen zu wollen.

"Dass Iran weiter mit der Atomenergiebehörde (IAEA) zusammenarbeiten will, spricht dafür, dass das Land weiterhin an einer diplomatischen Lösung interessiert ist", sagt Oliver Meier vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg dem SPIEGEL. Er forscht seit Jahren zu Massenvernichtungswaffen und Abrüstung.

Aus seiner Sicht ist die Reaktion Irans überraschend milde ausgefallen. "Iran hätte beispielsweise die Zusammenarbeit mit der IAEA beenden können", sagt Meier. Iran hatte das mehrfach ins Spiel gebracht, sich nun aber offenbar dagegen entschieden.

Wie weit Iran schon vor dem Abkommen mit der Entwicklung der Atombombe war, ist allerdings unklar. Die iranische Regierung hat das bis heute nicht offengelegt.

Die Unterlagen aus der Lagerhalle

Um eine Atombombe bauen zu können, bräuchte Iran ausreichend angereichertes Uran oder waffenfähiges Plutonium, das künstlich in einem Kernreaktor aus Uran-Isotopen hergestellt werden müsste. Iran verfügt über einen dafür nötigen Schwerwasserreaktor in Arak.

Um Uran anzureichern, braucht man spezielle Zentrifugen. Denn das nötige Uran-Isotop 235 kommt natürlich nur in extrem geringen Mengen vor. Viel häufiger ist das Isotop 238. Beide unterscheiden sich nur in ihrem Gewicht. Uran 235 enthält weniger Neutronen im Kern und ist deshalb etwas leichter.

Dieser kleine Gewichtsunterschied lässt sich nutzen. Gibt man Uran in Gasform in eine Zentrifuge, wird das schwerere Uran 238 hinausgeschleudert. Zurück bleibt das Isotop 235.

Um ein Atomkraftwerk zu betreiben, reicht es schon, wenn der Brennstoff über ein Uran-235-Anteil von drei bis fünf Prozent verfügt. Iran darf den Stoff im Rahmen des Atomabkommens daher bis auf 3,67 Prozent anreichern und davon maximal 300 Kilogramm besitzen.

Laut dem jüngsten Iran-Bericht der IAEA lagert das Land derzeit jedoch fast doppelt so viel angereichertes Uran. Außerdem hat Teheran demnach eine neue Anlage zum Test von Anreicherungszentrifugen vorbereitet. Beides verstößt gegen das Atomabkommen. Schon im Juli sagte der Sprecher der iranischen Atomenergiebehörde, man sei technisch darauf vorbereitet, Uran auf jedes denkbare Level und in jeglicher Menge anzureichern.

Bevor das Atomabkommen geschlossen wurde, hatte das Land schon einmal begonnen, den Stoff auf 20 Prozent zu konzentrieren. Nachdem die USA, die EU und die Uno 2015 eingewilligt hatten, ihre Sanktionen gegen Iran aufzuheben, ließ der Staat das hoch angereicherte Uran jedoch wieder verdünnen.

Für eine Atombombe müsste Iran das Uran nun auf 90 Prozent konzentrieren. Am kompliziertesten ist es allerdings, den Urananreicherungsgrad von 0,7 auf vier Prozent anzuheben. Ist erst mal eine Konzentration von 20 Prozent erreicht, sind 90 Prozent der Mühen auf dem Weg zu atomwaffenfähigem Uran bereits erledigt.

Wie lange Iran bräuchte, um eine Atomwaffe zu bauen, ist unklar. "Durch die Begrenzungen der Atomaktivitäten und die Überwachung der Atomenergiebehörde sollte die Welt mindestens ein Jahr vor der Fertigstellung von der Atombombe erfahren", sagt Meier. Dieser Zeitraum hat sich durch Schritte Teherans nun weiter verkürzt.

Unklare Reaktion der EU

Entscheidend sei aber, dass die strategische Entscheidung für eine Atomwaffenoption in Teheran offenbar noch nicht gefallen sei. Auch bei der jüngsten Ankündigung betonte Iran erneut, die Maßnahmen zur Urananreicherung rückgängig zu machen, wenn die USA ihrerseits die Sanktionen zurücknehmen. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus.

Ob die übrigen Vertragspartner weiter an dem Atomabkommen festhalten werden, ist unklar. "Das, was Iran jetzt angekündigt hat, entspricht nicht mehr dem Abkommen", sagte Außenminister Heiko Maas im Interview mit dem Deutschlandfunk . Die Bundesregierung werde mit Frankreich und Großbritannien über mögliche Reaktionen beraten.

Der SPD-Politiker bezweifelt, dass die USA die Folgen der gezielten Tötung Soleimanis richtig eingeschätzt hatten. "Wenn ich mir anschaue, was in den letzten Tagen geschehen ist, nachdem Soleimani getötet worden ist, muss man zwangsläufig die Frage stellen, ob das Entwicklungen sind, die gewollt worden sind. Ich glaube, das ist nicht der Fall."

Zusammengefasst: Iran will sich weiter aus dem Atomabkommen zurückziehen und Uran unlimitiert anreichern. Der Schritt ist jedoch keine unmittelbare Reaktion auf die Tötung des iranischen Generals Qasem Soleimani durch die USA, sondern war seit Längerem geplant. Laut Experten hätte Teheran deutlich heftiger reagieren und die Zusammenarbeit mit der Atomenergiebehörde (IAEA) beenden können.

Mit Agenturmaterial
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