Expedition im Genfer See Tauch-Trip in die Abgründe der Alpen

Gigantische Canyons in eisiger Tiefe: Im Genfer See liegt eine faszinierende Unterwasserlandschaft versteckt. In den legendären russischen "Mir"-Tauchbooten erforschen Wissenschaftler jetzt das Gewässer - und haben dabei die stummen Zeugen einer Katastrophe entdeckt. Christoph Seidler tauchte ab.

Christoph Seidler

Für einen Moment scheint das Bild vertraut - aus TV-Dokumentationen, aus Kinofilmen. Doch langsam stellt es sich ein: Das hier ist anders, es ist echt. Im Licht der 1200-Watt-Scheinwerfer schält sich das Steuerrad eines vor mehr als 100 Jahren gesunkenen Dampfschiffs aus der schwarz-grünen Dunkelheit heraus. Zuerst ist es nur schemenhaft durch das Bullauge aus dickem Plexiglas zu sehen. Dann gewinnt es immer mehr an Schärfe.

"Das aufgewirbelte Bodensediment muss sich erst wieder setzen", sagt Nikolai Pietko. Wie ein Schneesturm treiben graue Schwebstoffe durch den Lichtkegel, während wir langsam über das Wrack des Schaufelraddampfers "Rhone" gleiten. Seit einer Sturmnacht im November 1883 liegt das Schiff hier am Boden des Genfer Sees, im Herz der ewigen Finsternis.

Pietko ist Kapitän des russischen Tauchboots "Mir 2", mit dessen Hilfe Forscher derzeit die verborgene Welt im größten Gewässer der Schweiz erkunden. Mit 40 Metern pro Minute sind wir von einer schwimmenden Arbeitsplattform aus in die Tiefe gesunken. Pietko sitzt am Steuer der "Mir 2". Mit ruhiger Hand bewegt er einen Joystick und dirigiert das batteriebetriebene Gerät wie einen Unterwasser-Hubschrauber. Sein Blick ist auf den Kompass gerichtet. GPS-Signale dringen nicht bis hier herunter, nautisches Können ist gefragt.

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Tauchexpedition: Die Geheimnisse des Genfer Sees
"Mir 2" und ihr Zwilling, die "Mir 1", haben schon andere spektakuläre Einsätze hinter sich: Unter dem Eis des Nordpols und in den Tiefen des sibirischen Baikalsees. Über eine 1500 Kilometer lange Reiseroute wurden die beiden Tauchboote von Kaliningrad über Land in die Alpenrepublik transportiert. Elemo ("Explorations des eaux lémaniques") heißt das aktuelle Projekt, das Wissenschaftler der Eidgenössischen Technischen Hochschule (EPFL) in Lausanne koordinieren.

Heute geht die Reise zum Wrack der "Rhone", bei deren Kollision mit einem entgegenkommenden Schiff einst 14 Menschen starben. Die Zeugnisse jener unglückseligen Nacht liegen zwischen dem schweizerischen Lausanne und dem französischen Evian, ziemlich genau am tiefsten Punkt des Sees. Auf der Anzeige des Sonars bilden die Schiffsüberreste eine Landschaft aus gelben, blauen und rosafarbenen Pixeln. Gerade einmal fünf Grad ist das Wasser hier in gut 300 Metern Tiefe noch warm.

Für mehr als ein Dutzend einzelne Forschungsprojekte sollen die zwei baugleichen russischen Tauchboote bis Mitte August im See auf Erkundungsfahrt gehen. Die Untersuchung des Wracks ist nur ein kleiner Teilaspekt. Vor allem geht es um Grundlagenforschung. Über die Tiefen des 580 Quadratkilometer großen Genfer Sees ist nämlich bis heute nur vergleichsweise wenig bekannt.

Rund ein Dutzend internationale Wissenschaftlerteams wollen das nun ändern. Unter anderem werden sie Schadstoffteilchen in dem Gewässer nachspüren, die wegen ihrer geringen Größe durch die Kläranlagen am Ufer schlüpfen. Das Schicksal dieser sogenannten Mikroschadstoffe - Arzneimittelrückstände, Kosmetikreste, Schwermetalle und anderes - gilt als wichtig, versorgt der See doch täglich mehr als eine halbe Million Menschen mit Trinkwasser. Geschätzt 80 Millionen Kubikmeter jährlich pumpen die Wasserwerke aus dem riesigen Reservoir. "Die Zahl steigt laufend, der Genfer See ist ein sehr attraktives Gebiet", sagt Ulrich Lemmin von der EPFL in Lausanne.

Pharmamagnat pflegt schweizerisch-russische Beziehungen

Die Schadstoffmessungen sollen helfen, die ökologischen Abläufe im See besser zu verstehen. Die Wissenschaftler sammeln die Daten nicht einfach nur, sie können sie auch gleich im Tauchboot sichten - und den Piloten so zu besonders lohnenden Beobachtungszielen lotsen. Das sei mit kleinen Unterwasserfahrzeugen nur schwer möglich, sagt Lemmin, der das wissenschaftliche Programm für die Tauchboote koordiniert hat. Tauchroboter würden einfach nur stupide ihr Programm abspulen. Die russischen Boote böten dagegen die Chance, jederzeit in die Messungen einzugreifen.

Bezahlt hat das Projekt der Pharmamagnat Frederik Paulsen. Der Hauptsitz seiner Firma im Örtchen Saint-Prex liegt in unmittelbarer Nähe des Seeufers. Ferring Pharmaceuticals stellt unter anderem Hormonpräparate her - also einen Teil der Substanzen, deren Verteilung als Schadstoffe im Wasser die Forscher untersuchen wollen. Quasi im Nebenamt ist Paulsen auch noch russischer Honorarkonsul in Lausanne und holt in dieser Funktion schon einmal das Bolschoi-Ballett in die Schweiz. Paulsen kennt und schätzt die Tauchboote. Er war einer der maßgeblichen Financiers des russischen Husarenritts am Nordpol.

Selbstredend war er damals mit an Bord - und auch im Genfer See hat der abenteuerlustige Manager schon einen Tauchgang mitgemacht. Wie viel sich Paulsen die Pflege der russisch-schweizerischen Beziehungen beim Elemo-Projekt genau kosten lässt, ist nicht in Erfahrung zu bringen. Er zahlt jedenfalls auch die Reise und Unterkunft für die beteiligten Wissenschaftler. Und die sind froh, die Tauchboote zur Verfügung zu haben.

"Mir 1" und "Mir 2" sollen auch die Canyons der Rhone erkunden, das wohl größte Geheimnis des Sees. Das Wasser des Flusses strömt im Nordosten ein. Weil es kalt und voll mit Sedimenten aus den Alpen ist, sinkt es nach unten. Im Südwesten, in Genf, fließt es dann - statistisch nach rund elf Jahren - wieder hinaus. Fünf Millionen Tonnen Sedimente bringt die Rhone jedes Jahr in den See. An dessen Boden türmen sie sich zu einer geheimnisvollen Landschaft. Kilometerlange, bis zu 50 Meter tiefe Schluchten tun sich unter Wasser auf, unsichtbar für jeden Betrachter am Ufer. Die Wände dieses spektakulären Labyrinths gelten als ausgesprochen fragil. Ein unterseeischer Kollaps in den Rhone-Canyons gilt als Auslöser eines Tsunamis im Jahr 563. Damals soll eine Wand aus Wasser durch den See geschossen sein und die Brücken von Genf zerstört haben.

Vier Zentimeter dicke Stahlhülle schützt vor dem Wasserdruck

Durch diese Canyons sollen sich die beiden "Mir"-Tauchboote zwängen. Jeweils 18 Tonnen schwer, gehören die orange und weiß lackierten Gefährte zum Besten, was der Tiefseeforschung weltweit zur Verfügung steht. In den achtziger Jahren sind sie in Finnland für die Sowjetische Akademie der Wissenschaften gebaut worden. Außer ihnen gibt es weltweit nur drei andere Boote dieser Art, die in Wassertiefen von mehr als 3000 Meter vorstoßen können. Die Wassertiefe im Genfer See ist für die Tauchbootpiloten fast schon Routine.

Nikolai Pietko schmunzelt und gießt sich bei einer kurzen Pause am Seegrund einen Schluck Tee ein. Klar, sagt er mit dem Plastikbecher in der Hand, er sei schon mehr als 5000 Meter tief getaucht, sei am Wrack der "Titanic" und an Schwarzen Rauchern in der Finsternis des Atlantiks gewesen. Langweilig sei es für ihn hier aber nicht. Dennoch merkt man dem 54-jährigen Moldauer an, dass er die Entspannung bei diesem Einsatz genießt. "Normalerweise arbeiten wir 15, 16 Stunden lang. Hier im See ist es einfacher." Die Reise zum Grund und zurück dauert rund zweieinhalb Stunden, den Besuch am Wrack der "Rhone" mit eingerechnet.

Ewig möchte man in dem Tauchboot aber nicht unbedingt bleiben. Weil das kalte Seewasser die Hülle kühlt, sammelt sich an den Wänden der Passagierzelle das Kondenswasser. Immer wieder muss es Pietko mit einem Handtuch wegwischen. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei 95 Prozent. Außerdem herrscht in der Kabine mit all ihren Schaltern, Kabeln und Monitoren drangvolle Enge. Die vier Zentimeter dicke Hülle aus tonnenschwerem Spezialstahl ist gerade so groß wie nötig. Sie schützt vor dem monströsen Wasserdruck. Hier unten ist er in etwa 30-mal so hoch wie an der Wasseroberfläche.

Drei Passagiere passen knapp in die Zwei-Meter-Kugel. Nikolai Pietko ist schmächtig, ihm macht der Platzmangel nichts aus. Als Mitreisender mit langen Beinen hat man dagegen Mühe, sich auf den blauen Polstern zusammenzufalten. "Basis. Hier 'Mir 2'", sagt Pietko ins Funkgerät. Die verrauschte Antwort kommt mit Echos an. Der Weg für den Rückweg ist frei. Pietko legt den Schalter für eine der Ballastwasser-Pumpen um, die mit rhythmischem Geräusch anfängt zu arbeiten. Es geht wieder nach oben.

insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Roana, 05.07.2011
1. Interessanter Arbeitsplatz...
...da macht die Umgebung mächtig Druck ;-) Stell' ich mir spannend vor.. aber wenn man es ein paar Jahre macht, ist es sicher auch bloß noch Routine...
Sedna 05.07.2011
2.
Das ist gleich in meiner Nachbarschaft. Ich finde das interessant. Jeden Tag sehe ich die Oberfläche des Sees, aber was da darunter so alles ist.. sehr spannend! Brauche weitere Bilder bitte :)
roquefort 05.07.2011
3. 47 Jahre später
Da hätten sie doch nur die gute alte Auguste Piccard (http://de.wikipedia.org/wiki/Auguste_Piccard_%28PX-8%29) neu zu streichen brauchen. Die ist dort doch schon 1964 rumgetaucht. Und mit einer Kapazität von 40 Passagieren und fünf Mann Besatzung wäre sie auch nicht so arg eng. Etwa ein Platzangebot wie in der U-Bahn. Leider sind die Forschungsarbeiten der Piccards damals im Rummel um die Mondlandung etwas untergegangen. Sie sind unter anderem mit der Ben Franklin (http://de.wikipedia.org/wiki/Ben_Franklin_%28PX-15%29) über 30 Tage am Stück im Atlantik getaucht geblieben. Forschung und Erarbeiten der Grundlagen für Raumstationen. Aber das waren ja nur verrückte Schweizer.
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