Mitgründer von "Extinction Rebellion" Roger Hallam "Wenn eine Gesellschaft so unmoralisch handelt, wird Demokratie irrelevant"

Was darf Protest? Der radikale Klimaschutz-Aktivist Roger Hallam fordert den kalkulierten Gesetzesbruch, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Am Donnerstag wurde er in London festgenommen, kurz vorher sprach er mit dem SPIEGEL.

Klimaaktivist Roger Hallam: "Wenn es zu heiß, zu kalt, zu trocken oder zu nass wird, dann verlieren wir im besten Fall nur unseren Wohlstand, im schlimmsten Fall erleben wir die Ausrottung der Menschheit"
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Klimaaktivist Roger Hallam: "Wenn es zu heiß, zu kalt, zu trocken oder zu nass wird, dann verlieren wir im besten Fall nur unseren Wohlstand, im schlimmsten Fall erleben wir die Ausrottung der Menschheit"

Aus London berichtet


"Heathrow Pause", Pause für Heathrow, haben die Aktivisten ihren Plan getauft, den größten Flughafen Europas lahmzulegen. Mit mehreren "Piloten" wollten sie im Umkreis der Landebahnen am Freitag Drohnen aufsteigen lassen, damit der Flugverkehr unterbrochen werden muss.

Mit ihrem kalkulierten Gesetzesbruch wollten sie ein möglichst wirksames Zeichen für den Klimaschutz setzen und auf die Widersprüche der britischen Politik aufmerksam machen: Der Flughafen Heathrow ist schon jetzt ein großer CO2-Emittent des Landes, die geplante dritte Startbahn würde die Emissionen weiter steigern. Dabei hatte die Regierung erst am 1. Mai - rein symbolisch - den "Klimanotstand" ausgerufen.

Bis Freitagmittag lief der Flugverkehr in Heathrow jedoch normal, das Vorhaben ist zunächst gescheitert. Grund dafür dürfte die massive Polizeipräsenz in und um Heathrow sein. Schon im Vorfeld hatten die Behörden angekündigt, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Aktion zu unterbinden.

"Heathrow Pause" ist eine Abspaltung von "Extinction Rebellion". Vor einem Jahr gegründet, gilt "Extinction Rebellion" als größte Bewegung zivilen Ungehorsams in der britischen Geschichte. Auch die Festnahme des "Heathrow Pause"-Unterstützers Roger Hallam war offenbar Teil der Polizeistrategie. Der britische Aktivist ist außerdem Mitgründer von Extinction Rebellion und wurde am Donnerstagnachmittag unmittelbar nach einem Gespräch mit dem SPIEGEL vor einem Café in London festgenommen.

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Hier lesen Sie das zuvor geführte Interview.

SPIEGEL: Herr Hallam, Sie wollen eine Drohne im Umkreis des Heathrow Airports starten. Das ist strikt verboten. Sind Sie bereit, dafür ins Gefängnis zu gehen?

Hallam: Ja.

SPIEGEL: Warum?

Hallam: Weil wir vor der größten Katastrophe der Menschheitsgeschichte stehen. Deshalb müssen jetzt zwei Dinge passieren: Erstens muss Protest spürbare wirtschaftliche Konsequenzen haben, denn das ist der schnellste Weg, Aufmerksamkeit zu bekommen. Zweitens müssen die Menschen sich emotional ehrlich machen: Wir zerstören gerade wissentlich und deshalb vorsätzlich, die Träume unserer Kinder. Es gibt kein größeres Verbrechen als das.

SPIEGEL: Gab es einen Moment in Ihrem Leben, der erklärt, weshalb Sie der Meinung sind, dass nur radikales Handeln den Klimawandel aufhält?

Hallam: Ich bin Biobauer und habe 32 Jahre lang Gemüse angebaut. Vor zehn oder fünfzehn Jahren regnete es in Wales sieben Wochen lang Tag für Tag. Das zerstörte meine gesamte Ernte. Alle Pflanzen wurden weggespült. Ich habe Hunderttausende Pfund verloren, 25 Menschen ihre Arbeit. Ich bin fast verrückt geworden - Stress, Depressionen. So geht es vielen Kleinbauern auf der ganzen Welt.

Damals hatte ich eine für mich tiefgreifende Erkenntnis: Wenn es zu heiß, zu kalt, zu trocken oder zu nass wird, dann verlieren wir im besten Fall nur unseren Wohlstand, im schlimmsten Fall erleben wir die Ausrottung der Menschheit. Das ist, was auf uns zukommt. Das passiert, wenn die Menschen den Himmel zerstören.

SPIEGEL: Die Demokratie sieht Wege vor, nötige Veränderungen in Gang zu bringen: Demonstrationen, Wahlen, parlamentarisches Engagement. Warum setzen Sie stattdessen auf illegale Blockaden und brechen das Gesetz?

Hallam: Weil dieses Thema größer ist als die Demokratie, oder wie auch immer Sie das beschreiben wollen, was derzeit noch davon übrig ist. Wenn eine Gesellschaft so unmoralisch handelt, wird Demokratie irrelevant. Dann kann es nur noch direkte Aktionen geben, um das zu stoppen.

Konventionelle Aktionsformen wie Demos, E-Mail-Kampagnen und Lobbyarbeit sind Schrott, sie haben nicht den nötigen Effekt. Wir haben einen 60-prozentigen Anstieg der CO2-Emissionen seit 1990, sie steigen trotz aller Klimaschutzbekundungen einfach immer weiter. Die globale Politik ist offensichtlich unfähig, den radikalen Wandel herbeizuführen, den es braucht.

SPIEGEL: Sie haben mal gesagt: "Eine Revolution steht kurz bevor." Was meinen Sie damit?

Hallam: Ich habe das als struktureller Soziologe gesagt und nicht als Revolutionär. In struktureller Soziologie macht man Prognosen darüber, wie langfristig stabil eine Gesellschaft ist. Eine funktionierende Gesellschaft braucht nicht mehr als eine reformorientierte Politik, weil die Menschen generell zufrieden sind.

Andere Gesellschaften, die mit großer Ungleichheit kämpfen, die irgendein suizidales Projekt verfolgen, oder die ihr Klima vernichten, können sicher sein, dass es riesenhafte Umwälzungen geben wird. Das ist wie eine Liebesbeziehung, in der einer der Partner jeden Tag Heroin spritzt - es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zur emotionalen Explosion kommt.

Unsere Eliten führen uns in diese Heroinzone, in die letzten Stufen der CO2-Katastrophe. Deshalb habe ich keinen Zweifel, dass es zu einem riesigen Umbruch kommen wird.

Im Video: Roger Hallam in London festgenommen

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SPIEGEL: Was fordern Sie?

Hallam: Die Aktion "Heathrow-Pause" ist Teil einer größeren Rebellion. Wir nutzen eine innovative Methode, nämlich das Fliegen von Drohnen, um einen Flughafen lahmzulegen. Das fußt auf dem Gedanken, dass sich mit ausreichend großem, ökonomischem Schaden auch ein Großprojekt wie der Ausbau der dritten Startbahn am Flughafen Heathrow verhindern lässt. Schließlich gibt keinen logischen Grund, Heathrow auszubauen.

SPIEGEL: Wie kommen Sie darauf?

Hallam: Was macht es für einen Sinn, so ein CO2-intensives Projekt zu realisieren, das wahrscheinlich erst 2030 fertig wird, wenn man ab 2050 in ganz Großbritannien Netto kein Kohlendioxid mehr ausstoßen will? Das ist, als würde man einem Alkoholiker sagen, er solle trocken werden - und ihm dann eine Kiste Bier hinstellt. Das ist dumm.



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Seite 1
dokumane 13.09.2019
1. Wenn "Demokratie"...
... nicht mehr im Sinn der Aufklärung zu verstehen ist, so ist sie lediglich eine leere Worthülse die sinnbildlich für die Überwindung der selbstverschuldeten Unmündigkeit steht. Kann einer folgenden?
skilliard 13.09.2019
2.
Danke dass es endlich deutlich ausgesprochen wird: Extinction Rebellion ist eine antidemokratische Vereinigung die auch vor Methoden des Terrorismus nicht zurückschreckt.
lala10 13.09.2019
3.
Als erstes würde ich ihn mit den Kosten die er verursacht konfrontieren und Ihnen in Rechnung stellen. Dann würde der Spuk bald auf hohen.
skeptiker53 13.09.2019
4. Irrelevante Demokratie ?
Nein, Herr Hallam, eine Demokratie ist nie irrelevant im Vergleich zu ideologischen Dogmen. Egal was eine Demokratie entscheidet, es ist der Wille der demokratischen Volksvertretung. Wenn Ihnen das nicht gefällt, dann möchten Sie bitte Überzeugungsarbeit leisten, sich wählen lassen und dann eventuell Gesetze ändern. Das gewalttätige Durchsetzen der eigenen Dogmen ist nie zu rechtfertigen und würde den Weg zur neuen Diktaturen öffnen.
Sendungsverfolger 13.09.2019
5. Verwechslung
Da hat sich einer mit der Inkarnation der allmächtigen Weisheit verwechselt. Man schütze uns bitte vor solchen "wohlwollenden Diktatoren".
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