Verfehlte Klimaziele FDP fordert Fracking in Deutschland

Deutschland scheitert an seinen Klimazielen - jetzt fordert die FDP nach SPIEGEL-Informationen, die unkonventionelle Erdgasförderung zu erlauben, um die CO2-Bilanz zu verbessern.
Erdgasförderung in Pennsylvania

Erdgasförderung in Pennsylvania

Foto: REUTERS

Fracking hat in den USA verwüstete Landschaften hinterlassen: Chemische Substanzen im Boden, Gas im Trinkwasser, Erdbeben lassen Ortschaften zittern. Für Deutschland aber haben Wissenschaftler die sogenannte unkonventionelle Erdgasfördermethode in deutlich kleinerem Stil dennoch empfohlen - unter strengen Auflagen.

Darauf beruft sich nun die FDP, wenn sie fordert, Fracking hierzulande zu erlauben: "Die unkonventionelle Förderung von Erdgas bietet nicht nur eine Chance für die Versorgungssicherheit, sondern auch für die Energiewende", sagt Michael Theurer, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP, dem SPIEGEL.

Deutschland hat sich ins Klimadilemma manövriert. Um seine Treibhausgasemissionen wie geplant senken zu können, müssten Kohlekraftwerke vom Netz genommen werden. Doch nach dem beschlossenen Ausstieg aus der Atomkraft fällt die Umstellung schwer. Dabei gäbe es Abhilfe.

Joker im Klimaschutz-Poker

In den Poren von Schiefergestein lagern in Deutschland schätzungsweise 1,3 Billionen Kubikmeter förderbares Erdgas - die Menge entspricht dem 16-fachen Jahresverbrauch des Landes. Die Verbrennung von Erdgas erzeugt weitaus weniger Treibhausgase als Kohle, es gilt als Joker im Klimaschutz-Poker.

Hierzulande aber muss das Schiefergas unter der Erde bleiben, so hat es die Bundesregierung beschlossen. Es könnte nur mit Fracking gewonnen werden - doch die Fördermethode birgt Risiken. Deshalb hat Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ein Verbot der Technologie in Deutschland durchgesetzt.

Beim Fracking wird Schiefergestein mit Wasserdruck, Quarzteilchen und Chemikalien aufgebrochen. Durch entstehende Risse fließt Gas, das an die Oberfläche geleitet wird - es kann ins Grundwasser gelangen. "Der Schutz unseres Trinkwassers und unserer Naturlandschaft steht klar über den wirtschaftlichen Interessen", sagt Umweltministerin Hendricks.

Nur vier Bohrungen erlaubt

In einem dicht besiedelten Land wie Deutschland dürften beim Schutz von Umwelt und Gesundheit einerseits keine Kompromisse eingegangen werden, sagt auch FDP-Politiker Theurer. Andererseits aber sollten "moderne Technologien dabei nicht pauschal ausgeschlossen werden".

Schon jetzt seien die Energiepreise in Deutschland hoch. Für die FDP stehe "die sichere und verlässliche Rohstoff- und Energieversorgung Deutschlands im Mittelpunkt". Sie bilde die Grundlage für Wohlstand.

Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen, widerspricht: "Der FDP geht es nicht um CO2-Senkung, sondern schlicht um Profitsteigerung der fossilen Industrien. Gefahren für die Menschen und die Umwelt sind ihr dabei egal. Fracking ist der größte energiepolitische Irrweg seit der Atomkraft", meint er.

Nur vier Probebohrungen dürfen in Deutschland derzeit genehmigt werden. "Sie sollen dem Zweck dienen, die Auswirkungen des Frackings auf die Umwelt, insbesondere den Untergrund und den Wasserhaushalt, wissenschaftlich zu erforschen", hatte Hendricks erklärt.

GroKo ignoriert das Thema

Doch nichts geschieht. Es gibt in Deutschland keine Anträge auf Fracking-Bohrungen - das ergab eine Anfrage des SPIEGEL bei den zuständigen Behörden sämtlicher Bundesländer.

Eigentlich sollten 2021 Ergebnisse der Probebohrungen vorliegen - dann will die Bundesregierung entscheiden, ob das Fracking-Verbot andauern wird. Entscheidet sie nicht, bleibt es bestehen.

Was aber sagen CDU und SPD in ihrem Sondierungsprogramm zum Thema? Nichts, Fracking wird im vorläufigen GroKo-Programm nicht erwähnt.

Die Haltungen beider Parteien sind dennoch eindeutig: SPD-Ministerin Hendricks hat das Verbot erkämpft. Und auch die CDU-Fraktion im Bundestag sieht auf SPIEGEL-Anfrage "keinen Handlungsbedarf". Das Thema sei mit dem Verbotsgesetz "erschöpfend geregelt".

Streit in der Regierung

Innerhalb der Regierung ist das Thema allerdings umstritten. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe BGR, die dem Wirtschaftsministerium zuarbeitet, unterstützt den Standpunkt der Forscher, Fracking unter strengen Auflagen zu erlauben; Hendricks' Umweltministerium hingegen ist dagegen, auch unter Berufung auf Gutachten des Umweltbundesamts.

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In ihrem gemeinsamen Programm aber ignorieren die großen Parteien das Thema, obwohl wenig darauf hindeutet, dass die Klimaschutzziele auf bisherigem Weg erreicht werden. Keine Atomkraft, keine Kohle, kein Fracking - steckt Deutschland in der Klimafalle?

Trotz des Ausbaus der Erneuerbaren gehen die CO2-Emissionen seit 2009 nicht mehr zurück - auch weil auf der Straße mehr transportiert wurde.

Die Energiewende wird dauern: Erst ein Drittel des Stroms in Deutschland stammt aus erneuerbaren Energiequellen, vor allem aus Wind und Sonne. Noch 40 Prozent werden mit der Verbrennung von Kohle erzeugt, etwa ein Siebtel mit Atomkraft und gut ein Zehntel mit Erdgas.

Abhängig vom Ausland

Selbst alle aktuell geplanten erneuerbaren Energieprojekte reichen bei Weitem nicht aus, um den Strombedarf in Deutschland zu decken. Erdgas könnte vorübergehend helfen: Außer zur Stromgewinnung wird es auch zum Heizen und als Kraftstoff eingesetzt. Sein Gesamtanteil an der Energiegewinnung liegt in Deutschland bei knapp einem Viertel.

Aber 90 Prozent seines Erdgases muss Deutschland importieren, vor allem aus Russland. Ohne neue Lagerstätten, die per Fracking erschlossen würden, verringerte sich der heimische Anteil weiter, mahnt die BGR. Deutschland werde komplett abhängig von ausländischem Erdgas.

Die USA haben ihre CO2-Emissionen durch die Umstellung auf Erdgas deutlich senken können. Sie waren in den vergangenen Jahren erfolgreicher im Klimaschutz als Deutschland - wegen ihres Erdgas-Booms - und wurden gar nahezu unabhängig von Gasimporten.

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Gefahren für Grundwasser oder durch Erdbeben bestünden in Deutschland laut BGR und Forschergutachten nicht, sofern Trinkwassergebiete und Wohnorte von Bohrungen ausgeschlossen würden. Die Menge der ins Erdreich gepressten Substanzen wäre weitaus geringer als in einigen Regionen der USA oder Kanada, wo Fracking tatsächlich Beben verursacht hat.

Neue Debatte?

Ein größeres Risiko sei indes die Umweltverschmutzung: Die aus der Tiefe geschwemmte Brühe müsste fachgerecht entsorgt werden, betont die BGR.

Fracking-Technologie hat in Deutschland eine lange Tradition: Sie kommt bei der Gewinnung von Erdgas aus konventionellen Lagerstätten, also in Sand- und Kalkgesteinen, seit den Sechzigerjahren zum Einsatz. Rund ein Drittel der in Deutschland geförderten Erdgasmengen aus solchen Lagerstätten werden mittels Fracking stimuliert.

Der entscheidende Unterschied: In Sand und Kalk ist Erdgas deutlich mobiler, weshalb erheblich weniger chemische Pump-Flüssigkeit benötigt wird als im Schiefergestein, in dem die Förderung in Deutschland verboten ist.

Dass der FDP-Vorstoß eine neue Debatte auslöst, erscheint nicht ausgeschlossen - denn auch die SPD setzte lange auf neue Erdgasquellen: "Die Erschließung neuer Erdgasquellen muss möglich bleiben", heißt es in einem Leitlinienpapier der SPD von 2013. Hocheffiziente Gaskraftwerke bildeten eine "unverzichtbare Brücke" der Energiewende.

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