Finnair-Flug AY-101 Wie ich zufällig Zeuge eines chinesischen Raketentests wurde

Anfang Juni haben chinesische Streitkräfte offenbar einen Raketentest durchgeführt. Experten vermuten, dass es sich dabei um einen neuen Typ handelt. Unser Autor beobachtete das durch Zufall - und ging auf Spurensuche.

Blick aus dem Finnair-Flug: Ist im Hintergrund ein Raketentest zu sehen?
Hinnerk Feldwisch-Drentrup

Blick aus dem Finnair-Flug: Ist im Hintergrund ein Raketentest zu sehen?

Aus Hongkong berichtet


Finnair-Flug AY-101 von Helsinki nach Hongkong. Es ist Samstagnacht, als wir gerade die innere Mongolei passieren und ich die Fensterblende heraufschiebe, um hinaus in die Nacht zu schauen. Während die meisten anderen Passagiere schlafen, bietet sich mir ein eindrucksvolles Schauspiel: Am Horizont baut sich eine weiße, kreisrunde und leuchtende Wolke auf. Mit der Kamera dokumentierte ich, wie der weiße Fleck dunkler wird und sich offenbar in der äußeren Atmosphäre ausbreitet.

In Hongkong angekommen kontaktierte ich Militärexperten und bat sie um eine Einschätzung, ob meine Bilder einen Raketentest zeigen oder etwas anderes. "Wieviel Glück sie haben - ich bin fast schon neidisch", schrieb der französische Luftfahrtingenieur Henri Kenhmann, der die Aktivitäten des chinesischen Militärs verfolgt und zu einem Raketentest bereits am Montag einen Beitrag in seinem Blog geschrieben hatte. In den sozialen Medien Chinas hatten mehrere Personen Fotos von einer fliegenden Rakete gepostet, aus denen Kenhmann die Flugbahn abschätzte.

Die Kommunistische Partei bittet um Mithilfe

Offenbar hatte ich mit meiner Kamera tatsächlich den Test einer ballistischen Rakete eingefangen. Gestartet wurde das Geschoss womöglich im östlich von Peking gelegenen Golf von Bohai: Die örtlich zuständige Behörde für maritime Sicherheit hatte an Schiffe in der Gegend eine Warnung abgegeben, dass am Sonntagvormittag in einem abgegrenzten Seegebiet militärische Operationen durchgeführt würden.

Am Sonntagmorgen seien "große Geräte" vom Himmel gefallen, zitiert Kenhmann in seinem Artikel eine Meldung der örtlichen Abteilung der kommunistischen Partei aus dem Westen der Inneren Mongolei. "Bauern und Hirten" seien zur Mithilfe aufgerufen: Wenn sie die Fundstelle melden, erhalten sie eine Aufwandsentschädigung - doch sollten sie sich der Fundstelle nicht nähern, die Teile nicht auseinanderbauen und keine Fotos machen.

"Ich bin zu nahezu hundert Prozent sicher, dass Sie den chinesischen Testflug gesehen haben", schreibt Kehnmann mir. Welchen Typs die Rakete war und ob sie aus einem U-Boot, von einem Ponton oder von einer Insel gestartet wurde, ist unklar.

Um welchen Raketentyp es sich genau handelt, ist unklar

Es könnte sich um den Start einer U-Boot-gestützten, ballistischen Interkontinentalrakete JL-2 gehandelt haben, die mit Atomsprengköpfen bestückt werden kann - oder um ihren Nachfolger JL-3, die nach US-Informationen im November 2018 einem ersten Test unterzogen wurde.

Die in Hongkong ansässige "South China Morning Post" zitierte hingegen anonyme Militärquellen aus Peking, nach denen lediglich eine verbesserte Mittelstreckenrakete getestet wurde. Sie sei von der zwischen Peking und Shanghai gelegenen Stadt Taian gestartet, heißt es in der Zeitung. Kenhmann hält diesen Startort unter anderem aufgrund der vorhandenen Indizien zur Flugbahn für nicht plausibel.

"Ich glaube nicht, dass China so weit gehen würde"

Ihm lägen bislang nicht genug Informationen vor, um zu beurteilen, ob ich tatsächlich den Testflug gesehen habe, erklärte Collin Koh, ein Militärexperte von der Technischen Universität Nanyang in Singapur. "Ich wäre wirklich erstaunt, wenn das Flugzeug so nah zur Flugbahn der Rakete geflogen ist", sagt er.

"Ich glaube nicht, dass China so weit gehen würde, wie Nordkoreaner es in der Vergangenheit getan haben - indem sie den Test fortgesetzt und Flüge in Gefahr gebracht haben", erklärt er. Daher überrasche es ihn, wenn das Flugzeug der Rakete oder ihrem Kondensstreifen so nah gekommen sei.

Henri Kenhmann schätzt das Risiko für Flugzeuge allerdings als gering ein: Ballistische Raketen befänden sich normalerweise nur bei Start und Landung kurz im Luftraum, der von zivilen Flugzeugen bei Langstreckenflügen genutzt werde.

Bestätigung vom Außenministerium

Das chinesische Verteidigungsministerium ließ eine Anfrage des SPIEGEL unbeantwortet, die Fluggesellschaft Finnair erklärte auf Nachfrage, den Vorfall untersuchen zu wollen.

Auch das Bundesaußenministerium ist auf den Fall aufmerksam geworden: "Die Bundesregierung hat den chinesischen Raketentest zur Kenntnis genommen", erklärt das Auswärtige Amt auf Anfrage des SPIEGEL. Aus Sicht der Bundesregierung zeige der Test die Notwendigkeit, auch mit China über Rüstungskontrolle zu sprechen. "Der Test unterstreicht einmal mehr, wie wichtig eine Regelung zur Vorankündigung von Raketentests ist", erklärt er.

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paradonym 08.06.2019
1. Der Pilot dieses Flugs ist Meister der Beherrschung
Stellt euch vor ihr fliegt das Flugzeug und auf dem Radar taucht solch eine Rakete auf, bis sie im Sichtfeld des Piloten explodiert... Ich hätte gewiss nicht genügend Widerstandskraft gehabt um danach in Ruhe den Flug zum Ende zu bringen...
bernowo 08.06.2019
2. Perspektive
Ich kann mich irren, aber es erschließt sich mir nicht, wie der Autor die Tragfläche seines Fliegers aus der dargestellten Perspektive ablichten konnte. Hatte er eine Kameradrohne dabei?
frank_w_abagnale 08.06.2019
3.
Der Test war angekündigt. Auf einschlägigen maritimen Seiten und Luftfahrtseiten nachzulesen. Außerdem darf doch ein freies Land neue Waffensysteme testen. Wo sind also Sensation und vor allem Sinn des Artikels...?
chiefseattle 08.06.2019
4. Entfernung
Entfernungen in der Atmosphäre sind schwer abzuschätzen. Dennoch möchte ich behaupten, dass die Wolke so weit vom Flugzeug entfernt ist, dass keinerlei Beeinträchtigung entstand. Trotzdem ein seltenes Schauspiel.
jufo 08.06.2019
5. #2 Versuch einer Erklärung
Das Foto mit dem rot angeleuchteten Winglet ist sehr ästhetisch, die Rakete sieht sehr groß aus, müsste also recht dicht (selbst bei Tele) vor (wir sehen dann das Winglet von hinten innen, ist aber schwer zu sagen) dem Flugzeug sein und nahezu horizontal in ähnlicher Höhe fliegen. Der Fotograf sitzt recht weit hinten in der Maschine.
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