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21. Dezember 2018, 16:49 Uhr

Gatwick

So gefährlich sind Drohnen für Flugzeuge

Ein stillgelegter Flughafen, Scharfschützen, Zehntausende gestrandete Reisende: Der Vorfall am Londoner Flughafen Gatwick zeigt, wie machtlos Behörden gegen Drohnen sind - auch in Deutschland.

Wenige Drohnen reichten und am Londoner Flughafen Gatwick ging nichts mehr. Am Mittwochabend musste nahezu der gesamte Flugbetrieb eingestellt werden, weil immer wieder Drohnen über den Landebahnen auftauchten. Erst am Freitagmorgen konnten wieder Flugzeuge starten und landen, trotzdem rechnen die Flughafenbetreiber weiter mit Flugausfällen und Verspätungen.

Mit einer Spezialausrüstung will die britische Armee den Airport vor weiteren Zwischenfällen schützen. Auch Hubschrauber und Scharfschützen waren am Donnerstag im Einsatz. Ein Abschuss der Drohnen war nur als taktische Option in Erwägung gezogen worden. Die Gefahr durch fehlgeleitete Geschosse sei zu groß, sagte Verkehrsminister Grayling. "Man kann nicht einfach aufs Geratewohl Waffen in einem bebauten Gebiet um den Flughafen abfeuern."

Schon ein Vogel kann eine Cockpitscheibe durchbrechen

Auch wenn die Vorsichtsmaßnahmen auf Reisende übertrieben wirken mögen: Sie sind berechtigt. Ein Zusammenstoß zwischen einer Drohne und einem Flugzeug ist gefährlich. Schon ein Vogel kann im schlimmsten Fall eine Cockpitscheibe durchbrechen.

Immer wieder kommt es wegen Kollisionen zwischen Flugzeugen und Vögeln zu Notlandungen - und Drohnen sind deutlich schwerer und potenziell gefährlicher. "Drohnen sind - simplifiziert - Vögel aus Metall, daher werden sie auch mindestens so ernst genommen", teilte die Deutsche Flugsicherung auf Anfrage mit. Noch größer ist das Risiko für Hubschrauber, weil ihre Rotoren nahezu ungeschützt sind und sie deutlich niedriger fliegen als Linienflugzeuge. Mehr dazu lesen Sie hier.

Ein weiteres Problem: Drohnen sind auf dem Radar nicht zu erkennen, weil sie zu klein oder nicht mit der notwendigen Technik ausgestattet sind, etwa mit einem Transponder. Die Piloten werden von den Fluggeräten deshalb überrascht und können nur schwer ausweichen.

Ein Zwischenfall wie am Flughafen Gatwick ist bisher die Ausnahme. Auch, weil die Drohnen offenbar absichtlich immer wieder über die Landebahnen gesteuert wurden, um den Flughafen lahmzulegen. Bei mindestens zwei der gesichteten Drohnen handelt es sich laut Polizei nicht um Hobbyfluggeräte, sondern um Drohnen für den professionellen Einsatz.

Die Marke und das Modell sind unbekannt, berichtet die BBC. Die Polizei vermute jedoch, dass die Drohnen für die Störung gezielt umgebaut worden sein könnten. Jeder, der ein Foto der Drohnen geschossen hat, wird aufgefordert, sich mit der Polizei in Verbindung zu setzen. Laut ersten Ermittlungen könnten Öko-Aktivisten hinter der Aktion stecken.

Bis zu zehn Jahre Gefängnis

Auch in Deutschland treffen Flugzeuge immer häufiger auf Drohnen. Allein in diesem Jahr wurden bis Ende November 152 Zwischenfälle gemeldet. Im bisherigen Rekordjahr 2017 waren es nur 88 Fälle. Am häufigsten betroffen war der Flughafen in Frankfurt am Main, gefolgt von Berlin Tegel und München. Die meisten Zwischenfälle ereigneten sich in der Nähe von Flughäfen.

Entdecken Piloten eine Drohne, melden sie diese per Funk an die Flugsicherung. Die alarmiert umgehend die Polizei. Die Polizisten versuchen dann, die Verantwortlichen zu finden. Als im September 2017 eine Ryanair-Maschine am Flughafen Köln/Bonn beinahe mit einer Drohne kollidierte, suchte die Polizei sogar per Hubschrauber nach dem Drohnenpiloten.

Die Fluggeräte in der Nähe von Flughäfen steigen zu lassen, ist streng verboten und kann als "gefährlicher Eingriff in den Luftverkehr" geahndet werden. Im schlimmsten Fall droht eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren.

Wie viele Drohnen es in Deutschland gibt, ist unklar. Bislang gibt es in der EU kein zentrales Drohnen-Register oder die Pflicht, einen Transponder einzubauen, mit dem die unbemannten Objekte für die Flugsicherung sichtbar wären. Die Deutsche Flugsicherung fordert diese Schritte schon länger, hat sich aber beim Erlass der nationalen Drohnenverordnung nicht durchsetzen können.

Blechschild reicht

In Deutschland reicht ein Blechschild an den Drohnen, auf dem Name und Anschrift des Besitzers stehen sollen. Seit vergangenem Jahr müssen Drohnenpiloten außerdem eine Art Führerschein machen, wenn sie Drohnen fliegen lassen wollen, die mehr als zwei Kilogramm wiegen.

Deutsche Luftverkehrsverbände fordern weitaus schärfere Regeln. "Wir weisen schon seit geraumer Zeit darauf hin, dass wir eine Registrierungspflicht für Drohnen brauchen, damit Verantwortung und Haftung klar zugewiesen werden können", sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, Matthias von Randow.

Das müsse auf europäischer Ebene geregelt werden. Die bislang vorgeschriebene Plakette an der Drohne reiche nicht aus. Der Flughafenverband ADV verlangt zudem, die Drohnen mit einem System auszustatten, das sie wie Flugzeuge elektronisch sichtbar macht.

Abschuss, Greifvögel, Störsender

So gibt es mehrere Strategien, wie Drohnen von Flughäfen ferngehalten werden können. Einige Hersteller verankern die Nicht-Flugzonen bereits in der Software ihrer Geräte, einheitliche Regeln dazu gibt es aber nicht.

Die Drohnen aufzuspüren, ist meist kein Problem. Systeme dafür bietet unter anderem die Firma Dedrone aus Kassel an, die bereits große Sportereignisse geschützt hat. Das Problem bleibt aber, wie man die entdeckten Drohnen vom Himmel holen kann. Netze, Greifvögel oder Abschuss: Die bislang diskutierten Möglichkeiten sind nach Expertenmeinung nicht zufriedenstellend.

Dedrone setzt auf Störsignale, mit denen die Drohnen außer Gefecht gesetzt werden können. Die Störsender, sogenannte "Jammer", zwingen die Drohne in den Landemodus. Das Problem: Die "Jammer" unterbrechen auch andere Signale, die für den Flughafenbetrieb notwendig sind.

Zusammengefasst: Bislang können sich Flughäfen kaum vor Drohnen schützen. Dabei können Kollisionen zwischen Flugzeugen und Drohen erhebliche Schäden anrichten. In Deutschland sind in diesem Jahr bis Ende November 152 Zwischenfälle gemeldet worden, obwohl das Starten von Drohnen in der Nähe von Flughäfen streng verboten ist und empfindliche Strafen drohen.

koe/dpa

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