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12. Mai 2013, 14:47 Uhr

Militärtechnik

Fotos zeigen Chinas erste Stealth-Kampfdrohne

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China treibt die Modernisierung seiner Streitkräfte mit Macht voran. Jetzt sind erstmals Fotos einer mutmaßlichen Stealth-Kampfdrohne aufgetaucht. Sie weist starke Ähnlichkeit mit den Konkurrenzmodellen der Europäer und Amerikaner auf - und zeigt, wie schnell Peking Fortschritte macht.

Wenn westliche Rüstungskonzerne neues Militärgerät präsentieren, gibt es nicht selten Hochglanz-Pressemappen und ganze Bilddatenbanken voller Fotos. In China läuft das anders: Auf obskuren Webseiten tauchen erste grobkörnige, unscharfe Fotos auf, die dann mit einiger Verzögerung ihren Weg in die westliche Öffentlichkeit finden und dort für Spekulationen sorgen.

In den vergangenen Monaten und Jahren ist das wiederholt geschehen, etwa bei Testflügen von Chinas Tarnkappen-Kampfjets J-20 und J-31, dem Langstrecken-Transportflugzeug Y-20 oder dem Flugzeugträger "Liaoning". Nun sind Fotos aufgetaucht, die Pekings erste strahlgetriebene, bewaffnete Stealth-Drohne zeigen sollen.

Zunächst tauchte auf chinesischen Webseiten ein Foto des unbemannten Fluggeräts auf einer Startbahn auf. Dann veröffentlichten diverse Nachrichtenseiten in der Region ein qualitativ besseres Foto der Drohne. Im britischen Luftfahrt-Forum "Secret Projects" wurde das Flugobjekt prompt als "Lijian" ("Scharfes Schwert") identifiziert, gebaut von der chinesischen Firma Shenyang.

Die Kampfdrohne (Unmanned Combat Air Vehicle, kurz UCAV) weist starke Ähnlichkeit mit der X-47B der USA und der europäischen "nEUROn" auf. Während die X-47B aber bereits das Starten und Landen auf Flugzeugträgern probt, ist völlig unklar, wie weit die Entwicklung der "Lijian" fortgeschritten ist, was genau ihre Fähigkeiten sein werden und wann sie in Dienst gestellt wird. Das gleiche gilt für die J-20, die J-31 und die Y-20.

Gezielte Veröffentlichung

Einig sind sich westliche Experten allerdings darin, dass die Veröffentlichung der Fotos angesichts der strengen Regime-Kontrolle über das chinesische Internet kein Zufall sein kann. "Die Volksbefreiungsarmee duldet diese Enthüllungen offensichtlich oder betreibt sie sogar aktiv", sagte etwa Rick Fisher vom International Assessment and Strategy Center im US-Bundesstaat Virginia dem Branchenblatt "Aviation Week".

Die Fotos der "Lijian" wurden fast gleichzeitig mit dem Jahresbericht des Pentagon zur Entwicklung des chinesischen Militärs veröffentlicht. Die US-Regierung wirft Peking darin nicht nur Spionageattacken auf amerikanische Computernetze vor, sondern zeichnet auch ein detailliertes Bild der technologischen Aufrüstung der Volksbefreiungsarmee.

Die chinesische Regierung "verfolgt ein langfristiges, umfassendes militärisches Modernisierungsprogramm, um seine Streitkräfte in die Lage zu versetzen, kurzzeitige regionale Militärkonflikte mit hoher Intensität zu gewinnen", heißt es gleich zu Anfang des Berichts. Ein potentieller Schlagabtausch in der Taiwan-Straße - in den mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die USA verwickelt wären - "scheint der Hauptfokus und der wichtigste Antrieb von Chinas Militärinvestitionen zu sein".

Hightech-Waffen spielen Schlüsselrolle

Das wichtigste Ziel Pekings sei deshalb die Stärkung sogenannter Anti-Access/Area-Denial-Fähigkeiten, kurz A2/AD. Dahinter verbirgt sich die Strategie, einem technisch überlegenen Feind mit relativ einfachen Mitteln den Zugang zu strategisch wichtigen Gebieten zu verwehren - etwa indem man an den Küsten Anti-Schiffsraketen stationiert und es für Flugzeugträger zu riskant macht, in ein bestimmtes Seegebiet vorzudringen. "Strategen der Volksbefreiungsarmee bezeichnen das auch als Anti-Interventions-Operationen", heißt es im Pentagon-Bericht.

Peking stecke deshalb hohe Summen in die Entwicklung ballistischer Kurz- und Langstreckenraketen, Marschflugkörpern zur Bekämpfung großer Schiffe, Anti-Satelliten-Raketen und in die Kriegführung im Internet. Die Volksbefreiungsarmee solle so in die Lage versetzt werden, "auf große Distanzen Streitkräfte anzugreifen, die in den Westpazifik eindringen und dort operieren könnten", schreiben die Pentagon-Autoren. Auch der Kauf und die Entwicklung von Drohnen mit größerer Reichweite werde "Chinas Fähigkeit erhöhen, Aufklärungs- und Angriffsmissionen über große Distanzen durchzuführen".

Die Stealth-Technologie, die Flugzeuge für Radaranlagen kaum oder gar nicht erkennbar macht, werde von der chinesischen Luftwaffe als "integraler Bestandteil unbemannter Flugzeuge" gesehen, so der Pentagon-Bericht. Das gelte insbesondere für Drohnen zur Bekämpfung von Bodenzielen: Sie könnten dank Stealth-Technologie "stark geschützte Ziele angreifen", womit unter anderem US-Militärbasen im Pazifikraum gemeint sein dürften.

Zudem warnt das Pentagon vor der Verbreitung chinesischer Drohnentechnik in Entwicklungsländer. "China vermarktet Drohnen im Ausland", heißt es im Pentagon-Bericht. Das gelte auch für die neue taktische Kampfdrohne "Yi Long", auch als "Wing Loong" bekannt.

Kaum Chancen sieht das US-Verteidigungsministerium dagegen, Peking wichtige Militärtechnologie vorzuenthalten. "Die Chinesen nutzen ein großes, gut organisiertes Netzwerk, um sensitive Informationen und exportbeschränkte US-Verteidigungstechnologie zu bekommen", so der Bericht. Die Volksbefreiungsarmee benutze Tarnfirmen, um unter dem Deckmantel der zivilen Forschung militärische oder Dual-Use-Technologien im Ausland zu erwerben.

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