Frankreich Atom-Abfälle im Schnellkochtopf

Die Ausschreibung steht öffentlich im Internet: Ein Ausrüster von Frankreichs geheimen Nuklearstreitkräften will 4000 Dampfdrucktöpfe kaufen. In der "Cocotte-Minute" soll sensibler atomarer Müll aufbewahrt werden - aus Kostengründen.
Druckkochtopf (Symbolbild): Dieses "brutale Mittel des Kochens" soll in Frankreich zu Tausenden als Atommüll-Behälter eingesetzt werden

Druckkochtopf (Symbolbild): Dieses "brutale Mittel des Kochens" soll in Frankreich zu Tausenden als Atommüll-Behälter eingesetzt werden

Foto: Corbis

Der Hersteller lobt sein Produkt als "zeitloses Konzept", das genau den "aktuellen Erwartungen" entgegenkommt: "Gesund, schnell und wirtschaftlich im Energieverbrauch". Es handelt sich um den Schnellkocher, also jenen Druckkochtopf, in dem Speisen rasch und schonend gegart werden können. Eine Crème Caramel erreicht ihre perfekte Konsistenz in nur 12 Minuten, verglichen mit 45 Minuten im Wasserbad!

Es sind freilich nicht diese Vorzüge, die Frankreichs Kommissariat für Atom- und Alternative Energien (CEA) zu einer ungewöhnlichen Ausschreibung veranlassten. Das staatliche Forschungszentrum mit knapp 16.000 Angestellten - unter anderem zuständig für Verteidigung, Informationstechnik - organisiert derzeit für seinen Ableger in Valduc den Ankauf von "Kochgeräten für den Haushalt". Genauer: "4000 Schnellkochtöpfen aus rostfreiem Stahl."

Einsatz der Kochtöpfe schon 2014

Laut Offerte, verfügbar im Internet , sollen die "Autocuiseurs" ("Selbstkocher") in Is-sur-Tille, 45 Kilometer nördlich von Dijon, verwendet werden: Hier betreibt das CEA laut eigener Darstellung ein "zentrales Kettenglied der nationalen Verteidigung, der Garantie unserer Abschreckungsmacht". Im Klartext: Hier wird das atomare Material hergestellt, das Frankreichs "Force de Frappe", also die Raketen der heimischen Atomstreitkräfte, munitioniert.

Ungewöhnlich: Details, die sonst dem militärischen Geheimnisschutz unterliegen, werden hier in allen Einzelheiten ausgebreitet. Eingesetzt werden sollen die Kochtöpfe demnach bereits im ersten Quartal 2014, beim "Transport von sensiblen Materialien", wobei "Sicherheit und Verschlussdichte völlig beherrscht" sein müssen.

Kochtöpfe sollen auch Stürze überstehen

Es sind just diese Eigenschaften, mit denen der Mathematiker und Physiker Denis Papin 1679 bei der Konstruktion des "Digesteur" Aufsehen erregte: Der gelernte Mediziner, der später auch in Marburg als Professor wirkte, entwarf seinerzeit einen starkwandigen Zylinder aus Gusseisen, dessen fest verschraubter Deckel großen Druck aushalten konnte; Ventile schützten vor Explosionen, wenn Wasser in dem Behältnis erhitzt wurde. Damit hatte Papin einen Apparat in die Welt gesetzt, der, nach seinen Worten, ein "ziemlich brutales Mittel des Kochens" darstellte. Immerhin: Damit gelang es dem Forscher ohne Mühe, auch Knochen und älteste Stücke Rindfleisch binnen Kürze in Brei umzuwandeln.

Die französische Erfindung, die im 20. Jahrhundert den Siegeszug durch die Küchen Amerikas und Europas antrat, findet aber auch in jenen Laboratorien der Fünften Republik Verwendung, in denen die Sprengköpfe der Atommacht zusammengeschraubt werden. Damit am Ortsrand von Is-sur-Tille, wo offenbar auf einem ehemaligen US-Gelände die Fabrikation der hochgefährlichen Stoffe erfolgt, weder Gifte noch Strahlung austreten, wird Wert auf Solidität gelegt. "Der Widerstand des Behältnisses", so die geforderte Spezifikation, "muss so ausgelegt sein, dass Behälter und Inhalt einen Sturz überstehen, ohne dass die Dichte darunter leidet."

"Einige hundert Gramm pro Topf"

Verblüffend, dass an diesem militärischen Spitzenzentrum biedere Kochtöpfe verwendet werden, wundert sich Michel Marie, einer der Sprecher des Kollektivs gegen das Vergraben von radioaktiven Abfällen. "Uns hat man Valduc stets als High-Tech-Ort beschrieben", sagte Marie dem Nachrichtensender France-Info. "Man kann sich nur schwer vorstellen, warum eine solche Anlage schlichte 'Cocotte-Minute' verwendet." Alain Cagnol, Mathematiklehrer in Pension, macht folgende Rechnung auf: "4000 Kochtöpfe zu 17 Liter, das sind rund 70 Tonnen solider Abfälle. Aber was? Uran, Plutonium, Tritium? Wir haben keine Informationen."

François Bugaut, 53, Direktor der Anlage in Valduc, bietet eine simple Erklärung: Die handelsüblichen Kochtöpfe seien "durchaus geeignet", um Plutoniumreste aufzubewahren, sagt der gelernte Ingenieur. Dazu würden die Metallabfälle, "kleine Zylinder von rund zehn Zentimeter Durchmesser und zwei Zentimeter Dicke", erst strahlensicher in Schachteln verpackt und dann in die preiswerten Behälter geschichtet. "Einige hundert Gramm pro Topf." Anschließend würden die Schnellkocher ihrerseits sicher verbunkert, denn "für einen Transport außerhalb des Geländes ist diese Form der Aufbewahrung nicht zugelassen".

Ein gutes Geschäft auch für die Kochtopfproduzenten. Ein Gewerkschafter von Marktführer SEB, Hersteller von Friteusen, Toastern und Kaffeemaschinen, bestätigte bei France-Info, dass seine Firma bereits "Tausende von Schnellkochern" an Frankreichs Atomindustrie verkauft hat - offenbar ganz zu deren Zufriedenheit. Die sachfremde, ebenso billige wie praktische Verwendung passt zum hauseigenen Werbebekenntnis: "Das Wissen um das Kochen mit dem Druckkochtopf hat sich über die Generationen immer weiterentwickelt."

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