Frankreich Atomaufsicht ordnet Abschaltung von fünf Reaktoren an

Unregelmäßigkeiten in Unterlagen des französischen Konzerns Areva geben Anlass zur Sorge: Fünf Reaktoren in Frankreich müssen für eine Überprüfung den Betrieb zeitweise einstellen.
Atomkraftwerk Fessenheim

Atomkraftwerk Fessenheim

Foto: VINCENT KESSLER/ REUTERS

Der französische Energiekonzern EDF muss außerplanmäßig fünf Reaktoren vorübergehend abschalten. Dies sei notwendig, um die Funktionstüchtigkeit mehrerer Dampferzeuger zu kontrollieren, teilte die französische Atomaufsicht am Dienstagabend mit. Die Überprüfung müsse innerhalb von drei Monaten stattfinden.

Hintergrund der angeordneten Überprüfung sind Unregelmäßigkeiten in Unterlagen des Konzerns Areva, der Bauteile für Atomkraftwerke herstellt. Die Atomaufsicht befürchtet, dass das Material von Dampferzeugern, die in den betroffenen Kraftwerken verbaut sind, nicht so stabil ist, wie es sein sollte. Die Teile sind für die Kühlung des Kraftwerks wichtig.

Betroffen ist davon auch Reaktor 1 des Kernkraftwerks Fessenheim an der deutsch-französischen Grenze im Elsass. Damit sind beide Reaktoren von Frankreichs ältestem noch laufenden Atomkraftwerk zumindest vorübergehend außer Betrieb.

Fessenheim im südlichen Elsass ist das älteste Atomkraftwerk Frankreichs. Es liegt direkt am Rhein an der Grenze zu Baden-Württemberg. Ein Gutachten stufte Fessenheim als "sicherheitstechnisch unzureichende Anlage" ein. Fachleute sahen unter anderem Mängel bei der Prüfung von Erdbeben- und Flutgefahren.

Reaktor 2 wurde bereits Mitte Juni abgeschaltet - zunächst für eine Kontrolle, später hatte die Atomaufsicht ein Prüfzertifikat entzogen. Über eine endgültige Schließung wird seit Langem diskutiert, ohne dass ein konkreter Termin sicher ist.

Der Streit um Fessenheim

Die französische Atomaufsichtsbehörde ASN hält den Zustand des Kraftwerks für insgesamt zufriedenstellend. Zu einer Schließung aus Sicherheitsgründen gebe es keinen Grund.

Frankreichs Präsident François Hollande hatte im Wahlkampf versprochen, das Atomkraftwerk in seiner bis zum Frühjahr 2017 laufenden Amtszeit abzuschalten. Als Präsident beteuerte er zunächst, das AKW werde bis Ende 2016 geschlossen.

Später rückte der Sozialist aber davon ab. Hintergrund sind massive Probleme beim Bau eines neuen Atomreaktors im nordfranzösischen Flamanville. Dieser hätte bereits 2012 ans Netz gehen sollen - inzwischen ist Ende 2018 angepeilt. Die französische Regierung macht ein Abschalten von Fessenheim von der Inbetriebnahme des neuen Reaktors in Flamanville abhängig.

Frankreich ist von der Atomkraft so abhängig wie kein anderes Land weltweit: Rund 75 Prozent des produzierten Stroms kommen aus Atomkraftwerken. Frankreich will diesen Anteil bis 2025 auf 50 Prozent senken und dazu erneuerbare Energien massiv ausbauen.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hatte jüngst erneut aus Sicherheitsbedenken die Stilllegung von Fessenheim gefordert. Auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) forderte an diesem Wochenende den französischen Präsidenten in einem Brief zur sofortigen Abschaltung der grenznahen Atomkraftwerke Fessenheim und Cattenom auf.

boj/dpa