Fukushima AKW-Betreiber Tepco will »aufbereitetes« Wasser über einen Tunnel ins Meer entsorgen

Über eine einen Kilometer lange Leitung direkt ins Meer – so möchte der Fukushima-Betreiber Abwasser ableiten. Die Lagerkapazitäten auf dem Gelände seien ab Herbst 2022 ausgeschöpft.
Das Atomkraftwerk Fukushima liegt an der Pazifikküste

Das Atomkraftwerk Fukushima liegt an der Pazifikküste

Foto: Christian Aslund / EyeEm / Getty Images

Wo entsorgt man Wasser, mit dem nach einem Reaktorunfall ein Atomkraftwerk gekühlt worden ist? Die Betreiberfirma des japanischen Atomkraftwerks Fukushima Daiichi befindet: im Meer. Und will das Wasser nun über eine unterirdische Leitung von einem Kilometer Länge ableiten. Diese Pläne hat das japanische Energieversorgungsunternehmen Tepco am Mittwoch bekannt gegeben.

Insgesamt soll eine Menge von 1,27 Millionen Tonnen Wasser über einen Tunnel in den Pazifik abgepumpt werden. Dazu gehört Wasser, das nach dem Atomunfall 2011 zum Kühlen der havarierten Atomanlage eingesetzt worden ist, aber auch Regen- und Grundwasser von dem radioaktiv verseuchten Gelände.

Bereits im April hatte die Regierung in Tokio entschieden, das Wasser innerhalb von zwei Jahren abzulassen. Das Unternehmen Tepco will nun nach eigenen Angaben bis März 2022 mit dem Bau der Leitung beginnen. Ab dem Frühjahr 2023 könne dann Wasser abgeleitet werden – angedacht ist dafür eine Tiefe von etwa zwölf Metern unter der Oberfläche.

Der Tunnel soll das Kontaminierungsrisiko senken

Der Tunnel soll unter dem Meeresgrund gebaut werden. Nach Angaben des Unternehmens seien Bohrungen im Felsgestein des Meeresbodens in der Nähe des Reaktors Nummer 5 geplant. Dieser Reaktor hatte bei der Kernschmelze im Kraftwerk keinen Schaden genommen. So, heißt es von Tepco, lasse sich das Risiko einer möglichen unterirdischen Kontamination oder das Austreten von radioaktivem Grundwasser in den Tunnel minimieren.

Zuvor sollen Machbarkeitsstudien und die Genehmigung der Regierung abgewartet werden. Die Zustimmung der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) zur Zusammenarbeit bei den Wasserproben und der Überwachung hat Japan erhalten.

Auf die Pläne der Betreiberfirma reagierten sowohl Anrainerstaaten als auch Fischereiverbände mit deutlicher Kritik. Fischer in der Region fürchten zum Beispiel, dass sie ihren Fang nicht mehr oder nur noch zu schlechten Preisen verkaufen können, sobald der Abwassertunnel in Betrieb ist. Südkorea kündigte schon im April an, die Pläne gerichtlich verhindern zu wollen.

Wie sauber ist aufbereitetes Wasser wirklich?

Die Regierung hält dagegen: Das Ablassen des Wassers in den Pazifik stelle kein Sicherheitsrisiko dar, weil beinahe alle radioaktiven Elemente herausgefiltert worden seien. Der Beauftragte für den Rückbau des Atomkraftwerks bei Tepco, Akira Ono, sagte: Indem das Wasser durch einen Tunnel abgelassen werde, lasse sich verhindern, dass es in Richtung Land zurückgespült werde. Tepco verpflichtete sich auch, gegebenenfalls Entschädigungen zu zahlen.

Zudem wolle das Unternehmen das kontaminierte Wasser mit großen Mengen Meerwasser verdünnen, um die Konzentration der radioaktiven Stoffe unter die zulässigen Grenzwerte zu senken. Mitarbeiter des Kraftwerks sollen das Wasser vor der Freisetzung beproben und täglich an mehreren Stellen Proben des Meerwassers analysieren.

Die kontrollierte Freisetzung mit einer jährlichen Obergrenze für radioaktive Stoffe werde rund 30 Jahre lang oder bis zum Ende der Stilllegung der Anlage andauern, hieß es von Tepco.

Welche Gefahr wirklich von dem kontaminierten Wasser ausgeht, ist umstritten. Bis auf das radioaktive Wasserstoffisotop Tritium filtert das Unternehmen bereits jetzt viele gefährliche Stoffe heraus. Tritium gilt jedoch als vergleichsweise harmlos.

Bislang wird das kontaminierte Wasser in mehr als tausend Tanks auf dem Gelände der Atomanlage von Fukushima gelagert. Nach Angaben der Betreibergesellschaft sind die Lagerkapazitäten allerdings ab Herbst 2022 ausgeschöpft.

Die größte Nuklearkatastrophe seit 1986

Vor zehn Jahren, am 11. März 2011, hatte nach einem Erdbeben ein fast 15 Meter hoher Tsunami das Atomkraftwerk Fukushima getroffen. Die Anlage liegt am Meer. Daraufhin fiel das Kühlsystem des Kraftwerks aus, in drei der sechs Reaktoren kam es zur Kernschmelze. Mit einer elektrischen Nettoleistung von bis zu 4,5 Gigawatt war Fukushima eines der leistungsstärksten Kernkraftwerke in Japan. Gleichzeitig war es das älteste Atomkraftwerk, das Tepco betrieben hatte.

Die Katastrophe verwandelte viele umliegende Orte, die evakuiert worden waren, in Geisterstädte. Rund 160.000 Anwohnerinnen und Anwohner mussten fliehen. Der Reaktorunfall war das größte Nuklearunglück seit der Tschernobyl-Katastrophe im Jahr 1986.

vki/AFP/AP
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