Fukushima Große Mengen Cäsium 137 auf Japans Boden

Weite Teile Japans sind nach dem Fukushima-Unglück radioaktiv schwer belastet. Nun warnen die Forscher vor landwirtschaftlicher Nutzung und fordern genauere Messungen. Selbst in schwach kontaminierten Gebieten entdeckten die Wissenschaftler hochradioaktive Stellen.
Verlassene Region in der Nähe des AKW Fukushima: Rückkehr möglich?

Verlassene Region in der Nähe des AKW Fukushima: Rückkehr möglich?

Foto: POOL/ REUTERS

Es war einst die grüne und fruchtbare Heimat Tausender Japaner, jetzt ist sie zur unbewohnbaren Einöde geworden: Die Region um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ist radioaktiv kontaminiert - teilweise wird sie wohl für immer unbewohnbar bleiben. Riesige Mengen radioaktiver Partikel wurden durch die Explosionen in den Reaktoren 1, 2 und 3 in die Luft geblasen und auf dem japanischen Erdreich sowie über dem Meer verteilt.

Viele Menschen hoffen dennoch darauf, dass es der japanischen Regierung gelingt, Schulen, Bauernhöfe, öffentliche Einrichtungen und die Häuser von den strahlenden Partikeln zu befreien. 2012 will man mit einer großangelegten Dekontaminationsaktion starten. Schon jetzt ist klar, dass dafür gewaltige Bodenmengen entsorgt werden müssen.

Jetzt haben japanische Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences"  erstmals eine Untersuchung veröffentlicht, die den Grad der radioaktiven Kontamination beziffert: Die Wissenschaftler um Tetsuzo Yasunari von der Nagoya University berechneten, wie viel radioaktives Cäsium 137 in Folge des Reaktorunglücks in die Umwelt entwichen ist.

Anhand meteorologischer Daten vom 20. März bis 19. April schätzten die Forscher jene Cäsium-137-Mengen ab, die in die Atmosphäre und auf den Boden in sämtlichen Präfekturen Japans gelangten. Die Tage zuvor werteten sie nicht: Die kontaminierten Luftmassen seien größtenteils auf den Pazifischen Ozean geweht worden, schreiben die Forscher.

Cäsium 137 zerfällt nur sehr langsam

Der Analyse nach wurden vor allem die Böden in weiten Gebieten im Osten und Nordosten des Inselreichs mit Cäsium 137 verseucht. Der Westen des Landes sei von den Bergen weitgehend vor stärkerer Kontamination geschützt worden. Das radioaktive Element entsteht neben anderen radioaktiven Isotopen als Spaltprodukt bei der Kernspaltung von Uran. Im Gegensatz aber etwa zu Jod 131, das nach rund acht Tagen zur Hälfte zerfallen ist, hat Cäsium 137 eine Halbwertszeit von 30 Jahren und ist damit besonders gefährlich, da es auf Jahrzehnte Auswirkungen auf die Landwirtschaft und das Leben der Menschen in den betroffenen Gebieten hat.

So findet man 25 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl heute noch immer Cäsium 137 in Pilzen und in Fleisch von Wildschweinen aus Bayern. Werden die Grenzwerte überschritten, müssen die Nahrungsmittel entsorgt werden und dürfen nicht in den Handel.

In den meisten östlichen Gebieten Japans, so das Fazit der Wissenschaftler, seien die Böden mit mehr als 1000 Megabecquerel pro Quadratkilometer kontaminiert worden. In den Präfekturen nahe des Kernkraftwerks lägen die Werte sogar bei mehr als 10.000 Megabecquerel pro Quadratkilometer. Am höchsten waren die Werte in unmittelbarer Umgebung zum AKW mit mehr als 100.000 Megabecquerel.

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Aus den Werten errechneten die Wissenschaftler die Daten für die Kontamination des Bodens pro Kilogramm. Der Grenzwert der Gesamtbelastung mit Cäsium 134 und Cäsium 137 für landwirtschaftlich genutzte Flächen liegt in Japan bei 5000 Becquerel je Kilogramm Boden. Davon ausgehend, dass die Hälfte der gesamten Cäsium-Belastung auf Cäsium 137 entfalle, liege der Wert in der Präfektur Fukushima über dem Grenzwert, in Miyagi, Tochigi und Ibaraki zum Teil nur knapp darunter. In diesen drei Präfekturen seien unbedingt detaillierte Messungen nötig, da die Kontamination lokal stark schwanken könne. In weiten Teilen des Landes lägen die Werte bei über 100 Becquerel pro Kilogramm Boden, in den westlichen Regionen bei etwa 25 Becquerel pro Kilogramm.

Nun müssten regional weitere, direkte Messungen folgen, da die Werte lokal viel variabler seien, als mit dem meteorologisch basierten Modell berechnet werden könne. Selbst in schwach radioaktiv belasteten Regionen hätten die Forscher mitunter hochradioaktive Hotspots entdeckt. Die erstellten Karten könnten aber ein erstes Hilfsmittel für Maßnahmen zur Dekontamination und für die Planung weiterer Analysen sein. Die Beseitigung Cäsium-137-verseuchter Böden sei eine "dringende Aufgabe", so die Forscher. Wo ein Abtragen des Bodens nicht möglich sei, müsse die Nutzung der Flächen eingeschränkt werden.

Verstrahlte Rinder zu Forschungszwecken

In einer weiteren Studie analysierten Wissenschaftler um Takeyasu Yamagata von der Nihon University in Tokio die Verbreitung mehrerer radioaktiver Elemente in japanischen Gebieten . Die Forscher kommen ebenfalls zu dem Schluss, dass sich die Werte lokal erheblich unterscheiden können - abhängig von geologischen Gegebenheiten wie Hügelketten oder regional begrenzten Luftströmen.

Doch nicht nur die Atmosphäre und der Boden wurden durch das atomare Unglück radioaktiv kontaminiert. Auch Rinder und anderes Nutzvieh in der Sperrzone um das havarierte Kernkraftwerk sind schwer radioaktiv belastet worden. Einen Teil der Tiere ließen die Behörden bereits töten. Am Dienstag erklärte der Landwirtschaftsminister Michihiko Kano, dass Japan radioaktiv belastete Rinder nun auch zu Forschungszwecken nutzen wolle.

Einzelheiten nannte er jedoch nicht. Japanischen Medienberichten zufolge wird eine Gruppe von Veterinären und anderen Forschern schon in Kürze in der Stadt Minamisoma damit beginnen, Rinder auf ihre Strahlenwerte hin zu untersuchen. Die Stadt liegt innerhalb der Sperrzone, die der Staat im April in einem Radius von 20 Kilometern um das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi eingerichtet hatte. Viele der etwa 3500 Rinder auf Bauernhöfen sind nach Evakuierung des Gebietes verwildert.

Forscher der Kitasato University sowie Mitglieder des nationalen Veterinärverbandes wollen nun mit Unterstützung des Landwirtschaftsministeriums Bauernhöfe regelmäßig aufsuchen, die zur Kooperation bereit sind, wie die Nachrichtenagentur Kyodo berichtete. Die Forscher erhoffen sich Aufschlüsse über die Folgen von radioaktiven Substanzen im Inneren des Körpers - auch beim Menschen. Die Untersuchungen sollen den Forschern zufolge auch helfen, Maßnahmen zu entwickeln, wie Tiere in Zukunft gegen Strahlen geschützt werden können.

Der Staat hatte eigentlich im Mai verfügt, aufgegebene Rinder, Schweine und Hühner in der Sperrzone töten zu lassen. Bisher sind laut Medienberichten rund 300 Rinder notgeschlachtet worden. Seit dem Sommer sind jedoch einige der ausgesetzten Rinder wieder eingefangen worden, da ihre Züchter sie lieber zu Forschungen benutzen wollen, als sie sterben zu lassen.

cib/dpa