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10. Oktober 2014, 11:35 Uhr

Atomkraft

Was wurde aus... Fukushima und der Kernenergie?

Von und

Mit dem Super-GAU im Kernkraftwerk Fukushima schien das Ende der Atomenergie gekommen. Doch jetzt werden stillgelegte Reaktoren wieder hochgefahren und sogar neue gebaut. Ist der Schreck bereits verflogen?

Tief im Inneren der Reaktoren 1, 2 und 3 strahlen sie noch immer, die Brennstäbe von Fukushima. Auch mehr als dreieinhalb Jahre nach der Katastrophe geben die Stäbe Hitze und Strahlung ab. Zu Hunderten sind sie geschmolzen, haben sich in den Boden der Reaktordruckbehälter hineingefressen, mutmaßlich vermischt mit dem Stahl und dem Beton der Schutzhülle zu einer hoch radioaktiven Masse.

Wie es genau im Herzen der zerstörten Meiler des Betreibers Tepco aussieht, weiß niemand. Viel zu hoch ist die Strahlung, um selbst mit Schutzanzügen dort zu arbeiten. Bis heute müssen die havarierten Reaktoren Tag für Tag mit tonnenweise Wasser gekühlt werden, um nicht wieder außer Kontrolle zu geraten. Und noch immer gelangt kontaminiertes Wasser in den Pazifik.

Das Schlimmste vermeiden - so lautet das Motto in Fukushima seit jenem verhängnisvollen 11. März 2011, als ein Tsunami die Schutzwälle überspülte, die Stromversorgung und damit die Kühlanlagen des Kraftwerks lahmlegte. Als sich die Brennstäbe in den Reaktoren 1, 2 und 3 überhitzten und die Reaktorkerne schmolzen. Als tags darauf die Bilder des explodierenden Blocks 1 die Welt schockierten, als es später auch in weiteren Reaktoren zu Wasserstoffexplosionen kam, als die Menschheit wochenlang die Folgen des Super-GAU fürchten musste. Deutschland und die Schweiz beschlossen den Ausstieg aus der Kernkraft, Japan legte einen Meiler nach dem anderen still. Und viele Experten prophezeiten das Ende des Atomzeitalters.

Die Kernkraft ist "weiterhin eine zentrale Energiequelle"

Doch die Kernenergie ist längst nicht tot. Ausgerechnet die japanische Regierung hat den Ausstieg aus dem Ausstieg beschlossen. Weltweit werden nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) 71 neue Meiler gebaut: von der Volksrepublik China über Südkorea, Abu Dhabi und Russland bis nach Brasilien. Mehr als 150 weitere Kraftwerke sind laut der industrienahen World Nuclear Association in Planung.

Nicht einmal Europa wird atomstromfreie Zone: 2013 hat Großbritannien die Errichtung eines neuen AKW beschlossen. Weitere sieben sollen bis 2030 folgen - "um diese Industrie wieder neu zu starten, Tausende Jobs und ein langfristiges, sicheres Stromangebot zu liefern", wie Premier David Cameron sagt. Belgiens designierte neue Regierung hat gerade beschlossen, zwei Meiler länger zu betreiben, die eigentlich stillgelegt werden sollten. Der Atomausstieg des Landes, der vor Jahren beschlossen wurde, steht wieder in Frage. Und die EU-Kommission nennt die Kernkraft "weiterhin eine zentrale Energiequelle für die CO2-arme Stromerzeugung".

Von einem weltweiten Atom-Boom zu sprechen, wäre dennoch übertrieben: Manche neu errichteten Reaktoren sollen alte ersetzen, einige Projekte verzögern sich immer wieder, der Anteil des Nuklearstroms am globalen Energiemix ist in den vergangenen Jahren sogar gesunken. Vor dem Aus steht diese Technologie aber ebenso wenig: Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert, dass in den kommenden zwei Jahrzehnten "der Anteil der Kernenergie an der weltweiten Stromerzeugung mit zwölf Prozent stabil bleibt". Allerdings wird der globale Elektrizitätsbedarf voraussichtlich steigen. Folgerichtig prognostiziert die US-Energiebehörde EIA, dass der Konsum von Atomstrom bis 2040 jährlich um 2,5 Prozent wachsen werde.

Warum, zeigt das Beispiel Japan. Dort forciert Premier Shinzo Abe in seiner Energiestrategie das Wiederhochfahren mehrerer stillgelegter Anlagen - obwohl die Mehrheit der Wähler dagegen ist. Japan brauche ob seiner knappen Ressourcen "einen balancierten Energiemix", sagt Wirtschafts-, Handels- und Industrieministerin Yuko Obuchi. Der Regierung ist die Stromerzeugung in Gas- und Kohle- statt Atomkraftwerken zu teuer geworden. "Nach dem Fukushima-Unfall sind die Importkosten für fossile Brennstoffe um 33 Milliarden Dollar pro Jahr gestiegen", sagt Obuchi. Sonne und Wind lieferten den Strom zu unzuverlässig.

Gerade die Industrie ist auf gleichmäßige Versorgung zu jeder Tages- und Nachtzeit angewiesen. Deshalb greifen Deutschlands Versorger nun verstärkt auf fossile Energieträger zurück: 2013 stieg die Stromproduktion aus Braunkohle auf den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung.

China hingegen hat das nach Fukushima verhängte AKW-Baumoratorium nach wenigen Monaten wieder aufgehoben. "Kernenergie wird uns helfen, unser Land weiterzuentwickeln, es ist der sicherste Weg", sagt Vize-Außenminister Li Baodong. Rund 80 Prozent der Elektrizität stammen aus Kohlekraftwerken, deren Abgase die Luft in den Städten verschmutzen. Das ist durchaus gefährlich für die Gesundheit: Selbst in Europa führt die Nutzung der Kohlekraft laut einer EU-Studie zu mehr als 18.000 vorzeitigen Todesfällen pro Jahr.

Peking versucht daher zu diversifizieren: mit erneuerbaren Energien, aber auch mit Kernkraft. Bis 2020 soll sich die Zahl der Meiler in etwa verdreifachen. Gerade Schwellenländer setzen weiter auf Atomkraft. Weil sie für ihre Expansion immer mehr Energie brauchen.

Auch in Europa ist der Fukushima-Schock vielerorts der Ansicht gewichen, man könne bezahlbare, zuverlässige Energieversorgung ohne Anstieg des CO2-Ausstoßes nur durch Atomkraft sicherstellen. Der Anteil der Kernkraft an der europäischen Stromproduktion werde noch Jahrzehnte etwa 25 Prozent betragen, sagt der scheidende EU-Energiekommissar Günther Oettinger voraus. In Frankreich etwa sind es stolze 73 Prozent - so viel wie nirgends sonst auf der Welt.

Auch der Weltklimarat empfehle neben den Erneuerbaren die Kernkraft als Instrument gegen die Erderwärmung, sagt Oettinger - was bereits zu heftigem Streit zwischen Klimaforschern und kohlekritischen Umweltverbänden geführt hat. Erst gerade hat Brüssel den Plänen der Londoner Regierung zugestimmt, den Bau des neuen AKW in Hinkley Point mit üppigen Subventionen zu unterstützen.

In Fukushima aber ist noch längst nicht alles sicher. Die riesigen Tanks auf dem Gelände, in denen das verstrahlte Wasser zwischengelagert wird, werden immer voller: Nach Regierungsangaben beinhalten sie bereits mehr als 500 Millionen Liter, und täglich kommen Hunderttausende Liter dazu. Der Bau eines Eiswalls aus gefrorenem Boden, der Grundwasser davon abhalten soll, auf das Gelände der Atomruine zu fließen, verzögert sich ständig. Arbeiter des havarierten Kraftwerks haben angekündigt, den Betreiber Tepco zu verklagen. Zehntausende Menschen, die im März 2011 aus der Gefahrenzone rund um das AKW evakuiert wurden, konnten bis heute nicht in ihre Heimat zurückkehren. Experten zufolge könnten die Aufräumarbeiten 40 Jahre lang dauern.

Das Atomzeitalter wird auch dann kaum zu Ende sein: Peking plant, die Leistung der chinesischen Meiler bis 2050 mehr als zu verzehnfachen.

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