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Fukushima Kernschmelze offenbar schlimmer als befürchtet

Ungeachtet des nuklearen Desasters in Fukushima hält Japan an seinem Atomkurs fest: Die Regierung plant, heruntergefahrene AKW wieder in Betrieb zu nehmen, um Stromengpässe zu vermeiden. Derweil wurde bekannt, dass die Kernschmelze möglicherweise schlimmer war als bisher angenommen.
Reaktorbecken im AKW Fukushima I vor der Katastrophe (2010): Japan bleibt auf Atomkurs

Reaktorbecken im AKW Fukushima I vor der Katastrophe (2010): Japan bleibt auf Atomkurs

Foto: AFP/ JIJI PRESS
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Tokio - Schockiert durch den Reaktorunfall im amerikanischen Städtchen Harrisburg hat Japan schon einmal einige seiner AKW vorübergehend stillgelegt. Damals, im März 1979, ahnte die japanische Regierung nicht, was dem Land blühen sollte: Einige Monate später, im Sommer, als die Klimaanlagen wegen der jährlichen Sommerhitze auf Hochtouren liefen, kam es zu dramatischen Engpässen in der Stromversorgung. Im Juli 1979 gingen in Japans Städten die Lichter aus. Keine Leuchtreklamen mehr, keine überdimensionalen Neon-Schilder, keine Straßenlaternen.

Dieses Mal soll das nicht wieder passieren. Deshalb will Japan jene AKW, die nach dem nuklearen Desaster in Fukushima zu Inspektionen heruntergefahren wurden, just zum Sommer wieder in Betrieb nehmen. Er wolle, dass die Meiler zum Juli wieder ans Netz gehen, sagte Industrieminister Banri Kaieda am Dienstag, knapp drei Monate nach der Naturkatastrophe vom 11. März.

Er hoffe, so sagte der Minister im Vorgriff auf mögliche Diskussionen, dass die umliegenden Gemeinden dafür Verständnis zeigten. Doch viele Anwohner von AKW sind seit des schweren Atomunfalls in der Anlage Fukushima I verunsichert. Deshalb fordern die Gemeinden von der Zentralregierung zunächst schärfere Sicherheitsauflagen.

Von ihrem Atomkurs lässt sich die Regierung dennoch nicht abbringen. Sie hatte lediglich ältere, erdbebengefährdete Reaktoren zur Überprüfung zeitweise stillgelegt.

Zu hohe Strahlenbelastung für die Tepco-Männer?

Unterdessen haben Beamte des Arbeitsministeriums die Atom-Ruine in Fukushima aufgesucht, um herauszufinden, ob der Betreiber Tepco gegen Sicherheitsauflagen für die dortigen Reparaturtrupps verstoßen hat. Anlass ist der Fall von zwei Arbeitern, die einer Strahlenbelastung weit über den vorgeschriebenen Grenzwerten ausgesetzt worden sein sollen. Es besteht die Befürchtung, dass auch andere Männer im AKW unter ähnlichen Bedingungen arbeiten mussten.

Zudem ist bekannt geworden, dass es in einigen Reaktoren zu einer so starken Kernschmelze gekommen sein könnte, dass sich der Brennstoff durch die Reaktordruckbehälter gefressen hat. Am Dienstag stellte die Regierung einen Bericht über die Atomunfälle in dem AKW vor, den sie der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) übermitteln will.

Mit allen Mitteln kämpft Japan um seinen Atomkurs: Mit der Untersuchung und deren Veröffentlichung will die Regierung nach eigenen Angaben verhindern, dass sich solche schwere Unfälle wiederholen. Es dauere sehr lange, einen Unfall dieser Tragweite zu analysieren, sagte Goshi Hosono, Berater von Regierungschef Naoto Kan, auf einer Pressekonferenz in Tokio. "Wir haben aber entschieden, der internationalen Gemeinschaft mitzuteilen, was wir bis jetzt wissen." Nur so könne das verlorene Vertrauen in Japan wiedergewonnen werden.

Das neue Expertengremium plant, gegen Ende des Jahres einen Zwischenbericht vorzulegen. Ein abschließendes Urteil soll dann kommen, wenn die Krise bewältigt ist. Dem aktuellen Bericht zufolge fand in den Reaktoren 1, 2 und 3 der Anlage eine Kernschmelze statt. Es sei zudem "möglich", dass der Brennstoff durch den inneren Reaktorbehälter hindurch auf den Boden des äußeren Sicherheitsbehälters getropft ist. Gleichwohl seien dies Vermutungen, da Untersuchungen im Inneren der beschädigten Reaktorgebäude noch unmöglich seien.

Die Regierung entschuldigt sich in ihrem Bericht für die Atomkatastrophe und gesteht ein, dass Japan auf solch einen schlimmen Unfall nicht vorbereitet war. Die IAEA war mit einem eigenen Expertenteam vor Ort kürzlich bereits zu der Feststellung gelangt, dass Japan die Risiken der Atomkatastrophe und deren Folgen unterschätzte.

Auch bei seiner Atomsicherheit kündigte Japan nun Reformen an: So soll etwa Japans Behörde für nukleare Sicherheit vom Industrie- und Handelsministerium abgekoppelt werden, dem sie derzeit untersteht. Die IAEA hatte die fehlende Unabhängigkeit der Aufsichtsbehörde bereits kritisiert.

cib/dpa/AFP